Rezeption
der "Dreckapotheke" und Beurteilung Paullinis im ausgehenden
19. und beginnenden 20. Jahrhundert - "Schulmedizin" contra
"Volksmedizin"
Im 19. Jh. erlebte
die medizinische Wissenschaft einen enormen Aufschwung, denn eine
Fülle von Neuentdeckungen in der Anatomie, Physiologie, Bakteriologie,
Chemie und Physik bereicherten die theoretische und bald auch die
praktische Medizin nachhaltig. Im Zuge dieses Fortschritts etablierte
sich die akademische Medizin völlig, es kam zu einer stetigen
Professionalisierung des Ärztestandes, während aber gleichzeitig
noch nichtakademische Mediziner oder Laien einen Teil der medizinischen
Versorgung übernahmen.(1) Die studierten Ärzte gewannen
im Laufe der Zeit an immer mehr Autorität, ihre Zahl nahm erheblich
zu, und ab der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die wissenschaftliche
Medizin ihren Siegeszug endgültig begonnen.(2)
Die zunehmende
naturwissenschaftliche Orientierung des Faches trug dazu bei, daß
sich die Medizin immer weiter spezialisierte, das Medizinstudium wurde
vereinheitlicht, und auch die Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung
(1883) erweiterte den Einflußbereich der Ärzte immens,
da sie nun eine Klientel erreichten, die sonst nicht die Hilfe eines
studierten Mediziners hätte in Anspruch nehmen können.(3)
Ebenso bemühten
sich die zahlreichen ärztlichen Vereinigungen, die seit dem ersten
Drittel des 19. Jahrhunderts überall gegründet wurden, um
grundsätzliche Reformen in der Medizin.(4) Sich ihres Machtzuwachses
durchaus bewußt, ging es den Ärzten hier vor allem darum,
unabhängig von staatlicher Bevormundung, ihre Monopolstellung
in der medizinischen Versorgung weiter auszubauen und die öffentliche
Gesundheitspolitik gänzlich ihrer eigenen Verantwortung und Verwaltung
zu unterstellen.(5)
Aber mit der naturwissenschaftlichen
Sichtweise veränderte sich auch der Blick des Arztes. Als Ausgangspunkt
der Krankheit definierte man nunmehr das kranke Organ, Krankheiten
waren in der Anatomie des Patienten nachweisbar, und somit stand nur
noch der kranke Körperteil im Vordergrund, dem sich spezialisierte
Ärzte widmeten. Mit ihrem naturwissenschaftlichen Blick auf den
Patienten machten die Mediziner diesen zu ihrem Untersuchungsobjekt,
das es zu beobachten galt. Der kranke Mensch als Person sowie sein
soziales Umfeld wurden dabei in den Hintergrund gedrängt und
aus der medizinischen Betrachtung und Behandlung entfernt.(6)
Neben allen Leistungen,
welche die moderne Medizin in dieser Zeit vollbrachte, war es für
deren Kritiker untragbar, daß der Blick der akademischen Mediziner
den Menschen dergestalt auf seine physiologischen Vorgänge reduzierte.
