Die Dreckapotheke des Barock: A
rzneimitteltherapie im 17. Jahrhundert

Paullinis "Heilsame Dreckapotheke": Paullinis Argumentation und die zeitgenössische Rezeption der "Dreckapotheke"

Heilmittel und Behandlungsmethoden der "Dreckapotheke"

Vergleich mit weiteren Arzneibüchern und medizinischen Abhandlungen: Rezeptbücher des Christoph von Hellwig

Medizinische Anschauungen und Behandlungsmethoden bei Nicolaus Martius und Andreas Glorez

 


Fußnoten

(1) Schmitz, Rudolf: Geschichte der Pharmazie. Bd. 1. Eschborn 1998. S. 403

(2) Hellwig, Christoph: Der Curieuse und vernünfftige Zauber-Artzt [...]. Arnstadt 1725. S. III-IV

(3) Schmitz, Rudolf: Geschichte der Pharmazie. Bd. 1. Eschborn 1998. S. 403

(4) Zimmermann, Heinz: Arzneimittelwerbung in Deutschland. Würzburg 1974. S. 36

(5) Schmitz, Rudolf: Geschichte der Pharmazie. Bd. 1. Eschborn 1998. S. 416

(6) Müller-Jahncke, Wolf-Dieter; Friedrich, Christoph: Geschichte der Arzneimitteltherapie. Stuttgart 1996. S. 30, 32, 35-36; Schmitz, Rudolf: Geschichte der Pharmazie. Bd. 1. Eschborn 1998. S. 409

(7) Müller-Jahncke, Wolf-Dieter; Friedrich, Christoph: Geschichte der Arzneimitteltherapie. Stuttgart 1996. S. 45

(8) Schmitz, Rudolf: Geschichte der Pharmazie. Bd. 1. Eschborn 1998. S. 403

(9) Schneider, Wolfgang: Mein Umgang mit Paracelsus und Paracelsisten. Frankfurt/ Main 1982. S. 157- 160; Müller-Jahncke, Wolf-Dieter; Friedrich, Christoph: Geschichte der Arzneimitteltherapie. Stuttgart 1996. S. 70

(10) Schmitz, Rudolf: Geschichte der Pharmazie. Bd. 1. Eschborn 1998. S. 404

(11) Ebd. S. 405

(12) Müller-Jahncke, Wolf-Dieter; Friedrich, Christoph: Geschichte der Arzneimitteltherapie. Stuttgart 1996. S. 52

(13) Ebd. S. 53; Schmitz, Rudolf: Geschichte der Pharmazie. Bd. 1. Eschborn 1998. S. 405

(14) Schneider, Wolfgang: Der Wandel des Arzneischatzes im 17. Jh. und Paracelsus. Wiesbaden 1961. S. 203- 205

(15) Zimmermann, Heinz: Arzneimittelwerbung in Deutschland. Würzburg 1974. S. 36

(16) Schneider, Wolfgang: Mein Umgang mit Paracelsus und Paracelsisten. Frankfurt/ Main, 1982. S. 170

(17) Müller-Jahncke, Wolf-Dieter; Friedrich, Christoph: Geschichte der Arzneimitteltherapie. Stuttgart 1996. S. 51; Schmitz, Rudolf: Geschichte der Pharmazie. Bd. 1. Eschborn 1998. S. 404

(18) Glaser, Christoph: Novum Laboratorium medico-chymicum [...]. Nürnberg 1677. S. 339

(19) Glorez, Andreas: Eröffnetes Wunderbuch [...]. Regensburg und Stadtamhof 1700. S. 9

(20) Müller-Jahncke, Wolf-Dieter; Friedrich, Christoph: Geschichte der Arzneimitteltherapie. Stuttgart 1996. S. 60; Glorez, Andreas: Eröffnetes Wunderbuch [...]. Regensburg und Stadtamhof 1700. S. 11

(21) Haller, Albrecht von (Hrg.): Onomatologia medica completa [...]. Leipzig 1755. Sp. 1042

(22) Blancard, Stephan: Arzneiwissenschaftliches Wörterbuch […]. Bd. 2. Wien, 1788. S. 394-395

