Die
Dreckapotheke des Barock:
Arzneimitteltherapie im 17. Jahrhundert
In der "Dreckapotheke"
Paullinis werden Heilmittel empfohlen, die heutzutage wirklich sehr
außergewöhnlich erscheinen. Um jedoch den Eindruck, daß
es sich bei diesem Buch um einen seltenen Einzelfall handelt, zu vermeiden
bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen oder zu entkräften, müssen
die medikamentösen Therapien des 17. Jahrhunderts die
"materia medica" zunächst kurz beleuchtet werden.
Als "materia medica" wurde die Gesamtheit aller Arzneimittel
seit dem Mittelalter und der Renaissance bezeichnet.(1)
"In
allen Wundern der Natur ist etwas Wunderwürdiges, welches auch
ein jeder Gott-ergebener Christ ungezwungen bekennen muß,
wenn er die Göttliche der Natur eingepflantzte Allmacht auf
und unter der Erden, in Bergwercken, Edelgesteinen, Wassern, Thieren,
Fischen, Vögeln, Kräutern und andern mehr nachdencklich
erweget [...]. Da aber nun GOTT der Allmächtige den Menschen,
als die edelste Creatur, vor allen anderen Geschöpffen mit
der Vernunfft begabet, so ist auch dessen Pflicht, den unerschöpfflichen
Wundern der Natur in Gottgelassenheit vernünfftig nachzudencken
und zu erforschen."(2)
Dieser "Allmacht"
der Natur, der Schöpfung Gottes, bediente man sich in der Arzneimittelherstellung.
Denn die "materia medica" stammte stets aus den drei "regna
naturae", den drei Reichen der Natur, wobei man zwischen den
pflanzlichen (Vegetabilia), den tierischen und menschlichen (Animalia)
und den mineralischen und bald auch chemischen (Mineralia) Heilmitteln
unterschied.(3) Dabei
wurden einfache als "Simplicia" und zusammengesetzte Arzneien
als "Composita" bezeichnet. Waren pflanzliche Heilmittel
zunächst die traditionell am meisten genutzten Substanzen, so
wurden sie im 16. Jh. durch neue mineralische Wirkstoffe und letztlich
vor allem durch chemische Substanzen bereichert.(4)
Für die verschiedensten
Arzneimittel existierte eine Vielzahl von Applikationsarten. Gemäß
der seit der Antike geltenden Humoralpathologie und der damit zusammenhängenden
Auffassung vom Ungleichgewicht der Säfte (Dyskrasie), standen,
neben dem Aderlaß, zunächst purgierende und vomitierende
Therapieformen im Vordergrund. Die im Falle einer Krankheit im Übermaß
vorhandenen und somit verdorbenen und schädlichen Säfte
sollten so auf natürlichem Wege, z.B. als Blut, Schweiß,
Eiter oder Stuhl, ausgeschieden werden. Als "Purgantia"
bezeichnete man dabei alle "Reinigungsmittel", die abführend
und harn- und schweißtreibend wirkten, wobei darunter die darmentleerenden
("Laxativa") und die den Brechreiz hervorrufenden ("Vomitiva")
Arzneimittel die größere Bedeutung hatten.(5) Die
Arzneien wurden vor allem als Pflaster, Klistiere, Öle, Salben,
Umschläge (Kataplasmen), Räucherungen, Riechmittel, Tränke,
Wässer, Pillen, Pulver, Puder und als Leckmittel oder -säfte
(Latwerge) verabreicht.(6)
Die pflanzlichen
Arzneimittel bestimmten seit der Antike in jeder erdenklichen Form,
als äußerliche oder innerliche Anwendungen, die medikamentöse
Therapie. Man verwendete von den Pflanzen nicht nur die Blüten,
Blätter und Früchte, sondern auch die Wurzeln, die Rinde,
die Samen oder das blanke Holz.(7) Sie wurden als "Simplicia"
oder in Kombination mit anderen Mitteln als "Composita"
verabreicht, wobei sie den Arzneimarkt qualitativ und quantitativ
bis in die Neuzeit hinein beherrschten.(8) Eine wichtige Rolle spielte
in dieser Zeit auch die Entdeckung von elf neuen Pflanzengattungen
in Amerika, welche für den europäischen Heilmittelmarkt
sehr bedeutsam wurden, wie z.B. Guajakholz, Tabak und Chinarinde.(9)
Die mineralischen
Heilmittel wurden dagegen bis zum 16. Jh. selten gebraucht, sie nahmen
gegenüber den pflanzlichen und "animalischen" Substanzen
nur eine untergeordnete Position ein. Erst seit Paracelsus (1493-1541)
versuchte man, sich ebenso dieses "Naturreiches" zu bedienen,
da man davon ausging, daß auch in der "unbelebten Natur"
eine "verborgene Kraft" vorhanden sein müsse, die dem
Menschen nützlich sein könne.(10)
Noch beeinflußt
von der Alchemie setzte der Versuch einer Systematisierung der Mineralien
ein, wobei vor allem Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Zinn, Quecksilber
und Blei als die sieben wirksamsten Metalle galten.(11) Ausgehend
von der Vorstellung, daß alle Elemente in andere umzuwandeln
seien, versuchte man durch chemische Prozesse aus den Metallen Elixiere
zu gewinnen, welche als Universalheilmittel galten. Sehr viele Metallverbindungen
standen in dem Ruf, lebensverlängernde Allheilmittel zu sein.