Man kritisierte den Autoritätsanspruch der Ärzte und die
Entmündigung der Patienten.(7) Als Kritiker der wissenschaftlichen
Medizin vereinigten sich die Gegner der Pockenschutzimpfung sowie
die Anhänger der verschiedensten Therapieformen wie Mesmerismus,
Homöopathie, Elektro- und Kaltwassertherapie und Naturheilkunde,
wobei die letzteren "natürliche Wirkfaktoren" wie Wasser,
Luft, Licht und Diätetik in der Heilkunde befürworteten.(8)
Bereits ab der
Mitte des 19. Jahrhunderts waren Bewegungen entstanden, die die "Naturheilkunde"
propagierten und der "Staatsmedizin" eher mißtrauisch
gegenüberstanden. Als deren Einfluß ab den 80er-Jahren
erheblich zunahm und die Naturheilbewegung sich in den 90er-Jahren
regelrecht zum Hauptgegner entwickelte, sahen sich die akademischen
Ärzte dazu gezwungen, ihrerseits Kampagnen gegen das "Kurpfuschertum"
zu starten. Ziel dieser Aktionen war es, jegliche Arten der Laienmedizin
zu bekämpfen und die Bevölkerung von der "Unfehlbarkeit"
der wissenschaftlichen Medizin zu überzeugen.(9)
Obgleich die unprofessionellen
Heilberufe die Gestaltung des medikalen Systems schon immer bereicherten,
da es stets einen Mangel in der medizinischen Versorgung weiter Teile
der Bevölkerung gab, sollten sie nunmehr ihrer Existenzberechtigung
beraubt werden, wobei sie jetzt als Konkurrenz der akademischen Medizin
aufgefaßt wurden. Zu dieser Konkurrenz gehörten aber auch
approbierte Mediziner, die sich noch nicht mit der reinen naturwissenschaftlichen
Betrachtungsweise des menschlichen Körpers anfreunden konnten
und sogenannte Außenseitermethoden praktizierten. Ihnen drohte
man mit dem Ausschluß aus der Ärzteschaft.(10)
In den langwierigen
Auseinandersetzungen ging es vor allem auch darum, die seit 1871 reichsweit
geltende Kurierfreiheit wieder abzuschaffen. Dabei waren es gerade
die akademischen Ärzten, die sich für deren Einführung
eingesetzt hatten.(11) Mit ausschlaggebend war dabei sicher die Überzeugung,
daß sich die Bevölkerung zukünftig für die Inanspruchnahme
der naturwissenschaftlichen und "richtigen" Medizin entscheiden
würde. Da sie dies nicht tat und zum Ende des 19. Jahrhunderts
eine immer größere Vielfalt an Therapieangeboten den Gesundheitsmarkt
überflutete, sahen sich die akademischen Ärzte gezwungen
zu handeln. Denn mit der Kurierfreiheit war es jedem erlaubt, heilkundige
Maßnahmen zu ergreifen. Einzig der Titel "Arzt" oder
"Apotheker" blieb weiterhin Approbierten vorbehalten. Und
da die Ausübung medizinischer Tätigkeiten keinen Straftatbestand
mehr darstellte, stieg die Zahl der Laienmediziner immer weiter an.(12)
Obwohl die Gewerbeordnung
(1869) den Ärzten Niederlassungsfreiheit sowie die freie Vereinbarung
des Honorars gewährte, war es gerade die Kurierfreiheit, welche
schon wenige Jahre später zu enormen Protesten in ihren Reihen
führte. Mit dem Anspruch, nicht nur ein einfaches "Gewerbe"
auszuüben, wurde die Einführung einer reichseinheitlichen
und staatlich anerkannten Ärzteordnung angestrebt, mit der es
auch möglich sein sollte, die konkurrierende Laienmedizin zu
verdrängen.(13)
Auf dem 15. Deutschen
Ärztetag 1887 wurde dann erstmals die Forderung laut, die Kurierfreiheit
wieder abzuschaffen. Dies geschah vorerst nicht, und in den folgenden
Jahren konnte diesbezüglich auch nichts erreicht werden.(14)
Die Situation verschärfte sich, als Mitte der 90er-Jahre einigen
Laienmedizinern zusätzlich noch die Kassenzulassung erteilt wurde.
Daraufhin wiederholte man auf allen Ärztetagen die Forderung
nach der Abschaffung der Kurierfreiheit.(15) Erst 1939 wurde dem schließlich
im "Heilpraktikergesetz" stattgegeben, und die Ausübung
heilkundiger Tätigkeiten ist seitdem nur noch mit der Approbation
möglich.(16)
Im Sinne der Volksaufklärung
versuchte man der Laien- und Außenseitermedizin durch Zeitschriften
oder "Kurpfuscherei-Ausstellungen" den Boden zu entziehen,
da nur durch Belehrung eine Abkehr von "Aberglauben" und
"Wundersucht" zu erwarten war.
