Die Dreckapotheke des Barock: Arzneimitteltherapie im 17. Jahrhundert

Paullinis "Heilsame Dreckapotheke": Paullinis Argumentation und die zeitgenössische Rezeption der "Dreckapotheke"

Heilmittel und Behandlungsmethoden der "Dreckapotheke"

Vergleich mit weiteren Arzneibüchern und medizinischen Abhandlungen: Rezeptbücher des Christoph von Hellwig

Medizinische Anschauungen und Behandlungsmethoden bei Nicolaus Martius und Andreas Glorez

 


Fußnoten

(1) Adelung, Johann Christoph; Rotermund, Heinrich Wilhelm: Fortsetzung u. Ergänzungen zu C. G. Jöchers ?...?. Bd. 4. Bremen 1813. Sp. 884

(2) Ebd. Sp. 884; Zedler, Joh. H.: Grosses vollständiges Universal-Lexicon [...]. 19. Bd. Leipzig u. Halle 1739. Sp. 1862

(3) Im Titel der Schrift sind diese Angaben aufgeführt.

(4) Adelung, Johann Christoph; Rotermund, Heinrich Wilhelm: Fortsetzung u. Ergänzungen zu C. G. Jöchers ?...?. Bd. 2. Leipzig 1787. Sp. 1489

(5) Martius, Nicolaus: Unterricht von der wunderbaren Magie [...]. Leipzig 1719. S. 1-38: "Von der Magia insgemein und derselben Arten"

(6) Ebd. S. 39-88: "Von der Magia Naturali insonderheit, und derselben Principiis"

(7) Ebd. S. 53-55, 69-70

(8) Ebd. S. 47, 133-158: "Von der Cur der magischen Krankheiten und Verzauberungen"

(9) Ebd. S. 90, 97, 105-130: "Von Heilung der Kranckheiten"

(10) Ebd. S. 107-108

(11) Ebd. S. 109-111, 117, 119-120

(12) Glorez, Andreas: Eröffnetes Wunderbuch [...]. Regensburg und Stadtamhof 1700. S. 27, 68, 82, 195, 225, 98, 125, 161, 228

(13) Ebd. S. 25, 26, 27-67, 68-82

(14) Ebd. S. 82-98

(15) Ebd. S. 23, 56, 57, 96, 100, 106-109, 112, 113, 115, 123, 125, 129

(16) Ebd. S. 161-175, 50, 111, 121, 202

(17) Glorez, Andreas: Eröffnetes Wunderbuch [...]. Regensburg und Stadtamhof 1700. S. 55

(18) Hellwig, Christoph: Der Curieuse und vernünfftige Zauber-Artzt [...]. Arnstadt 1725. S. IX-X; Hellwig, Christoph: Auserlesenes Teutsch-Medicinisches Recept-Buch [...]. Arnstadt 1715. S. VI, VIII

(19) Martius, Nicolaus: Unterricht von der wunderbaren Magie [...]. Leipzig 1719. S. 4

(20) Glorez verzichtete auf ein erläuterndes Vorwort.

Die Magisterarbeit zum Download (im PDF-Format)

Medizinische Anschauungen und Behandlungsmethoden bei Nicolaus Martius und Andreas Glorez

Abschließend sollen noch zwei weitere medizinische Schriften vorgestellt werden, bei denen es sich nicht um ausschließliche Rezeptsammlungen sondern um Abhandlungen zur Therapie und zur Wirkungsweise einzelner Heilmittel sowie deren Einbindung in die "Magia naturalis" handelt.

Die erste trägt den Titel "Von der wunderbaren Magie und derselben medicinischem Gebrauch [...]" (1719). Sie wurde von Johann Nicolaus Martius (1668-1715) verfaßt und erschien erstmals 1715 in Leipzig in lateinischer Sprache unter dem Titel "De magia naturalis ejusque usu medico ad magice et magica curandum". Weitere Auflagen und deutsche Übersetzungen erschienen noch 1717 und 1782.(1) Ansonsten ist der Autor weitestgehend unbekannt, man weiß nur, daß Martius "ein berühmter practischer Arzt zu Braunschweig" gewesen ist und eben dieses Werk verfaßt hat.(2)

