Paullini
als Wissenschaftler:
Arbeitsweise,
Intention und Argumentation Paullinis
Anhand seiner
kurzen Lebensbeschreibung läßt sich schon erkennen, daß
Paullini kein ungebildeter "Quacksalber" war, der gutgläubigen
Menschen widerliche Substanzen verkaufen wollte. Paullini hatte studiert,
ist quer durch Europa gereist, lernte bedeutende Wissenschaftler seiner
Zeit kennen, korrespondierte mit ihnen und nimmt in allem den Habitus
eines typischen Gelehrten jener Zeit ein, der zu jeder medizinischen,
historischen oder naturwissenschaftlichen Besonderheit, die ihm begegnete,
eine kleine Schrift verfaßte.
Er besaß
das damalige universelle Wissensverständnis, und das Spektrum
seiner Werke verdeutlicht dies. Theologische, geographische und historische
Aufsätze finden sich ebenso in der gleichen Veröffentlichung
wie die neueste medizinische Beobachtung. Dies erscheint heute natürlich
konfus und unstrukturiert, man muß aber bedenken, daß
gegenwärtig andere Klassifikationen herrschen. Dieses "Durcheinander"
in der Themenvielfalt erschwert es besonders, solche barocken Abhandlungen
zu systematisieren.
Daß man
Paullini heute vorrangig als Arzt bezeichnet, liegt an seiner Ausbildung.
Das war zwar sein Beruf, aber daß er in anderen Disziplinen
ebenfalls heimisch war, würde man heute nur als "Nebentätigkeit"
oder bestenfalls Berufung ansehen. In den alten Lexika wird er nicht
nur als Arzt, sondern auch als Historiker, Philosoph, Botaniker, Schriftsteller
und Dichter bezeichnet, obwohl er nach unserem heutigen Verständnis
keine weitere Ausbildung genossen hat.
Er wurde als "Polyhistor",
als ein universell gebildeter Mensch, betitelt und war eingebunden
in das Wissenschaftssystem seiner Zeit.(1) Paullini ist sicherlich
nicht als Besonderheit herauszustellen, er war "nur" ein
Gelehrter unter vielen. Aber daß er ein sehr versierter, unermüdlich
beobachtender und vielseitig interessierter Wissenschaftler war, ist
nicht in Frage zu stellen. Es ist vielmehr notwendig, sich von modernen
Definitionen zu lösen und zu untersuchen, was Paullini in seiner
Zeit zu einem Wissenschaftler machte.
Die Wahlsprüche
Paullinis lauteten "Labore et Candore" und "Nunquam
Otiosus"(2). Er wurde ihnen sehr gerecht, da er mindestens 61
lateinische und deutsche Werke publizierte, die auf eine sehr produktive
und arbeitsame Persönlichkeit hinweisen.(3) Zu seinen deutschen
Schriften zählen u.a.
"Flagellum salutis, oder curieuse Erzehlung, wie mit Schlägen
allerhand schwere, langwierige und fast unheilbare Krankheiten curiret
worden [...]", Frankfurt 1698,
"Anmuthige Langeweile [...]", Frankfurt 1703,
"Poetische Erstlinge [...]", Leipzig 1703,
"Curieuse
Bauren Physik [...]", Frankfurt und Leipzig 1705,
"Allerhand rare Merkwürdigkeiten [...]", Frankfurt
1693 - 1695 und
"Das hoch- und wohlgelehrte Frauenzimmer [...]", Frankfurt
und Leipzig 1705.(4)
Paullinis lateinische
Werke tragen Titel wie
"Dissertatio Botanica. De Chamaemoro Norwagico [...]", Hamburg
1676,
"Dissertatio curiosa. De Starcutero, famosissimo Gigante boreali.