(23) Haller, Albrecht von (Hrg.): Onomatologia medica completa [...]. Leipzig 1755. Sp. 1042, 1043

(24) Blancard, Stephan: Arzneiwissenschaftliches Wörterbuch […]. Bd. 2. Wien, 1788. S. 395

(25) Glorez, Andreas: Eröffnetes Wunderbuch [...]. Regensburg und Stadtamhof 1700. S. 12, 13

(26) Glaser, Christoph: Novum Laboratorium medico-chymicum [...]. Nürnberg 1677. S. 344-345

(27) Glaser, Christoph: Novum Laboratorium medico-chymicum [...]. Nürnberg 1677. S. 344; Glorez, Andreas: Eröffnetes Wunderbuch [...]. Regensburg und Stadtamhof 1700. S. 22, 23

(28) Glaser, Christoph: Novum Laboratorium medico-chymicum [...]. Nürnberg 1677. S. 346, 348

(29) Sander, Sabine: Aufklärung vor der Aufklärung? Jena 1999. S. 272

(30) Schmitz, Rudolf: Geschichte der Pharmazie. Bd. 1. Eschborn 1998. S. 404, Glaser, Christoph: Novum Laboratorium medico-chymicum [...]. Nürnberg 1677. S. 338

(31) Ebd. S. 337, 339

(32) Schmitz, Rudolf: Geschichte der Pharmazie. Bd. 1. Eschborn 1998. S. 404

(33) Haller, Albrecht von (Hrg.): Onomatologia medica completa [...]. Leipzig 1755. Sp. 1046

(34) Schmitz, Rudolf: Geschichte der Pharmazie. Bd. 1. Eschborn 1998. S. 404

(35) Glaser, Christoph: Novum Laboratorium medico-chymicum [...]. Nürnberg 1677. S. 352-353

(36) Ebd. S. 354

(37) Müller-Jahncke, Wolf-Dieter; Friedrich, Christoph: Geschichte der Arzneimitteltherapie. Stuttgart 1996. S. 40

(38) Hellwig, Christoph: Der Curieuse und vernünfftige Zauber-Artzt [...]. Arnstadt 1725. S. 29

(39) Ebd. S. 30

(40) Müller-Jahncke, Wolf-Dieter; Friedrich, Christoph: Geschichte der Arzneimitteltherapie. Stuttgart 1996. S. 60

(41) Martius, Nicolaus: Unterricht von der wunderbaren Magie [...]. Leipzig 1719. S. 97; Hellwig, Christoph: Der Curieuse und vernünfftige Zauber-Artzt [...]. Arnstadt 1725. S. 29

(42) Bezeichnungen, Farben und Formen der Heilmittel galten als „Signaturen“ und waren für eine eventuelle Nutzung ausschlaggebend. Ende des 18. Jahrhunderts wurde dieses Prinzip der Arzneimittel-findung nicht mehr angewendet. Müller-Jahncke, Wolf-Dieter; Friedrich, Christoph: Geschichte der Arzneimitteltherapie. Stuttgart 1996. S. 59

(43) Daxelmüller, Christoph: Disputationes Curiosae. Würzburg 1979. S. 84-85

(44) Hellwig, Christoph: Der Curieuse und vernünfftige Zauber-Artzt [...]. Arnstadt 1725. S. 13

(45) Martius, Nicolaus: Unterricht von der wunderbaren Magie [...]. Leipzig 1719. S. 13; Hellwig, Christoph: Der Curieuse und vernünfftige Zauber-Artzt [...]. Arnstadt 1725. S. 2-3

(46) Wiegleb, Johann Christian: Onomatologia curiosa, artificiosa et magica.[…]. Nürnberg 1784. Sp. 1086

Die Magisterarbeit zum Download (im PDF-Format)