In öffentlichen Diskussionen, in Broschüren oder mit Aufrufen
stellten die akademischen Ärzte nicht approbierte Laienheiler
und abtrünnige Mediziner als "Kurpfuscher" und "Schädiger
der Volksgesundheit" dar und ersuchten um das Eingreifen des
Staates, damit dem "Heilerunwesen" Einhalt geboten werden
konnte.(17)
Die "Kurpfuscherei"
umfaßte dabei nicht nur die Laienbehandlung und Außenseitermedizin,
sondern auch Kompetenzüberschreitungen zugelassener niederer
Heilpersonen wie Hebammen oder Wundärzte. Und gerade die in den
Städten niedergelassenen Heiler erregten die Gemüter der
Ärzteschaft, da hier ihre Konkurrenz besonders spürbar war.(18)
Im Jahr 1903 wurde zudem die "Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung
des Kurpfuschertums" gegründet, deren selbstgewählter
Aufgabenbereich in der aufklärerischen Öffentlichkeitsarbeit
und im Sammeln statistischer Belege von Kurpfuschereifällen bestand.
Diese Daten wurden dann veröffentlicht und dabei rufschädigend
sowie propagandistisch eingesetzt. Überdies ging der Aufruf an
die Bevölkerung, Kurpfuscherei sofort anzuzeigen.(19)
Im Kampf für
die wissenschaftliche Medizin setzte man auch die Zeitschrift "Gesundheitslehrer"
ein, die bereits 1898 erschien und deren Herausgabe ab 1908 die "Gesellschaft
zur Bekämpfung des Kurpfuschertums" übernahm.(20) Im
"Gesundheitslehrer" findet man dann auch Aufsätze wie
"Das Wunder als Geschäft", "Konjunktur
für Aberglauben", "Astrologie und Kurpfuscherei",
"Wie kamen wir zur Kurierfreiheit?", "Die Schicksalsfrage
der deutschen Ärzte" und viele andere über Art und
Wesen der "Kurpfuscherei", die verschiedensten laienmedizinischen
"Verirrungen" sowie die stetig wiederholte Forderung nach
der Abschaffung der Kurierfreiheit Unter dem Motto "Dem
Aberglauben wehren, Betrug und Schwindel lichten: Kurpfuschertum vernichten!".(21)
Vor diesem Hintergrund
setzte nun auch erstmals eine umfassende Beschäftigung mit der
medizinischen Wissenschaftsgeschichte ein. Daß die Medizingeschichtsschreibung
zunächst ein Anliegen der approbierten Ärzte war, ist nicht
verwunderlich. Denn eine umfassende Geschichte des Ärztestandes
konnte insofern instrumentalisiert werden, indem man mit der Erforschung
berühmter Mediziner vergangener Jahrhunderte und -tausende sowie
deren Entdeckungen die Position der Ärzteschaft stärken
und die Machtansprüche der wissenschaftlichen Medizin legitimieren
konnte. In dieser, sicherlich auch berechtigten, Rückschau auf
die Glanzleistungen der Medizin ging man von einem geradlinigen Weg
in der medizinischen Forschung aus und erfand somit die eigene Tradition,
die unweigerlich ihren Höhepunkt in der modernen wissenschaftlichen
Medizin finden mußte.(22)
In den medizinhistorischen
Publikationen des 19. und frühen 20. Jh. kann man dann auch diese,
von den Ärzten unterstellte, kontinuierliche Entwicklung der
modernen Medizin von der Antike bis zur Neuzeit nachvollziehen. Dabei
war es der Ärzteschaft ebenso ein Anliegen, mit diesen Schriften
Kritik an abergläubischen, nutzlosen und vergangenen Heilpraktiken
zu üben, somit vor den Gefahren der Laienmedizin zu warnen, dem
skeptischen Patienten die Errungenschaften der modernen Medizin vor
Augen zu führen und damit die Medizingeschichtsschreibung gleichsam
im Sinne der Volksaufklärung zu instrumentalisieren.
Im Zuge dieses
öffentlichen Streites um die zu erringende Vormachtstellung der
"richtigen" Medizin kam es auch auf die Wahl eindeutiger
Begriffe und Definitionen an, denn das Spektrum der Bezeichnungen
für die unterschiedlichen Richtungen der Medizin hatte sich sehr
erweitert.