[
]", Florenz 1677,
"Cynographia curiosa [
]", Nürnberg 1685,
"De Jalapa [
]", Frankfurt 1700,
" Geographia curiosa [
]", Frankfurt 1699,
"De Theriaca Coelesti reformata [...]", Frankfurt 1701 oder
"De Lumbrico terrestri Schediasma [...]", Frankfurt und
Leipzig 1703.(5)
Paullini beschrieb
1703 in einem Aufsatz seine eigene Auffassung von Bildung und Gelehrtheit.
Er definiert einen gebildeten Menschen nicht allein über dessen
Ausbildung, sondern für ihn stehen die Beobachtung des Umfeldes,
Selbstdisziplin, Fleiß, Intelligenz, die eigene Urteilskraft
und vor allem Neu- und Wißbegierde im Vordergrund:
"Ich
muß wohl lachen, wenn theils alberne Eltern ihre Kinder so
unbedachtsam auff Universitäten jagen, und meinen, daselbst
schüttete man Kunst und Weißheit von den Bäumen.
Wie sie aber in ihrem Wahnwitz betrogen werden zeugt leider! die
tägliche Erfahrung. Zu jedweder Kunst gehört ein fähiges
Gedächtnis, gute Docilität, daß sich einer leicht-,
ordent- und deutlich lehren lässt, und beharrlicher Fleiß.
Unter diesem Drey wird zugleich die intelligentz und judicium mit
begrieffen. Klug sein ist nicht anders, als anderer Leben wie in
einem Spiegel anschauen, und darauß zum Nutzen und Nachfolge
ein Exempel nehmen. Kommt fleissige conversation mit verständigen
Leuten und nutzliches Reissen dazu, bedarffst du weiter nichts.[...]"(6)
Paullini sammelte
und dokumentierte Grenzfälle, Rezepte und seltene Erscheinungen,
aber er schrieb auch historische und theologische Abhandlungen. Zudem
pflegte er einen regen Briefwechsel mit zahlreichen europäischen
Geistesgrößen, wobei uns die meisten heute unbekannt sind.
Sobald der Plan für eine neue Publikation gefaßt war, bat
er sicherlich auch seine gelehrten Kollegen um ihre Beiträge,
die er dann veröffentlichen konnte. Man kann mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit
davon ausgehen, daß er die Anerkennung seiner Kollegen genoß.
Der unbefangene
Umgang miteinander und die Akzeptanz, die Paullini als gleichwertigem
Wissenschaftler entgegengebracht wurde, wird vielleicht deutlicher,
indem man sich verinnerlicht, daß er Gelehrte kennenlernte,
die noch heute ehrfürchtig zu den Universalgenies gezählt
werden.
So konnte Paullini nicht allein Athanasius Kircher zu seinen Freunden
zählen, den er besuchte und lebenslang sehr verehrte, sondern
auch Gottfried Wilhelm Leibniz gehörte zu seinem Bekanntenkreis.
Kircher war schon
im 17. Jh. als bedeutender und herausragender Wissenschaftler bekannt,
wobei es bis ins 18. Jh. hinein als geradezu unerläßlich
galt, sich auf ihn, wie auch auf andere Autoritäten, zu berufen.(7)
Kircher führte u.a. Experimente in der Optik, Musik, Alchemie
und Physik durch. Er setzte sich aber auch für die Entschlüsselung
der Hieroglyphen ein und versuchte als einer der ersten Krankheiten
wie Pest, Malaria oder Pocken auf Mikroorganismen zurückzuführen.(8)
Paullini zitiert ihn immer wieder und erinnert sich gern an diese
Bekanntschaft:
"Es
sind nun zwey und dreyssg Jahre, alß ich [...] meine Gedancken
darüber dem Welt-berühmten Jesuiten P. Athanasio Kirchern,
Professor zu Rom, überschickte, welcher nicht nur solche wohl
annahm, sondern auch alsofort zum Truck befördern ließ,
und hie und da bey Gelahrten beliebt machte.[...]"(9)
Mit Leibniz begann
Paullini ab 1690 zu korrespondieren.(10) Dieser betrieb mit bis zu
200 Gelehrten im Jahr einen regen Briefwechsel, wobei der lateinische
Austausch zwischen Leibniz und Paullini auf einen offiziellen und
formalen Kontakt schließen läßt.(11)
Paullini hatte
seit 1687 die Idee ein Historisches Reichskollegium zu gründen,
daß sich mit der kompletten Erstellung der gesamten deutschen
Geschichte befassen sollte. Für dieses Projekt wollte er möglichst
viele historisch arbeitende Gelehrte gewinnen. Er selbst übernahm