Die Dreckapotheke des Barock:
Arzneimitteltherapie im 17. Jahrhundert

In der "Dreckapotheke" Paullinis werden Heilmittel empfohlen, die heutzutage wirklich sehr außergewöhnlich erscheinen. Um jedoch den Eindruck, daß es sich bei diesem Buch um einen seltenen Einzelfall handelt, zu vermeiden bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen oder zu entkräften, müssen die medikamentösen Therapien des 17. Jahrhunderts – die "materia medica" – zunächst kurz beleuchtet werden. Als "materia medica" wurde die Gesamtheit aller Arzneimittel seit dem Mittelalter und der Renaissance bezeichnet.(1)

"In allen Wundern der Natur ist etwas Wunderwürdiges, welches auch ein jeder Gott-ergebener Christ ungezwungen bekennen muß, wenn er die Göttliche der Natur eingepflantzte Allmacht auf und unter der Erden, in Bergwercken, Edelgesteinen, Wassern, Thieren, Fischen, Vögeln, Kräutern und andern mehr nachdencklich erweget [...]. Da aber nun GOTT der Allmächtige den Menschen, als die edelste Creatur, vor allen anderen Geschöpffen mit der Vernunfft begabet, so ist auch dessen Pflicht, den unerschöpfflichen Wundern der Natur in Gottgelassenheit vernünfftig nachzudencken und zu erforschen."(2)

Dieser "Allmacht" der Natur, der Schöpfung Gottes, bediente man sich in der Arzneimittelherstellung. Denn die "materia medica" stammte stets aus den drei "regna naturae", den drei Reichen der Natur, wobei man zwischen den pflanzlichen (Vegetabilia), den tierischen und menschlichen (Animalia) und den mineralischen und bald auch chemischen (Mineralia) Heilmitteln unterschied.(3) Dabei wurden einfache als "Simplicia" und zusammengesetzte Arzneien als "Composita" bezeichnet. Waren pflanzliche Heilmittel zunächst die traditionell am meisten genutzten Substanzen, so wurden sie im 16. Jh. durch neue mineralische Wirkstoffe und letztlich vor allem durch chemische Substanzen bereichert.(4)

Für die verschiedensten Arzneimittel existierte eine Vielzahl von Applikationsarten. Gemäß der seit der Antike geltenden Humoralpathologie und der damit zusammenhängenden Auffassung vom Ungleichgewicht der Säfte (Dyskrasie), standen, neben dem Aderlaß, zunächst purgierende und vomitierende Therapieformen im Vordergrund. Die im Falle einer Krankheit im Übermaß vorhandenen und somit verdorbenen und schädlichen Säfte sollten so auf natürlichem Wege, z.B. als Blut, Schweiß, Eiter oder Stuhl, ausgeschieden werden. Als "Purgantia" bezeichnete man dabei alle "Reinigungsmittel", die abführend und harn- und schweißtreibend wirkten, wobei darunter die darmentleerenden ("Laxativa") und die den Brechreiz hervorrufenden ("Vomitiva") Arzneimittel die größere Bedeutung hatten.(5) Die Arzneien wurden vor allem als Pflaster, Klistiere, Öle, Salben, Umschläge (Kataplasmen), Räucherungen, Riechmittel, Tränke, Wässer, Pillen, Pulver, Puder und als Leckmittel oder -säfte (Latwerge) verabreicht.(6)

Die pflanzlichen Arzneimittel bestimmten seit der Antike in jeder erdenklichen Form, als äußerliche oder innerliche Anwendungen, die medikamentöse Therapie. Man verwendete von den Pflanzen nicht nur die Blüten, Blätter und Früchte, sondern auch die Wurzeln, die Rinde, die Samen oder das blanke Holz.(7) Sie wurden als "Simplicia" oder in Kombination mit anderen Mitteln als "Composita" verabreicht, wobei sie den Arzneimarkt qualitativ und quantitativ bis in die Neuzeit hinein beherrschten.(8) Eine wichtige Rolle spielte in dieser Zeit auch die Entdeckung von elf neuen Pflanzengattungen in Amerika, welche für den europäischen Heilmittelmarkt sehr bedeutsam wurden, wie z.B. Guajakholz, Tabak und Chinarinde.(9)