Daneben bediente man sich auch der unterschiedlichsten Salze und Verbindungen.(12)
Aber die Spannbreite
der gebräuchlichen "mineralischen" Arzneimittel umfaßte
dabei ebenso Essig, Alkohol, Asphalt, Erde, Gips, Glas, Grünspan,
Edelsteine, Bleiweiß, Korallen, die auch zu den pflanzlichen
Produkten zählten, oder Petroleum, Salpeter, Bimsstein, Perlen
und Weinstein.
Sehr lange setzte sich die Anwendung dieser Substanzen nicht erfolgreich
durch. Die mittelalterlichen und neuzeitlichen Heilmittel bestanden
zum größten Teil aus pflanzlichen oder tierisch-menschlichen
Produkten.(13)
Erst im 17. Jahrhundert
führte dann das langsame Erstarken der Chemie als Konkurrent
der Botanik auf dem Gebiet der Heilkunde zu einer immensen Vermehrung
der mineralischen, bzw. chemischen Arzneistoffe, wobei diese Veränderungen
auch in den "Pharmakopöen", den damaligen Verordnungen
der praktischen Heilmittelherstellung, ablesbar sind.(14) Bis zum
18. Jh. war die Herstellung chemischer Heilmittel jedoch eine rein
empirische Kunst. So konnte ein bestimmtes Präparat je nach Pharmakopöe
verschiedene Zusammensetzungen haben, und oft waren die Vorschriften
so ungenau, daß das Ergebnis vom Ermessen des Herstellers abhing.(15)
Durch das allgemeine
Interesse an den chemischen Mitteln und deren weitläufige Verbreitung
fanden neue Arzneimittelentwicklungen statt. So entstanden bis 1670
etwa 100 neue chemische Zusammensetzungen wie Antimon, Eisen-, Quecksilber-
und Schwefelpräparate. Bis ins 18. Jh. gab es dann aber nur noch
sehr wenige chemische Neuerungen. Erst nachdem Heilmittel naturwissenschaftlich
klassifiziert werden konnten, verdrängte die Chemie die "Vegetabilia"
und "Animalia" endgültig aus ihrer Vormachtstellung
in der Heilmittelkunde.(16)
Die "Animalia",
sie stammten vom Menschen oder von den Tieren, machten einen sehr
beträchtlichen Anteil der verwendeten Arzneimittel aus und waren
ab dem 17. Jh. überaus beliebt. Während der Mensch nur in
geringen Teilen genutzt werden konnte, verwerte man jedoch ein unbegrenztes
Spektrum tierischer Produkte.(17)
Die menschlichen
Heilmittel wurden als die wirksamsten angesehen, ihnen kam eine besondere
Bedeutung zu, "weil der Mensch von allen Thieren das allervollkommenste
ist".(18) Zu ihnen zählten vor allem Mumie, Fett ("Armesünderfett"),
Knochen, Kot, Urin, Menstruationsblut, Haare, Nägel, Speichel,
Eiter, Blut und Leichenteile.