die Geschäftsleitung, entwarf das Programm, verteilte die Aufgaben
und war der Archivar und der Rechtsberater des Unternehmens.(12)
Somit versuchte
er auch Leibniz in das Kollegium einzubinden. Gleich in seinem ersten
Brief gibt er einen Überblick über die von ihm verfaßten
historischen Schriften, wobei er entschieden darauf hinweist, bei
seinen Darstellungen immer genügend Belege gesucht zu haben und
diese auch anzugeben.(13) Paullini vollendete 1681 die Corveyer Chronik,
in welcher er zum Teil Urkunden gefälscht haben soll.(14) Diesem
Umstand ist es zu verdanken, daß Paullini noch heute als "Urkundenfälscher"
in der Geschichtsforschung präsent ist.
Leibniz reagierte
aber erfreut auf Paullinis Anliegen. Er hatte bereits die Corveyer
Chronik in Wolfenbüttel gesehen, freute sich auf die Annalen,
die zukünftig durch das Kollegium publiziert werden sollten und
lobte Paullinis Arbeiten, welche er für sehr nützlich und
lehrreich hielt.(15) Im Februar 1691 teilte Paullini dem Gothaer Numismatiker
und Historiker W. Ernst Tentzel (1659 - 1701)16 mit:
"Auch
hat H. Leibniz [...] mir gar ümständlich geantwortet,
und zu ernstlicher Fortsetzung des Collegii ermahnet. Ich spüre
fast, daß er an der deductione jurium domus Brunsvicens.,
[...], mitarbeite, so gar bald ans liecht kommen wird, [...] so
mich hertzlich verlangt zu sehen."(17)
Leider kam es
aber nie zur Verwirklichung des Historischen Reichskollegiums. Paullini
konnte die Gründung dieser Gesellschaft nicht durchsetzen. Im
Jahr 1703 sah auch er, als einer der letzten, das Unternehmen als
gescheitert an.(18) Aber auch andere Projekte nahm Paullini in Angriff.
So hegte er die Absicht den "Belorbeerten Taubenorden" zu
gründen, der sich mit "Antiquitäten und Historie"
beschäftigen sollte.(19) Des weiteren versuchte er eine "Academia
Pauperum", eine Studienanstalt für mittellose junge Männer,
ins Leben zu rufen, was ihm aber leider nicht gelang.(20) Schließlich
plante Paullini noch die Gründung einer "Teutsch-liebenden
Gesellschaft", die zum Erhalt der deutschen Sprache beitragen
sollte.(21)
Neben diesen Versuchen,
eigene Vereinigungen zu verwirklichen, wurde Paullini selbst die Mitgliedschaft
in vielen wissenschaftlichen Gesellschaften angetragen. In Weimar
war er als "Der Wachsame" in der "Fruchtbringenden
Gesellschaft" tätig, die auch als "Palmenorden"
bekannt ist, und ihn als "wohlangesehenen Doctor medicinae seines
guten und tätlichen Gemüts halber" aufnahm.(22) Im
Jahr 1672 nahm ihn Sigmund von Birken (1626 - 1681) als "Uranius"
in den Nürnberger "Pegnesischen Blumenorden" auf.(23)
Und 1675 trat
Paullini, unter dem Namen "Arion", der Akademie "Natura
curiosor" oder auch "Leopoldina" bei, der bedeutendsten
deutschen Ärzte- und Naturforschergesellschaft der damaligen
Zeit.(24) Schließlich folgte 1688 noch die Mitgliedschaft in
der "Accademia Recuperatorum" in Florenz.(25) Im Jahr 1673
wurde Paullini durch Leopold I. zum Kaiserlichen Hofpfalzgrafen ernannt.(26)
Mit diesem Ehrentitel war ein Amt verbunden, daß ihn unter anderem
dazu berechtigte, in der medizinischen und der juristischen Fakultät
"Doctores, Licentiaten und Baccalaureen", sowie in "den
freien Künsten" und der "Philosophy Magistros, Baccalaureos"
und "Poëtas Laureatos" zu "creiren".(27)
Des weiteren konnte er nicht nur Notare, Richter und öffentliche
Schreiber benennen, sondern auch uneheliche Kinder legitimieren. Und
letztlich war es ihm auch erlaubt, ein erbliches Wappen zu führen.(28)
Neben seinen medizinischen
und historischen Werken, sah Paullini sich auch berufen Aufsatzsammlungen
zu publizieren, die Titel tragen wie "Zeit-kürtzender Erbaulicher
Lust- oder- Allerhand auserlesener rar- und curioser, so nütz-
als ergetzlicher, Geist- und Weltlicher Merckwürdigkeiten [...]