In den Kampagnen gegen die wissenschaftliche Medizin wurden zunächst
Ausdrücke gebraucht wie "naturwissenschaftliche Medizin",
"Staatsmedizin" oder "medizinische Wissenschaft",
die aber auch deren Vertreter selbst anwandten. Von Anhängern
der Homöopathie erstmals Ende der 70er-Jahre eingeführt,
etablierte sich der Begriff der "Schulmedizin" jedoch erst
in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts.
In der Zeitschrift
"Der Naturarzt", in der die Vertreter der Naturheilkunde
ihre Forderungen und Kritikpunkte vertraten, tauchte in dieser Zeit
vermehrt die Bezeichnung "Schulmedizin" auf, die von den
akademischen Medizinern ebenfalls über- und angenommen wurde
und schließlich erst um die Wende zum 20. Jh. ihre allgemeine
Verbreitung fand.(23) Unter "Schulmedizin" versteht man
also die staatlich und mittlerweile öffentlich anerkannte, an
den Universitäten gelehrte, moderne und naturwissenschaftliche
Medizin.
Der Begriff "Volksmedizin"
ist allerdings auch nicht viel älter. Er wurde zum "Inbegriff
der von alters her überkommenen Krankheitsvorstellungen und Heilverfahren
des Volkes im Gegensatz zur wissenschaftlichen Medizin".(24)
Unter der "Volksmedizin" verstand man also Therapiemaßnahmen,
Schutz- und Heilmitteln sowie Krankheits-benennungen und -vorstellungen
die nur im Volk vorhanden sein sollen und damit im Gegensatz zur wissenschaftlichen
Medizin stehen.(25)
Aber da man erst
im 19. Jh. von der Etablierung einer wissenschaftlichen Medizin sprechen
kann und deren tausendjährige Geschichte jetzt erst durch die
Ärzteschaft konstruiert wurde, ist die "Volksmedizin"
ebenfalls nur ein Produkt dieses Jahrhunderts. Sie ist eine Erfindung,
mit deren Hilfe man die Grenzen zur "Schulmedizin" definieren
konnte. In diesem Sinne war die "Volksmedizin" sowie die
Modifikation ihrer Inhalte ein Instrument zur Konsolidierung der "Schulmedizin".
So kann man feststellen,
daß 1843 der Arzt Georg Friedrich Most noch eine völlig
unbeschwerte Auffassung von der "Volksmedizin" hat und deren
Anwendung weder verdammt noch verurteilt sondern toleriert.(26) Vielmehr
ist er der Meinung, daß die Kenntnis über gewisse "Volksarzneimittel"
den Ärzten durchaus von Nutzen sein kann, differenziert aber
schon, indem er darauf hinweist, daß diese "zweckmäßig"
und "unschädlich" sein sollten. Ansonsten müsse
aber die "Volksarzneikunde" in ihren Schranken gehalten
werden und die Behandlung schwerer Erkrankungen dem Arzt obliegen.(27)
Most berichtet
über die Wirksamkeit "volksmedizinischer" Heilmethoden,
bewertet dabei aber nicht die Erwartungshaltungen, die in veraltete
Therapien und Heilmittel gesetzt wurden. Insgesamt ist hier von einem
erbitterten Kampf der Schulmedizin gegen die Laienmedizin noch nichts
zu spüren. Schon gute zwanzig Jahre zuvor sammelte und veröffentlichte
Dr. Friedrich Osiander "Volksarzneymittel". Und beide, Most
und Osiander, "würdigten" noch die "Volksmedizin",
indem sie in ihr den Ursprung der Heilkunst sahen.(28) Dies änderte
sich jedoch, als man in den Kampagnen gegen die "Kurpfuscherei"
die "Volksmedizin" für deren Entstehen sowie die Verbreitung
schädlicher und laienmedizinischer Therapien verantwortlich machte.
Die "Volksmedizin" wurde nun zum Gegenpart der "Schulmedizin".(29)
Im Jahr 1905 veröffentlichte
der Arzt Hugo Magnus eine medizinhistorische Abhandlung über
die "Volksmedizin", in der er die Laienmedizin anprangerte.