"Der
Mensch ist also gebaut, daß alle seine Theile, wenn sie gleich
zerstückelt sind, ihren Nutzen haben. Seine Fettigkeit oder
Menschenschmalz, seine Hirnschalen, seine Haut, sein Blut etc. haben
zu sonderbaren Krankheiten absonderlichen Gebrauch."(19)
Unter dem Begriff
"Mumia" verstand man dabei entweder die Gesamtheit aller
Heilmittel, die vom Menschen stammten(20), die Tinkturen und Harze,
mit denen die Mumien einbalsamiert wurden(21) sowie eine Art Wachs
oder Flüssigkeit, die von mumifizierten Leichen abgesondert wird,
oder die "echten" Mumien selbst:
"[...]
von dieser [der Mumie] hat man vielerlei Sorten: nemlich die Arabische
Mumie; dies ist eine verhärtete Flüssigkeit, die in den
Todengewölben aus den mit Zedernharz, Mechabalsam, Myrrhe und
einigen andern Dingen balsamirten Leichen ausschwizt. Die Egiptische
Mumie; nemlich jene verhärtete Feuchtigkeit, die aus den mit
Pisasphalt balsamirten Leichen der Leute niedern Standes abträufelt,
[...]. [...] diejenigen Leichen, die auf dem Sande durch Sonnenhize
ausgedort werden [...], diese werden weisse Mumien genennet. Die
in den Apotheken aufbehaltene Mumie heißt Mumia Aegyptiaca.
Man bringt sie in Stücke geteilt, selten ganz aus Egipten.
Ihre Farbe ist dunkelbraun, beinahe schwarz und glänzend. Der
Geschmack ist bitter und der Geruch stark."(22)
Des weiteren wurde
auch noch ein besonderes Erdöl als "Persische Mumie"
verkauft, welches aber zu den "Mineralia" zählte. Den
verschiedenen Mumienarten unterstellte man, daß sie u.a. bei
äußeren Wunden, "Mutterschmerzen", "Milzweh",
"Lungensucht" und "Seitenstechen" helfen sollten,
da sie "etwas wahrhaftig stärkendes, anhaltendes, umvertheilendes"(23)
hätten und "balsamische, wundenheilende Kräfte besitzen"(24).
Hinzu kam, daß sich die Wirkungen der menschlichen "Animalia"
besonders verstärken sollten, wenn man bei der Herstellung derselben
auf die "Mumia" von hingerichteten Menschen zurückgriff.
Eine Erklärung dieser ungewöhnlichen Praxis ist folgende:
"Weil
man das Leben aus der Luft schöpft, so ist auch in denen Körpern,
so in der Luft zerstört, zu Erhaltung menschlichen Lebens und
Gesundheit die beste Kraft [...]. [Es] ist unläugbar, daß
solcher bei gesundem frischen Leib ohne alle Krankheit in der Luft
erstickte strangulirte Körper wegen Beibehaltung des Lebensbalsams
oder Geistes eine große wunderbare Kraft bei sich habe [...]"(25)
So sollte eine
"Tinctur aus Menschen-Fleisch", die aber nur von einem jungen
und gewaltsam zu Tode gekommenen Menschen stammen durfte, "den
Leib vor allen gifftigen und pestilentzischen Kranckheiten" bewahren.
Ebenso nahm man an, daß das Menschenfleisch "durch seine
durchtringende, lebhaffte und balsamische Kraft, alle inwendige[n]
Schäden und Geschwähr, an welchem Ort des Leibes sich auch
solche befinden mögen" heilen könne.(26)
Besondere Wirkung
schrieb man auch dem Salz zu, welches aus der menschlichen Hirnschale
hergestellt wurde. Es galt als sehr wirksam gegen die Epilepsie und
die "Rothe Ruhr", und es war hilfreich bei allen Frauenkrankheiten
und offenen Wunden.(27) Destilliertes menschliches Blut half bei Skorbut
und Verstopfungen, und die Destillation des Urins ließ ein Salz
entstehen, was den Abgang der Blasen- und Nierensteine fördern,
bei "melancholischen" Krankheiten ganz "wunderbar"
wirken und, äußerlich angewendet, schmerzhafte Gelenke
heilen sollte.(28)
Auch in Christoph Hellwigs "Dreyfacher Als Thüringisch-Meißnischer,
und Niedersächsisch Teutsch- und Lateinischer Apothecker-Tax"
(1714) sind Haare, Nägel, Urin, Kot, Fleisch, Haut, Fett, Knochen,
Gehirn, Galle und Herz vom lebenden und toten Menschen als ein fester
Bestandteil aller Apotheken angeführt.(29)
Die Liste der
tierischen Heilmittel war jedoch bedeutend länger. Auch hier
ließen sich Fette und Öle in ungeahnten Mengen herstellen,
die als Einschmier- und Bindemittel oder als Salbengrundlage dienten.