Die mineralischen Heilmittel wurden dagegen bis zum 16. Jh. selten gebraucht, sie nahmen gegenüber den pflanzlichen und "animalischen" Substanzen nur eine untergeordnete Position ein. Erst seit Paracelsus (1493-1541) versuchte man, sich ebenso dieses "Naturreiches" zu bedienen, da man davon ausging, daß auch in der "unbelebten Natur" eine "verborgene Kraft" vorhanden sein müsse, die dem Menschen nützlich sein könne.(10)

Noch beeinflußt von der Alchemie setzte der Versuch einer Systematisierung der Mineralien ein, wobei vor allem Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Zinn, Quecksilber und Blei als die sieben wirksamsten Metalle galten.(11) Ausgehend von der Vorstellung, daß alle Elemente in andere umzuwandeln seien, versuchte man durch chemische Prozesse aus den Metallen Elixiere zu gewinnen, welche als Universalheilmittel galten. Sehr viele Metallverbindungen standen in dem Ruf, lebensverlängernde Allheilmittel zu sein. Daneben bediente man sich auch der unterschiedlichsten Salze und Verbindungen.(12)

Aber die Spannbreite der gebräuchlichen "mineralischen" Arzneimittel umfaßte dabei ebenso Essig, Alkohol, Asphalt, Erde, Gips, Glas, Grünspan, Edelsteine, Bleiweiß, Korallen, die auch zu den pflanzlichen Produkten zählten, oder Petroleum, Salpeter, Bimsstein, Perlen und Weinstein.
Sehr lange setzte sich die Anwendung dieser Substanzen nicht erfolgreich durch. Die mittelalterlichen und neuzeitlichen Heilmittel bestanden zum größten Teil aus pflanzlichen oder tierisch-menschlichen Produkten.(13)

Erst im 17. Jahrhundert führte dann das langsame Erstarken der Chemie als Konkurrent der Botanik auf dem Gebiet der Heilkunde zu einer immensen Vermehrung der mineralischen, bzw. chemischen Arzneistoffe, wobei diese Veränderungen auch in den "Pharmakopöen", den damaligen Verordnungen der praktischen Heilmittelherstellung, ablesbar sind.(14) Bis zum 18. Jh. war die Herstellung chemischer Heilmittel jedoch eine rein empirische Kunst. So konnte ein bestimmtes Präparat je nach Pharmakopöe verschiedene Zusammensetzungen haben, und oft waren die Vorschriften so ungenau, daß das Ergebnis vom Ermessen des Herstellers abhing.(15)

Durch das allgemeine Interesse an den chemischen Mitteln und deren weitläufige Verbreitung fanden neue Arzneimittelentwicklungen statt. So entstanden bis 1670 etwa 100 neue chemische Zusammensetzungen wie Antimon, Eisen-, Quecksilber- und Schwefelpräparate. Bis ins 18. Jh. gab es dann aber nur noch sehr wenige chemische Neuerungen. Erst nachdem Heilmittel naturwissenschaftlich klassifiziert werden konnten, verdrängte die Chemie die "Vegetabilia" und "Animalia" endgültig aus ihrer Vormachtstellung in der Heilmittelkunde.(16)

Die "Animalia", sie stammten vom Menschen oder von den Tieren, machten einen sehr beträchtlichen Anteil der verwendeten Arzneimittel aus und waren ab dem 17. Jh. überaus beliebt. Während der Mensch nur in geringen Teilen genutzt werden konnte, verwerte man jedoch ein unbegrenztes Spektrum tierischer Produkte.(17)

Die menschlichen Heilmittel wurden als die wirksamsten angesehen, ihnen kam eine besondere Bedeutung zu, "weil der Mensch von allen Thieren das allervollkommenste ist".(18) Zu ihnen zählten vor allem Mumie, Fett ("Armesünderfett"), Knochen, Kot, Urin, Menstruationsblut, Haare, Nägel, Speichel, Eiter, Blut und Leichenteile.