Leider ist der Autor der zweiten Abhandlung, "Eröffnetes Wunderbuch von Waffensalben, s.g. zauberischen Krankheiten, Wunderkuren, [...] magischer Kraft und Signatur der Erdgewächse und Kräuter, Egyptischen Geheimnissen, Verpflanzung der Krankheiten in Thiere und Bäume [...]" (1700), gänzlich unbekannt. Dieser, Andreas Glorez, wird zwar als "Mährischer Albertus Magnus", "Klostergeistlicher" und "Naturkundiger" angepriesen, aber eine medizinische Ausbildung läßt sich nicht nachweisen.(3) Er stammte aus Mähren, lebte am Anfang des 18. Jahrhunderts und veröffentlichte 1700 auch noch eine "Vollständige Haus- und Land- Bibliothek" in Regensburg.(4)

Die Unkenntnis über beide Verfasser macht es schwierig, sie in den gegenwärtigen Kontext einzubinden. Da hier ja im wesentlichen thematisiert werden soll, inwieweit studierte Ärzte, die wir nach heutiger Auffassung als "Schulmediziner" bezeichnen würden, Therapievorschläge veröffentlicht haben, die in späteren Zeiten als "Volksmedizin" definiert wurden. Allerdings ist an dieser Stelle eine kurze Vorstellung der beiden Abhandlungen insofern sinnvoll, weil auch sie den Versuch ermöglichen, längst vergangene medizinisch-therapeutische Denkstrukturen zu rekonstruieren.

Martius erläutert in seinem Buch zunächst die unterschiedlichen Arten der "Magie", um dann näher auf die "natürliche Magie" einzugehen, indem er deren Wirkungsweise und Methoden aufzeigt.(5) In einer langen Ausführung(6) schildert er die Existenz von winzigen "Teilchen", von "Materie" und "Particulis", die in der Luft und im Licht vorkommen und aus denen alle Körper bestehen, er beschreibt die Bewegung der "Atomi" im Raum und versucht Rückschlüsse zu ziehen, inwieweit man diesen überall vorkommenden "Geist" in Krankheitsfällen lenken und nutzen kann.(7) Martius partizipiert zwar schon an neuen Erkenntnismöglichkeiten und neu entdecktem Wissen, indem er hier versucht physikalische Erkenntnisse zu verarbeiten. Gleichzeitig ist er aber auch noch davon überzeugt, daß Krankheiten durch Verzauberung entstehen können.(8)

Erst ab der Mitte der Abhandlung formuliert Martius seine Ansichten über das Besprechen, die Transplantation, die Signatur und den Gebrauch bestimmter Therapien.(9) Auch hier werden die Anweisungen antiker und zeitgenössischer Wissenschaftler sowie eigene Erfahrungen, erläutert, wobei Martius sehr ausführliche Angaben über die von ihm genutzte Literatur anfügt.(10)

Zudem sind die angegebenen Verfahrensweisen wiederum ausnahmslos mit denen der "Dreckapotheke" vergleichbar. In den Rezepten gegen "Fieber", "Gelbsucht", "Schwindsucht", "Podagra" oder den Kopfschmerz wird das Einpflanzen, Verfüttern oder Vergraben von "Magneten" empfohlen, die aus Speichel, Kot, "geschröpfftem Blut" und Urin bestehen sollen.(11) Die Arzneimittelauswahl ist hier allerdings nicht so groß wie in der "Dreckapotheke", da sich Martius eher auf das Beschreiben der oben angeführten "Transplantationsverfahren" beschränkt, aber nicht die Herstellung von Arzneien eingehend thematisiert.

Das "Eröffnete Wunderbuch [...]" des Andreas Glorez gleicht in der Argumentation der Abhandlung von Nicolaus Martius. Jedoch ist es gänzlich anders aufgebaut als die bisherigen Rezeptsammlungen. Glorez unterteilt sein Werk nicht nach Krankheiten, sondern nach Heilmitteln und Methoden. So behandelt er in seinen Kapiteln das "Geheimnis des Menschen Urin", die Nutzung von Kot, Speichel, Schweiß, Milch und anderen Substanzen des menschlichen Körpers, die Verwendung von Tierkot oder die Herstellung von Universalheilmitteln. In anderen Abschnitten beschreibt er die "Verpflanzung" von Krankheiten in Tiere, Bäume und Pflanzen, die Analogielehre, die "hochlöbliche Signatur" oder des "Magneten wunderbare Eigenschaft".(12) In dieses System ordnete Glorez dann die einzelnen Krankheiten ein, so daß dieselben Krankheitsbilder oft in mehreren Kapiteln mit immer anderen Rezeptvorschlägen zu finden sind.