Weichtiere wie Schnecken oder Regenwürmer, sowie Insekten, aber
auch Kröten und Schlangen konnten komplett verwertet werden,
während man sich bei höher entwickelten Tieren auf einzelne
Körper- und Organteile, sowie deren Exkremente beschränkte.(30)
"Die
Tiere ins gemein, sowol die vollkommenen auf der Erden, als auch
die Vögel, die Fische und das Ungeziefer, seynd von einer flüchtigern
und subtilern Substantz, als die Vegetabilien und Mineralien [...]
Es ist aber nöthig, daß der Künstler solche Theile
der Thiere zu seiner Arbeit erwehle, welche eines mittelmäßigen
Alters und eines gewaltthätigen Todes seynd geschlachtet worden"(31)
Dabei dominierten
aber nicht nur die einheimischen Tierarten, auch exotische "Animalia"
hatten ihren Platz in der europäischen Therapie. So sollte byzantinisches
Plankton und auch Elfenbein bei der Cholera das Fieber erheblich senken.(32)
In den Apotheken lagerten Bibergeil, Moschus, Ambra, Walsperma, Einhorn,
Fuchslunge, Bezoarsteine, Murmeltierfett, dem man eine "große,
zertheilende Kraft" zuschrieb, hilfreich bei Nervenleiden und
steifen Gliedern(33), und vieles andere mehr, von dem man sich versprach,
das es dem Menschen Linderung verschaffen konnte, wenn man nur in
der Lage war, diese Möglichkeiten auszunutzen und zu erkennen.
Bis ins 18. Jh. hinein wurde das Spektrum dieser tierischen Arzneimittel
dann immer breiter und ausgefallener.(34)
Eine wichtige
Rolle in der Arzneimitteltherapie spielte auch die Vorstellung, daß
die in den "Animalia" angeblich vorhandenen Lebenskräfte
übertragbar seien:
"[Diese
Mittel] haben auch eine sonderbahre Tugend, die Lebens-Geister in
denen Menschen zu ersetzen und zu erquicken, der Verderbung und
Fäulung der humorum zu widerstehen, und alles unreine und böse
aus dem Leib zu treiben; und also bewahren und heilen sie den Leib
von den meisten ansteckenden und gifftigen Kranckheiten: Die Ursach
dessen muß genommen werden aus dem allerverborgensten Geheimniß
der Natur, das ist, von der Verpflanzung, Transplantation, und Durchwanderung,
die von dem allgemeinen Welt-Geist, in einen oder mehr unterschiedene
Cörper, geschehen und verrichtet werden."(35)
So sah man z.B.
in der Fähigkeit der Schlangen, ihre Haut abzuwerfen, ein Zeichen
der Verjüngung, die auch für den Menschen möglich sein
solle.
"Aus
eben diesen Ursachen geschiehet es, daß sich die wahrhafften
Natur- und Artzneyverständige eben der [...] Ottern, so sie
gebührlich bereitet werden, bedienen, und dasselbige zur Reinigung
und Verneuerung des Geblüts gebrauchen: Ingleichen reinigen
sie damit die Haut von allen Unreinigkeiten und Gebrechen, ja sie
heilen damit den Aussatz selbst."(36)
Das Schlangen-
oder Vipernfleisch blieb auch immer eines der wichtigsten Bestandteile
des berühmten Theriak, dem Universalheilmittel schlechthin, der
im 17. Jh. sogar 184 einzelne Zutaten aufwies. Diese als "Himmlischer
Theriak" ("Theriaca coelestis") bezeichnete Arznei
galt als das wertvollste aller zusammengesetzten Heilmittel.(37) Mit
ausschlaggebend waren hierbei sicher die Beobachtungen von bis dahin
nicht erklärbaren Erscheinungen in der Natur oder Verhaltensweisen
von Tieren, die solcherart auf den Menschen übertragbar sein
sollten.