"Der Mensch ist also gebaut, daß alle seine Theile, wenn sie gleich zerstückelt sind, ihren Nutzen haben. Seine Fettigkeit oder Menschenschmalz, seine Hirnschalen, seine Haut, sein Blut etc. haben zu sonderbaren Krankheiten absonderlichen Gebrauch."(19)

Unter dem Begriff "Mumia" verstand man dabei entweder die Gesamtheit aller Heilmittel, die vom Menschen stammten(20), die Tinkturen und Harze, mit denen die Mumien einbalsamiert wurden(21) sowie eine Art Wachs oder Flüssigkeit, die von mumifizierten Leichen abgesondert wird, oder die "echten" Mumien selbst:

"[...] von dieser [der Mumie] hat man vielerlei Sorten: nemlich die Arabische Mumie; dies ist eine verhärtete Flüssigkeit, die in den Todengewölben aus den mit Zedernharz, Mechabalsam, Myrrhe und einigen andern Dingen balsamirten Leichen ausschwizt. Die Egiptische Mumie; nemlich jene verhärtete Feuchtigkeit, die aus den mit Pisasphalt balsamirten Leichen der Leute niedern Standes abträufelt, [...]. [...] diejenigen Leichen, die auf dem Sande durch Sonnenhize ausgedort werden [...], diese werden weisse Mumien genennet. Die in den Apotheken aufbehaltene Mumie heißt Mumia Aegyptiaca. Man bringt sie in Stücke geteilt, selten ganz aus Egipten. Ihre Farbe ist dunkelbraun, beinahe schwarz und glänzend. Der Geschmack ist bitter und der Geruch stark."(22)

Des weiteren wurde auch noch ein besonderes Erdöl als "Persische Mumie" verkauft, welches aber zu den "Mineralia" zählte. Den verschiedenen Mumienarten unterstellte man, daß sie u.a. bei äußeren Wunden, "Mutterschmerzen", "Milzweh", "Lungensucht" und "Seitenstechen" helfen sollten, da sie "etwas wahrhaftig stärkendes, anhaltendes, umvertheilendes"(23) hätten und "balsamische, wundenheilende Kräfte besitzen"(24). Hinzu kam, daß sich die Wirkungen der menschlichen "Animalia" besonders verstärken sollten, wenn man bei der Herstellung derselben auf die "Mumia" von hingerichteten Menschen zurückgriff. Eine Erklärung dieser ungewöhnlichen Praxis ist folgende:

"Weil man das Leben aus der Luft schöpft, so ist auch in denen Körpern, so in der Luft zerstört, zu Erhaltung menschlichen Lebens und Gesundheit die beste Kraft [...]. [Es] ist unläugbar, daß solcher bei gesundem frischen Leib ohne alle Krankheit in der Luft erstickte strangulirte Körper wegen Beibehaltung des Lebensbalsams oder Geistes eine große wunderbare Kraft bei sich habe [...]"(25)

So sollte eine "Tinctur aus Menschen-Fleisch", die aber nur von einem jungen und gewaltsam zu Tode gekommenen Menschen stammen durfte, "den Leib vor allen gifftigen und pestilentzischen Kranckheiten" bewahren. Ebenso nahm man an, daß das Menschenfleisch "durch seine durchtringende, lebhaffte und balsamische Kraft, alle inwendige[n] Schäden und Geschwähr, an welchem Ort des Leibes sich auch solche befinden mögen" heilen könne.(26)

Besondere Wirkung schrieb man auch dem Salz zu, welches aus der menschlichen Hirnschale hergestellt wurde. Es galt als sehr wirksam gegen die Epilepsie und die "Rothe Ruhr", und es war hilfreich bei allen Frauenkrankheiten und offenen Wunden.(27) Destilliertes menschliches Blut half bei Skorbut und Verstopfungen, und die Destillation des Urins ließ ein Salz entstehen, was den Abgang der Blasen- und Nierensteine fördern, bei "melancholischen" Krankheiten ganz "wunderbar" wirken und, äußerlich angewendet, schmerzhafte Gelenke heilen sollte.(28)
Auch in Christoph Hellwigs "Dreyfacher Als Thüringisch-Meißnischer, und Niedersächsisch Teutsch- und Lateinischer Apothecker-Tax" (1714) sind Haare, Nägel, Urin, Kot, Fleisch, Haut, Fett, Knochen, Gehirn, Galle und Herz vom lebenden und toten Menschen als ein fester Bestandteil aller Apotheken angeführt.(29)