Wie man an den Kapitelinhalten bereits erahnen kann, findet man auch hier die ungewöhnlichen Heilmittel der "Dreckapotheke". Aber in einem weit größeren Ausmaß als Paullini propagiert Glorez die Verwendung von menschlichen Produkten wie Haut, Knochen, Körperteilen, Menstruationsblut, Urin und Kot.(13) Jedoch sind die von ihm beschriebenen Anwendungsmöglichkeiten des Tierkots nicht so ausführlich ausgearbeitet wie in der "Dreckapotheke".(14)

Es verwundert zuletzt nicht, daß auch die Therapien im "Eröffneten Wunderbuch" denen der anderen Rezeptsammlungen gleichen. Neben unzähligen "Analogie- und Transplantationsrezepten"(15) erklärt Glorez nicht nur wie man Signaturen in der Natur erkennen kann, sondern er empfiehlt auch die gängigen humoralpathologischen Behandlungsmaßnahmen.(16) Jedoch ist hier anzumerken, daß Glorez nicht sehr häufig angibt, von wem er die Empfehlungen übernommen hat. Er zitiert zwar auch andere Ärzte und Wissenschaftler, einmal sogar Paullini, aber das nur sehr selten und nicht besonders ausführlich.(17)

Zusammenfassend ist festzustellen, daß die miteinander verglichenen Rezept-sammlungen von Hellwig, Martius und Glorez hinsichtlich der beschriebenen Therapiemaßnahmen und Heilmittel große Ähnlichkeiten mit der "Dreckapotheke" Paullinis aufweisen.

Dessen ungeachtet gibt es Unterschiede in den einzelnen Abhandlungen. Während Paullini seine "Dreckapotheke" mit der Intention veröffentlichte, billige Arzneimittel einer breiten Masse zugänglich zu machen, ging es Hellwig vor allem darum, die Erkenntnisse aus seiner jahrelangen Sammeltätigkeit zu verbreiten.(18) Dabei ähneln sich die Schriften Paullinis und Hellwigs noch am meisten. Paullini verarbeitet zwar mehr Urin- und Kotrezepte als Hellwig, dafür findet man bei ihm nicht allzuviele Anweisungen, die auf der "Natürlichen Magie" beruhen. Hellwigs Sammlungen präsentieren dagegen einen guten Querschnitt der verschiedensten Heilmittel und -methoden der Zeit.

Martius hatte wiederum andere Beweggründe zur Veröffentlichung seiner Schrift. Ihm ging es in seiner Abhandlung nicht so sehr um die Verbreitung von Arzneimittelherstellungen, sondern um die Verteidigung und Untersuchung ungewöhnlich erscheinender Behandlungsweisen, die stellenweise schon als "verdächtig" eingestuft wurden, aber immerhin noch Bestandteil des therapeutischen Alltags der Mediziner waren.(19)

Unter welchen Gesichtspunkten Glorez hingegen sein Werk publizierte, darüber läßt sich nur noch spekulieren.(20) Hier handelt es sich nicht nur um eine Anleitung zum Gebrauch der verschiedensten Therapieverfahren, sondern auch um ein ausführliches Kompendium bemerkenswerter Arzneimittel.

Letztlich wird im Vergleich der drei Autoren mit Paullini jedoch anschaulich deutlich, daß in der "Dreckapotheke" Heilmittel und Behandlungsmethoden beschrieben werden, die in keiner Weise als unzeitgemäß, untypisch oder gar "volksmedizinisch" zu bezeichnen sind.
Paullini mußte als studierter Arzt auf das medizinische Wissen seiner Zeit zurückgreifen und gemäß den therapeutischen Vorstellungen des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts agieren. Daß er dabei die Berühmtheit erlangte, als bedeutendster Vertreter fehlgeleiteter Arzneimittelpraktiken in die Medizingeschichte einzugehen, ist sicherlich auf Paullinis ausführliche und umsichtige Auflistung unzähliger Rezepturen und die damit verbundene hohe Auflagenzahl der "Dreckapotheke" zurückzuführen.

< vorheriges Kapitel "Christoph von Hellwig" | nächstes Kapitel "Rezeption" >