Medizinische
Anschauungen und Behandlungsmethoden bei Nicolaus Martius und Andreas
Glorez
Abschließend
sollen noch zwei weitere medizinische Schriften vorgestellt werden,
bei denen es sich nicht um ausschließliche Rezeptsammlungen
sondern um Abhandlungen zur Therapie und zur Wirkungsweise einzelner
Heilmittel sowie deren Einbindung in die "Magia naturalis"
handelt.
Die erste trägt
den Titel "Von der wunderbaren Magie und derselben medicinischem
Gebrauch [...]" (1719). Sie wurde von Johann Nicolaus Martius
(1668-1715) verfaßt und erschien erstmals 1715 in Leipzig in
lateinischer Sprache unter dem Titel "De magia naturalis ejusque
usu medico ad magice et magica curandum". Weitere Auflagen und
deutsche Übersetzungen erschienen noch 1717 und 1782.(1) Ansonsten
ist der Autor weitestgehend unbekannt, man weiß nur, daß
Martius "ein berühmter practischer Arzt zu Braunschweig"
gewesen ist und eben dieses Werk verfaßt hat.(2)
Leider ist der
Autor der zweiten Abhandlung, "Eröffnetes Wunderbuch von
Waffensalben, s.g. zauberischen Krankheiten, Wunderkuren, [...] magischer
Kraft und Signatur der Erdgewächse und Kräuter, Egyptischen
Geheimnissen, Verpflanzung der Krankheiten in Thiere und Bäume
[...]" (1700), gänzlich unbekannt. Dieser, Andreas Glorez,
wird zwar als "Mährischer Albertus Magnus", "Klostergeistlicher"
und "Naturkundiger" angepriesen, aber eine medizinische
Ausbildung läßt sich nicht nachweisen.(3) Er stammte aus
Mähren, lebte am Anfang des 18. Jahrhunderts und veröffentlichte
1700 auch noch eine "Vollständige Haus- und Land- Bibliothek"
in Regensburg.(4)
Die Unkenntnis
über beide Verfasser macht es schwierig, sie in den gegenwärtigen
Kontext einzubinden. Da hier ja im wesentlichen thematisiert werden
soll, inwieweit studierte Ärzte, die wir nach heutiger Auffassung
als "Schulmediziner" bezeichnen würden, Therapievorschläge
veröffentlicht haben, die in späteren Zeiten als "Volksmedizin"
definiert wurden. Allerdings ist an dieser Stelle eine kurze Vorstellung
der beiden Abhandlungen insofern sinnvoll, weil auch sie den Versuch
ermöglichen, längst vergangene medizinisch-therapeutische
Denkstrukturen zu rekonstruieren.
Martius erläutert
in seinem Buch zunächst die unterschiedlichen Arten der "Magie",
um dann näher auf die "natürliche Magie" einzugehen,
indem er deren Wirkungsweise und Methoden aufzeigt.(5) In einer langen
Ausführung(6) schildert er die Existenz von winzigen "Teilchen",
von "Materie" und "Particulis", die in der Luft
und im Licht vorkommen und aus denen alle Körper bestehen, er
beschreibt die Bewegung der "Atomi" im Raum und versucht
Rückschlüsse zu ziehen, inwieweit man diesen überall
vorkommenden "Geist" in Krankheitsfällen lenken und
nutzen kann.(7) Martius partizipiert zwar schon an neuen Erkenntnismöglichkeiten
und neu entdecktem Wissen, indem er hier versucht physikalische Erkenntnisse
zu verarbeiten. Gleichzeitig ist er aber auch noch davon überzeugt,
daß Krankheiten durch Verzauberung entstehen können.(8)
Erst ab der Mitte
der Abhandlung formuliert Martius seine Ansichten über das Besprechen,
die Transplantation, die Signatur und den Gebrauch bestimmter Therapien.(9)
Auch hier werden die Anweisungen antiker und zeitgenössischer
Wissenschaftler sowie eigene Erfahrungen, erläutert, wobei Martius
sehr ausführliche Angaben über die von ihm genutzte Literatur
anfügt.(10)
Zudem sind die
angegebenen Verfahrensweisen wiederum ausnahmslos mit denen der "Dreckapotheke"
vergleichbar. In den Rezepten gegen "Fieber", "Gelbsucht",
"Schwindsucht", "Podagra" oder den Kopfschmerz
wird das Einpflanzen, Verfüttern oder Vergraben von "Magneten"
empfohlen, die aus Speichel, Kot, "geschröpfftem Blut"
und Urin bestehen sollen.(11) Die Arzneimittelauswahl ist hier allerdings
nicht so groß wie in der "Dreckapotheke", da sich
Martius eher auf das Beschreiben der oben angeführten "Transplantationsverfahren"
beschränkt, aber nicht die Herstellung von Arzneien eingehend
thematisiert.
Das "Eröffnete
Wunderbuch [...]" des Andreas Glorez gleicht in der Argumentation
der Abhandlung von Nicolaus Martius. Jedoch ist es gänzlich anders
aufgebaut als die bisherigen Rezeptsammlungen. Glorez unterteilt sein
Werk nicht nach Krankheiten, sondern nach Heilmitteln und Methoden.