Ausgehend davon, daß "medizinischer Aberglauben" in
der Natur des Menschen liege, schildert er, wie die "Volksmedizin"
von der Bevölkerung, aber auch von der Schulmedizin gefördert
wurde. Denn weil die "Berufsmedizin" in ihren unterschiedlichen
Ausprägungen "seit 2500 Jahren [!]" keine Einigung
erzielte, sollen damit erst die Vorraussetzungen für die Entstehung
der "Volksmedizin" geschaffen worden sein so hätte
die Schulmedizin "durch ihr Verhalten viele Jahrhunderte hindurch
die Volksmedizin genährt und groß gezogen".(30)
Magnus schlußfolgert
somit, daß nur die Verzweiflung die Bevölkerung zur Annahme
volksmedizinischer Therapieangebote bewogen hat. In einem letzten
Kapitel thematisiert er die Förderung der "Volksmedizin"
durch den Staat, um dann seine Abhandlung mit einem Aufruf zur Abschaffung
des "gewerbsmäßigen Kurpfuschertums" zu beenden(31):
"Diesen
Zweig der Laienmedizin werden wir Ärzte aber zu allen Zeiten
auf das Energischste verfolgen und wir werden nicht eher ruhen,
als bis wir diese verbrecherischen Ausschreitungen der Volksmedizin
gründlichst ausgerottet haben."(32)
In einer anderen
medizinhistorischen Schrift beschäftigte sich Magnus in einem
langen Kapitel sogar nur mit der Geschichte des "Kurpfuschertums",
wobei er das Bestehen dieses "uralten Krebsschadens des Menschengeschlechts"
ganz abenteuerlich auf 3000 Jahre schätzt, und mit der Forderung
schließt: "Die Kurierfreiheit muß fallen!".(33)
In gleicher Weise argumentierte Paul Diepgen, indem er eine "ununterbrochene
Entwicklungslinie" in der Geschichte von Schul- und Volksmedizin
zu erkennen glaubt(34):
"Volksmedizin
und wissenschaftliche Heilkunde sind als Mutter und Tochter von
den Urzeiten der Menschheit her bis auf den heutigen Tag unzertrennlich
miteinander verbunden [...]"(35)
Solche Abhandlungen
ließen ein sehr einseitiges Bild der Medizingeschichte entstehen
und waren propagandistisch auf die Etablierung der "Schulmedizin"
ausgerichtet. Es wurde nunmehr nicht nur von einer seit Jahrhunderten
fest bestehenden "Schulmedizin" ausgegangen, sondern auch
noch die Existenz einer parallel dazu verlaufenden "Volksmedizin"
konstruiert!
Ausgehend von dieser Prämisse mußten nunmehr alle Therapien
und medizinischen Vorstellungen vergangener Jahrhunderte in dieses
System von "guter" und "schlechter" Medizin eingeordnet
werden, was eigentlich ein unmögliches Vorhaben darstellt.
Bis ins 20. Jh.
hinein ging man von dieser zweigeteilten Medizin aus. Und selbst als
das Forschungsinteresse an einer medizinhistorischen und auch volkskundlichen
Erfassung der "Volksmedizin" anwuchs und sie nicht mehr
rigoros verurteilt wurde, hielt man noch an diesem Konstrukt fest.
Somit überrascht es nicht wirklich, daß sich Edith Heischkel
1941 darüber wundert, daß man, "wenn man die Rolle
der Volksmedizin in den Gesamtdarstellungen der Medizingeschichte
untersuchen will, die Literatur schon bis weit in die Neuzeit hinein
durchsehen muß, um überhaupt volksmedizinische Themen anzutreffen",
und daß "auch den deutschen Medizinhistorikern der Romantik
der Sinn für die Volksmedizin fehlte".(36)
In diesem Zusammenhang
erweist es sich als interessant und aufschlußreich sich mit
der Rezeption der "Dreckapotheke" Paullinis zu befassen,
dessen Persönlichkeit und Behandlungsmethoden nur schwer in die
neu konstruierten medizinhistorischen Anschauungen der wissenschaftlichen
Medizin paßten.