Die Liste der tierischen Heilmittel war jedoch bedeutend länger. Auch hier ließen sich Fette und Öle in ungeahnten Mengen herstellen, die als Einschmier- und Bindemittel oder als Salbengrundlage dienten. Weichtiere wie Schnecken oder Regenwürmer, sowie Insekten, aber auch Kröten und Schlangen konnten komplett verwertet werden, während man sich bei höher entwickelten Tieren auf einzelne Körper- und Organteile, sowie deren Exkremente beschränkte.(30)

"Die Tiere ins gemein, sowol die vollkommenen auf der Erden, als auch die Vögel, die Fische und das Ungeziefer, seynd von einer flüchtigern und subtilern Substantz, als die Vegetabilien und Mineralien [...] Es ist aber nöthig, daß der Künstler solche Theile der Thiere zu seiner Arbeit erwehle, welche eines mittelmäßigen Alters und eines gewaltthätigen Todes seynd geschlachtet worden"(31)

Dabei dominierten aber nicht nur die einheimischen Tierarten, auch exotische "Animalia" hatten ihren Platz in der europäischen Therapie. So sollte byzantinisches Plankton und auch Elfenbein bei der Cholera das Fieber erheblich senken.(32) In den Apotheken lagerten Bibergeil, Moschus, Ambra, Walsperma, Einhorn, Fuchslunge, Bezoarsteine, Murmeltierfett, dem man eine "große, zertheilende Kraft" zuschrieb, hilfreich bei Nervenleiden und steifen Gliedern(33), und vieles andere mehr, von dem man sich versprach, das es dem Menschen Linderung verschaffen konnte, wenn man nur in der Lage war, diese Möglichkeiten auszunutzen und zu erkennen. Bis ins 18. Jh. hinein wurde das Spektrum dieser tierischen Arzneimittel dann immer breiter und ausgefallener.(34)

Eine wichtige Rolle in der Arzneimitteltherapie spielte auch die Vorstellung, daß die in den "Animalia" angeblich vorhandenen Lebenskräfte übertragbar seien:

"[Diese Mittel] haben auch eine sonderbahre Tugend, die Lebens-Geister in denen Menschen zu ersetzen und zu erquicken, der Verderbung und Fäulung der humorum zu widerstehen, und alles unreine und böse aus dem Leib zu treiben; und also bewahren und heilen sie den Leib von den meisten ansteckenden und gifftigen Kranckheiten: Die Ursach dessen muß genommen werden aus dem allerverborgensten Geheimniß der Natur, das ist, von der Verpflanzung, Transplantation, und Durchwanderung, die von dem allgemeinen Welt-Geist, in einen oder mehr unterschiedene Cörper, geschehen und verrichtet werden."(35)

So sah man z.B. in der Fähigkeit der Schlangen, ihre Haut abzuwerfen, ein Zeichen der Verjüngung, die auch für den Menschen möglich sein solle.

"Aus eben diesen Ursachen geschiehet es, daß sich die wahrhafften Natur- und Artzneyverständige eben der [...] Ottern, so sie gebührlich bereitet werden, bedienen, und dasselbige zur Reinigung und Verneuerung des Geblüts gebrauchen: Ingleichen reinigen sie damit die Haut von allen Unreinigkeiten und Gebrechen, ja sie heilen damit den Aussatz selbst."(36)

Das Schlangen- oder Vipernfleisch blieb auch immer eines der wichtigsten Bestandteile des berühmten Theriak, dem Universalheilmittel schlechthin, der im 17. Jh. sogar 184 einzelne Zutaten aufwies. Diese als "Himmlischer Theriak" ("Theriaca coelestis") bezeichnete Arznei galt als das wertvollste aller zusammengesetzten Heilmittel.(37) Mit ausschlaggebend waren hierbei sicher die Beobachtungen von bis dahin nicht erklärbaren Erscheinungen in der Natur oder Verhaltensweisen von Tieren, die solcherart auf den Menschen übertragbar sein sollten.