zum vortheilhafftigen Abbruch verdrießlicher Langeweil, und
mehrerm Nachsinnen heraußgegeben" (1695) oder "Anmuthige
Lange Weile oder Allerhand feine, außerlesene, seltene und curieuse
Discursen, Fragen und Begebenheiten, sampt derer Erörterung,
männiglich zum ergetzlichen Nutzen und erbaulichen Zeit-Vertreib,
wohlmeinend abgefaßt [...]" (1703).
Diese Schriften
beinhalten, scheinbar zusammenhanglose, Ansammlungen von Beobachtungen,
Fällen oder Beschreibungen, welche Paullinis eigener empirischer
Arbeit zu Grunde liegen oder ihm angetragen worden sind. Dadurch entsteht
natürlich der Eindruck, daß seine Leistung nur in der Wiedergabe
des Wissens anderer besteht oder in der sich wiederholenden Anhäufung
von Bibelzitaten und in der Rezeption antiker Schriften. Aber dieses
Zusammentragen und Sammeln war fester Bestandteil der damaligen Wissenschaftspraxis.
Paullini begründet dies folgendermaßen:
"Wozu
sollten mir mein ehmalig neunjährig Academisches Leben, meine
so mühsame Reisen, alle Curiositäten, Studiren, Correspondentzen,
und dergleichen nutzen, wenn ich nicht diß und das, mir dienlich
und anständiges, wolte gehört, gelesen, gesehen und angemerckt
haben? So wird ja auch in meiner vieljährigen Praxi klein und
grosses mir begegnet seyn.[...] Wer viel lieset, muß auch
billich viel mercken, und zu seiner Zeit an gehörigem Orte
mit Nutzen wieder hervor bringen.[...]"(29)
Paullini belehrt
in seinen Aufsätzen, er beschreibt ausführlich neueste Beobachtungen,
gibt die Folgen unbedachtsamen Handelns wieder und möchte aber
auch unterhalten. Er lobt, übt Kritik und beantwortet die Fragen
des imaginären Lesers, etwa darüber, ob "abgehauene
Nasen auch wohl wieder wachsen" können, ob manchmal Sterne
vom Himmel fallen, ob "und wie man mit blossen Clystieren Fieber,
und andre Krankheiten gründlich curiren könne", inwieweit
"wol einer mit den Füssen schreiben, nähen, auff Instrumenten
spielen, und dergleichen andere Arbeiten verrichten kann", falls
"die Natur jezuweilen die Arme und Hände vergißt",
wobei sie "ihren Irrthum fast desto reicher" ersetzt, "so
daß Mund oder Füsse dergleichen verrichten müssen".(30)
Er macht sich nicht allein Gedanken über die Gebärdensprache,
eine gesunde Lebensweise oder den Kaiserschnitt, sondern nimmt auch
das aktuelle Zeitgeschehen war, indem er es in seinen Aufsätzen
abhandelt.(31)
So berichtet Paullini
über Johann Friedrich Böttger, wobei er fragt "Was
von dem Berlinischen Goldmacher zu halten sey", erzählt
"Von dem jüngst [9. Januar 1694] erschrecklichen Sicilianischen
Erdbeben und deßen Ursache", oder auch "Von der vorm
Jahr abscheulichen Menge Heuschrecken in Thüringen".(32)
Ebenso steht Paullini auch neuen Techniken nicht gleichgültig
gegenüber. Er zeigt sich fasziniert vom Mikroskop und den daraus
zu erwartenden Möglichkeiten, Erkenntnisse über Krankheitserreger
zu erhalten. Er schreibt:
"[...]