So behandelt er in seinen Kapiteln das "Geheimnis des Menschen
Urin", die Nutzung von Kot, Speichel, Schweiß, Milch und
anderen Substanzen des menschlichen Körpers, die Verwendung von
Tierkot oder die Herstellung von Universalheilmitteln. In anderen
Abschnitten beschreibt er die "Verpflanzung" von Krankheiten
in Tiere, Bäume und Pflanzen, die Analogielehre, die "hochlöbliche
Signatur" oder des "Magneten wunderbare Eigenschaft".(12)
In dieses System ordnete Glorez dann die einzelnen Krankheiten ein,
so daß dieselben Krankheitsbilder oft in mehreren Kapiteln mit
immer anderen Rezeptvorschlägen zu finden sind.
Wie man an den
Kapitelinhalten bereits erahnen kann, findet man auch hier die ungewöhnlichen
Heilmittel der "Dreckapotheke". Aber in einem weit größeren
Ausmaß als Paullini propagiert Glorez die Verwendung von menschlichen
Produkten wie Haut, Knochen, Körperteilen, Menstruationsblut,
Urin und Kot.(13) Jedoch sind die von ihm beschriebenen Anwendungsmöglichkeiten
des Tierkots nicht so ausführlich ausgearbeitet wie in der "Dreckapotheke".(14)
Es verwundert
zuletzt nicht, daß auch die Therapien im "Eröffneten
Wunderbuch" denen der anderen Rezeptsammlungen gleichen. Neben
unzähligen "Analogie- und Transplantationsrezepten"(15)
erklärt Glorez nicht nur wie man Signaturen in der Natur erkennen
kann, sondern er empfiehlt auch die gängigen humoralpathologischen
Behandlungsmaßnahmen.(16) Jedoch ist hier anzumerken, daß
Glorez nicht sehr häufig angibt, von wem er die Empfehlungen
übernommen hat. Er zitiert zwar auch andere Ärzte und Wissenschaftler,
einmal sogar Paullini, aber das nur sehr selten und nicht besonders
ausführlich.(17)
Zusammenfassend
ist festzustellen, daß die miteinander verglichenen Rezept-sammlungen
von Hellwig, Martius und Glorez hinsichtlich der beschriebenen Therapiemaßnahmen
und Heilmittel große Ähnlichkeiten mit der "Dreckapotheke"
Paullinis aufweisen.
Dessen ungeachtet
gibt es Unterschiede in den einzelnen Abhandlungen. Während Paullini
seine "Dreckapotheke" mit der Intention veröffentlichte,
billige Arzneimittel einer breiten Masse zugänglich zu machen,
ging es Hellwig vor allem darum, die Erkenntnisse aus seiner jahrelangen
Sammeltätigkeit zu verbreiten.(18) Dabei ähneln sich die
Schriften Paullinis und Hellwigs noch am meisten. Paullini verarbeitet
zwar mehr Urin- und Kotrezepte als Hellwig, dafür findet man
bei ihm nicht allzuviele Anweisungen, die auf der "Natürlichen
Magie" beruhen. Hellwigs Sammlungen präsentieren dagegen
einen guten Querschnitt der verschiedensten Heilmittel und -methoden
der Zeit.
Martius hatte
wiederum andere Beweggründe zur Veröffentlichung seiner
Schrift. Ihm ging es in seiner Abhandlung nicht so sehr um die Verbreitung
von Arzneimittelherstellungen, sondern um die Verteidigung und Untersuchung
ungewöhnlich erscheinender Behandlungsweisen, die stellenweise
schon als "verdächtig" eingestuft wurden, aber immerhin
noch Bestandteil des therapeutischen Alltags der Mediziner waren.(19)
Unter welchen
Gesichtspunkten Glorez hingegen sein Werk publizierte, darüber
läßt sich nur noch spekulieren.(20) Hier handelt es sich
nicht nur um eine Anleitung zum Gebrauch der verschiedensten Therapieverfahren,
sondern auch um ein ausführliches Kompendium bemerkenswerter
Arzneimittel.
Letztlich wird
im Vergleich der drei Autoren mit Paullini jedoch anschaulich deutlich,
daß in der "Dreckapotheke" Heilmittel und Behandlungsmethoden
beschrieben werden, die in keiner Weise als unzeitgemäß,
untypisch oder gar "volksmedizinisch" zu bezeichnen sind.
Paullini mußte als studierter Arzt auf das medizinische Wissen
seiner Zeit zurückgreifen und gemäß den therapeutischen
Vorstellungen des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts agieren. Daß
er dabei die Berühmtheit erlangte, als bedeutendster Vertreter
fehlgeleiteter Arzneimittelpraktiken in die Medizingeschichte einzugehen,
ist sicherlich auf Paullinis ausführliche und umsichtige Auflistung
unzähliger Rezepturen und die damit verbundene hohe Auflagenzahl
der "Dreckapotheke" zurückzuführen.