Die Übertragung jener "Naturkräfte" wurde auch als "Transplantation" bezeichnet. Mit diesem Begriff verband sich aber auch gleichzeitig die Vorstellung, daß die Krankheiten oder Leiden eines Patienten umgekehrt in die Natur "transplantiert" werden könnten, wobei sie dann verschwinden sollten.

"Noch ist ein Mittel Magischer Curen vorhanden, nemlich die Transplantation, welches eine Kunst, durch welche ein Naturkündiger die Kranckheit, durch zuläßige Mittel aus dem Menschen anders wohin transferiret, damit die Gesundheit daraus erfolgen möge."(38)

Zu diesem Zweck brauchte man einen Zwischenträger, oder auch "Magneten", der es ermöglichen sollte, die entsprechende Krankheit in die Natur zu "verpflanzen".

"Fast zu allen diesen Arten wird ein Mittel der Verknüpffung oder ein Magnet, so mit der Mumia, oder mit dem Lebens-Geist des Patienten angeschwängert ist, welcher von unterschiedlichen auff allerley Weise, theils aus Blut, Unflath, Haaren, Nägel der Hände und Füsse, Schweiß, Urin, etc. durch Kunst bereitet wird."(39)

Gerade die als "Mumia" bezeichneten menschlichen Heilmittel sollten in dieser Weise wirken und sogar die Heilung von Kranken über weite Entfernungen bewerkstelligen.(40) Dabei unterschied man sechs Möglichkeiten der "Transplantation", nämlich das "Einsäen" ("Insemination"), "Annetzen" ("Inescation"), "Einpflanzen" ("Implantation") und "Einsetzen" ("Imposition"), die "Annäherung" ("Adproximation") und die "Befeuchtung" ("Irroration").(41)

Des weiteren kam es dabei noch zu Verknüpfungen mit den anderen Heilvorstellungen, die im medizinischen Denken und Handeln des 17. Jahrhunderts fest verankert waren wie "Analogieglauben" ("Gleiches mit Gleichem heilen") oder "Signaturenlehre", wobei diese darin bestand, Signaturen, also den menschlichen Organen oder auch Krankheiten ähnelnde Zeichen, in den Naturreichen zu entdecken und, verbunden mit der Vorstellung, daß alles in der Natur zum Nutzen des Menschen erschaffen wurde, die dort vermeintlich vorkommenden Kräfte für die menschliche Gesundheit sinnvoll auszunutzen.(42)

Diese Verfahrensweisen wurden im 19. und 20. Jh. ohne zu zögern der "Volksmedizin" zugeordnet, obwohl sie als ein fester Bestandteil der Therapie von den studierten Ärzten praktiziert wurden. Zusammenfassend wurden diese Vorstellungen im 17. und 18. Jh. als "magia naturalis", als die natürliche Magie oder die Magie der Natur, begriffen. Sie war in der damaligen Denkweise fest verwurzelt.(43) Denn die Menschen erkannten die in der Natur wirkenden Kräfte, die damals noch nicht physikalisch erklärbar waren oder formuliert werden konnten, und entwickelten daraus Deutungsmuster und Vorstellungswelten, die heute sehr befremdlich erscheinen und kaum nachzuvollziehen sind.

Die "Natürliche Magie" war die "Wissenschaft", welche der "Erhaltung der menschlichen Gesundheit" diente und im Krankheitsfall die Mittel bereitstellte, um wieder gesund zu werden.(44) Dabei muß man sich von der heutigen Bedeutung des Begriffes "Magie" lösen. Denn die "magia naturalis" wurde im 17. Jh. nicht als "Zauberei" angesehen, obwohl der Glaube daran noch präsent war. Neben der "natürlichen Magie" existierte sogar die "künstliche Magie", die "sich ohne natürliche Kräfte bloß auf die Mathematischen Wissenschaften gründet", und bei der man sich der "mathematischen Instrumenta", "mechanischen Principiis", sowie anderen "subtilen Erfindungen und Maschinen" bediente.(45) Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts kannte man zwar noch die verschiedenen Definitionen der "Magie", aber es zeichnete sich schon ab, daß dieser Begriff zukünftig nur noch im Zusammenhang mit Zauberei und Betrug gebraucht werden würde.(46)

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