die Würmer, [...] so annoch die Haupt-Ursache der Kinder-Blattern,
rothen Ruhr, Pest, Kalten Brands, Franzosen, und andrer schwerer
Kranckheiten, sind [...] in jeder Speise und Tranck [...] unumgänglich
zu finden.[...](33) [...] Varro gedenckt sumpffichter Plätze,
worin kleine, aber unsichtbare Thierlein zu finden, so durch die
Lufft in Mund und Nasen kommen und schwere Kranckheiten verursachen.[...]
Da möchte ich [...] wohl wünschen, daß wir dergleichen
mit dem m i c r o s c o p i o fleissig geprüft hätten,
so könten wir vielleicht von denen Würmgen im Blut bessern
Bescheid ertheilen.[...] Muthmassiglich werden sothane durch Mund
und Nasen eingezogene Würmlein mit dem Blut vermengt, da sie
sich dann vergrößern und vermehren, worauf viel Unheil
entspringt. Alles was wir essen, trincken, oder womit wir uns kleiden,
ist nichts anders, als eine Behausung oder Hütte mancherley
Würme und Ungezieffers.[...](34) [...] Leuenhoeck [Antoni
van Leeuwenhoek (1632-1723)] hat eine unzählige Menge kleiner
Thiergen von unterschiedner Größe, Farbe und Gestalt
gesehen, so mehrenteils geschwänzt waren, so gar, daß
in einem Wasser-Tropffen dergleichen zehn tausend sichtbar waren.(35)
[...] Wenn D. Brand in einem eintzeln Wassertropfen unzählige
Menge Würme gesehen hat, kanst du leichtlich weiters nachsinnen
[...] Denn von solchen entstehen gar leichtlich giftige Fleck- und
andre Fieber.[...] Wie viel Millionen [...] beherbergt die Erde?
Wer kann sich davor hüten?"(36)
Daneben erstreckt
sich Paullinis Themenauswahl aber auch auf "alltäglichere"
und rein informative Beobachtungen wie "Eine lebendige Schlange
auß eines Weibes Brust gesogen", "Rothe Ruhr von einer
Fliegen", "Das verborgene Kröten-Gifft", "Ein
Kind im Mutter-Leibe von Würmern gantz und gar verzehrt und auffgefressen",
"Blindheit vom blossen Schrecken", "Der lausichte Urin",
"Wie kanstu mit einem Athem wärmen und kühlen"(37),
"Eine Dorne 30 Jahre lang im Auge und ein Messer 8 Jahre lang
im Gehirn, ohne alle Schwierigkeiten beherbergt", "Bei einem
Bauer stellte sich, so oft er Musik hörte, Erbrechen ein"(38)
oder "Von einem schwarzen Gehirn und Hirnschale"(39). An
sich selbst beobachtete Paullini sogar die "Wahrnehmung von der
durch einen Trunk Biers verursachten Hemmung der Sprache"(40)
Daß er im
Geist seiner Zeit verwurzelt war, bezeugen Aufsätze, die einerseits
zwar abergläubisches Handeln und Denken schon verurteilen, andererseits
aber trotzdem noch im Aberglauben verhaftet sind. So fragt Paullini
nicht nur, "Ob Joanna de Arc eine Hexin gewesen" ist, sondern
er berichtet auch "Gutes neues vom Weisen-Stein".(41) Er
informiert die Leserschaft auch darüber, "Daß es ja
so wohl was gutes, als böses, bedeute, wann einem ein Haaß
übern Weg läufft" oder "Ob das Blutschwitzen eines
entleibten Körpers, in Gegenwart des Thäters, ein unbetrüglich-gewiß