Die Übertragung
jener "Naturkräfte" wurde auch als "Transplantation"
bezeichnet. Mit diesem Begriff verband sich aber auch gleichzeitig
die Vorstellung, daß die Krankheiten oder Leiden eines Patienten
umgekehrt in die Natur "transplantiert" werden könnten,
wobei sie dann verschwinden sollten.
"Noch
ist ein Mittel Magischer Curen vorhanden, nemlich die Transplantation,
welches eine Kunst, durch welche ein Naturkündiger die Kranckheit,
durch zuläßige Mittel aus dem Menschen anders wohin transferiret,
damit die Gesundheit daraus erfolgen möge."(38)
Zu diesem Zweck
brauchte man einen Zwischenträger, oder auch "Magneten",
der es ermöglichen sollte, die entsprechende Krankheit in die
Natur zu "verpflanzen".
"Fast
zu allen diesen Arten wird ein Mittel der Verknüpffung oder
ein Magnet, so mit der Mumia, oder mit dem Lebens-Geist des Patienten
angeschwängert ist, welcher von unterschiedlichen auff allerley
Weise, theils aus Blut, Unflath, Haaren, Nägel der Hände
und Füsse, Schweiß, Urin, etc. durch Kunst bereitet wird."(39)
Gerade die als
"Mumia" bezeichneten menschlichen Heilmittel sollten in
dieser Weise wirken und sogar die Heilung von Kranken über weite
Entfernungen bewerkstelligen.(40) Dabei unterschied man sechs Möglichkeiten
der "Transplantation", nämlich das "Einsäen"
("Insemination"), "Annetzen" ("Inescation"),
"Einpflanzen" ("Implantation") und "Einsetzen"
("Imposition"), die "Annäherung" ("Adproximation")
und die "Befeuchtung" ("Irroration").(41)
Des weiteren kam
es dabei noch zu Verknüpfungen mit den anderen Heilvorstellungen,
die im medizinischen Denken und Handeln des 17. Jahrhunderts fest
verankert waren wie "Analogieglauben" ("Gleiches mit
Gleichem heilen") oder "Signaturenlehre", wobei diese
darin bestand, Signaturen, also den menschlichen Organen oder auch
Krankheiten ähnelnde Zeichen, in den Naturreichen zu entdecken
und, verbunden mit der Vorstellung, daß alles in der Natur zum
Nutzen des Menschen erschaffen wurde, die dort vermeintlich vorkommenden
Kräfte für die menschliche Gesundheit sinnvoll auszunutzen.(42)
Diese Verfahrensweisen
wurden im 19. und 20. Jh. ohne zu zögern der "Volksmedizin"
zugeordnet, obwohl sie als ein fester Bestandteil der Therapie von
den studierten Ärzten praktiziert wurden. Zusammenfassend wurden
diese Vorstellungen im 17. und 18. Jh. als "magia naturalis",
als die natürliche Magie oder die Magie der Natur, begriffen.
Sie war in der damaligen Denkweise fest verwurzelt.(43) Denn die Menschen
erkannten die in der Natur wirkenden Kräfte, die damals noch
nicht physikalisch erklärbar waren oder formuliert werden konnten,
und entwickelten daraus Deutungsmuster und Vorstellungswelten, die
heute sehr befremdlich erscheinen und kaum nachzuvollziehen sind.
Die "Natürliche
Magie" war die "Wissenschaft", welche der "Erhaltung
der menschlichen Gesundheit" diente und im Krankheitsfall die
Mittel bereitstellte, um wieder gesund zu werden.(44) Dabei muß
man sich von der heutigen Bedeutung des Begriffes "Magie"
lösen. Denn die "magia naturalis" wurde im 17. Jh.
nicht als "Zauberei" angesehen, obwohl der Glaube daran
noch präsent war. Neben der "natürlichen Magie"
existierte sogar die "künstliche Magie", die "sich
ohne natürliche Kräfte bloß auf die Mathematischen
Wissenschaften gründet", und bei der man sich der "mathematischen
Instrumenta", "mechanischen Principiis", sowie anderen
"subtilen Erfindungen und Maschinen" bediente.(45) Bis zum
Ende des 18. Jahrhunderts kannte man zwar noch die verschiedenen Definitionen
der "Magie", aber es zeichnete sich schon ab, daß
dieser Begriff zukünftig nur noch im Zusammenhang mit Zauberei
und Betrug gebraucht werden würde.(46)
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