Zeichen der That sey".(42)
Daß diese
Art der Wissensvermittlung nicht nur in der deutschsprachigen "Unterhaltungslektüre"
Paullinis zu finden ist, sondern die seinerzeit normale Verarbeitung
von wissenschaftlichen "Wahrnehmungen" darstellt, beweisen
die Aufsätze, welche Paullini in der Zeitschrift der "Leopoldina"
veröffentlichte. Diese unterscheiden sich nicht in ihrem Stil,
obwohl sie direkt an den Kreis der lateinkundigen Gelehrten, an die
Wissenschaftler, adressiert waren. Auch hier schildert Paullini Beobachtungen
wie die von einer "Wöchnerin, welche eine erstaunliche Menge
Würmer ausstieß", "Gelbsucht durch den Biß
des Eichhörnchens", "Mit Erschrecken und Wasser geheilte
Epilepsie", "Wiedehopf gegen die Koliken" oder "Tod
durch Schlaflosigkeit etc.".(43) Aus heutiger Sicht besitzt diese
Darstellungsweise der Themen wohl eher einen kompilatorischen und
unterhaltenden, als einen wissenschaftlichen Charakter.
Paullinis theologische
Überlegungen umfassen unter anderem Fragen, inwieweit denn "die
Offenbarungen Petri und Pauls glaubwürdig" sind, oder wieviel
"alt-vettelisch Gewäsch darin enthalten" ist und "darum
billich verworffen werden" kann.(44) Er möchte wissen, "Ob
der Evangelist Lukas ein Mahler gewesen" ist und ob "ein
Weib Pabst sein kann".(45) Insgesamt argumentiert Paullini sehr
religiös, beschließt jeden Aufsatz mit einem Bibelzitat
und wird nicht müde, dem Leser Gottes wundervolle Schöpfung
näher zu bringen und dabei ständig auf die eigene Sterblichkeit
hinzuweisen:
"Was
kann mir die liebe Zeit besser verkürtzen, als gottseelige
Betrachtung meiner Sterblichkeit? Was kann mich mehr erbauen, als
solch-göttliches Nachsinnen?"(46)
Diese christozentrische
Argumentation und religiöse Rhetorik entspricht ebenso dem Stil
der Zeit. Hinzu kommt, daß Paullini sichtlichen Wert darauf
legte, in allen seinen Publikationen stets die Belege in den Fußnoten
anzugeben. Eine Praxis, die in den damaligen Veröffentlichungen
noch nicht gebräuchlich zu sein schien.
Auch in seiner
"Dreckapotheke" verarbeitet Paullini zum größten
Teil die Beobachtungen anderer Ärzte und Wissenschaftler. Die
Religiosität erhält hier einen besonderen Stellenwert. Sie
begründet nicht nur die Auswahl der ungewöhnlichen Heilmittel,
sondern soll sie dadurch auch legitimieren.
Dementsprechend
ist zusammenzufassen, daß Paullini medizinisch korrekt ausgebildet,
gelehrt und von vielen zeitgenössischen Wissenschaftlern hochgeachtet
war. Er arbeitete und argumentierte wissenschaftlich und begründete
seine Handlungsweise im Sinne der christlichen Weltanschauung. Es
läßt sich also kein Hinweis darauf finden, daß seine
Behandlungsmethoden, die uns heute sehr absonderlich erscheinen, schon
damals verdammt wurden, wie dies im 19. und 20. Jh. der Fall war,
oder daß seine Arbeitsweise nicht der eines Mediziners oder
auch Wissenschaftlers entsprach.