Rezeption der "Dreckapotheke" und Beurteilung Paullinis im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert - "Schulmedizin" contra "Volksmedizin"

Rezeptionen der "Dreckapotheke" im 19. und 20. Jahrhundert

 


Fußnoten

(1) Wittern, Renate: Natur kontra Naturwissenschaft. Erlangen 1992. S. 8, 9

(2) Herold-Schmidt; H.: Ärztliche Interessenvertretung im Kaiserreich 1871-1914. Köln 1997. S. 45; Jütte, Robert: Geschichte der alternativen Medizin. München 1996. S. 27

(3) Wittern, Renate: Natur kontra Naturwissenschaft. Erlangen 1992. S. 16; Jütte, Robert: Die Entwicklung des ärztlichen Vereinswesens und des organisierten Ärztestandes bis 1871. Köln 1997. S. 21

(4) Ebd. S. 22, 24

(5) Herold-Schmidt; H.: Ärztliche Interessenvertretung im Kaiserreich 1871-1914. Köln 1997. S. 46

(6) Jütte, Robert: Geschichte der alternativen Medizin. München 1996. S. 28

(7) Herold-Schmidt; H.: Ärztliche Interessenvertretung im Kaiserreich 1871-1914. Köln 1997. S. 45

(8) Ebd. S. 45; Jütte, Robert: Geschichte der alternativen Medizin. München 1996. S. 29, 31, 32

(9) Wittern, Renate: Natur kontra Naturwissenschaft. Erlangen 1992. S. 19; Vgl. Jütte, Robert: Geschichte der alternativen Medizin. München 1996. S. 27, 29-32; Herold-Schmidt; H.: Ärztliche Interessenvertretung im Kaiserreich 1871-1914. Köln 1997. S. 60

(10) Wittern, Renate: Natur kontra Naturwissenschaft. Erlangen 1992. S. 20; Herold-Schmidt; H.: Ärztliche Interessenvertretung im Kaiserreich 1871-1914. Köln 1997. S. 60

(11) Wittern, Renate: Natur kontra Naturwissenschaft. Erlangen 1992. S. 19

(12) Jütte, Robert: Die Entwicklung des ärztlichen Vereinswesens und des organisierten Ärztestandes bis 1871. Köln 1997. S. 41; Jütte, Robert: Geschichte der alternativen Medizin. München 1996. S. 37

(13) Herold-Schmidt; H.: Ärztliche Interessenvertretung im Kaiserreich 1871-1914. Köln 1997. S. 55, 59

(14) Wittern, Renate: Natur kontra Naturwissenschaft. Erlangen 1992. S. 20

(15) Jütte, Robert: Geschichte der alternativen Medizin. München 1996. S. 38

(16) Wittern, Renate: Natur kontra Naturwissenschaft. Erlangen 1992. S. 20

(17) Herold-Schmidt; H.: Ärztliche Interessenvertretung im Kaiserreich 1871-1914. Köln 1997. S. 61; Wittern, Renate: Natur kontra Naturwissenschaft. Erlangen 1992. S. 19; Jütte, Robert: Geschichte der alternativen Medizin. München 1996. S. 21, 37, 38

(18) Herold-Schmidt; H.: Ärztliche Interessenvertretung im Kaiserreich 1871-1914. Köln 1997. S. 60

(19) Ebd. S. 62

(20) Jütte, Robert: Geschichte der alternativen Medizin. München 1996. S. 39, 41; Kantor-Warnsdorf, M.: Vom „Gesundheitslehrer“. In: Gesundheitslehrer. Festschrift. 27. Februar 1928. Zittau 1928. S. 8

(21) Gesundheitslehrer. Oktober 1932. Ausgabe B/ Heft 10. Berlin 1932. S. 109, 111, 115; Gesundheitslehrer. Festschrift. 27. Februar 1928. Zittau 1928. S. 4, 51

(22) Vgl. Brückner, Wolfgang: Fund und Erfindung. Erkenntniskritische Zugänge und sozialwissen-schaftliche Theorienbildung der Volkskunde im Lichte des Konstruktivismus. Würzburg 2000. S. 37-38

(23) Jütte, Robert: Geschichte der alternativen Medizin. München 1996. S. 34-36

(24) Jungbauer, Gustav: Deutsche Volksmedizin. Berlin & Leipzig 1934. S. 1

(25) Wolff, Eberhard: Volkskundliche Gesundheitsforschung, Medikalkultur- und „Volksmedizin“-Forschung. Berlin 2001. S. 620

(26) Vgl. Most, Georg Friedrich: Encyklopädie der gesammten Volksmedicin [...]. Leipzig 1843. S. V-XXIX

(27) Ebd. S. XII-XIII, XV, XX

(28) Ebd. S. VI; Osiander, J. Friedrich: Volksarzneymittel […]. Göttingen 1826. S. 9

(29) Vgl. Simon, Michael: „Volksmedizin“ im frühen 20. Jahrhundert. Mainz 2003. S. 11-12

(30) Magnus, Hugo: Die Volksmedizin, ihre geschichtliche Entwicklung [...]. Breslau 1905. S. 52, 53, 54

(31) Magnus, Hugo: Die Volksmedizin, ihre geschichtliche Entwicklung [...]. Breslau 1905. S. 58-59

(32) Ebd. S. 112

(33) Magnus, Hugo: Sechs Jahrtausende im Dienst des Äskulap. Breslau 1905. S. 201, 228

(34) Diepgen, Paul: Volksmedizin und wissenschaftliche Heilkunde (1937). Darmstadt 1967. S. 203

(35) Ebd. S. 200

(36) Heischkel, Edith: Medizingeschichtsschreibung und Volksmedizin (1941). Darmstadt 1967. S. 278, 279

Die Magisterarbeit zum Download (im PDF-Format)

Rezeption der "Dreckapotheke" und Beurteilung Paullinis im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert - "Schulmedizin" contra "Volksmedizin"

Im 19. Jh. erlebte die medizinische Wissenschaft einen enormen Aufschwung, denn eine Fülle von Neuentdeckungen in der Anatomie, Physiologie, Bakteriologie, Chemie und Physik bereicherten die theoretische und bald auch die praktische Medizin nachhaltig. Im Zuge dieses Fortschritts etablierte sich die akademische Medizin völlig, es kam zu einer stetigen Professionalisierung des Ärztestandes, während aber gleichzeitig noch nichtakademische Mediziner oder Laien einen Teil der medizinischen Versorgung übernahmen.(1) Die studierten Ärzte gewannen im Laufe der Zeit an immer mehr Autorität, ihre Zahl nahm erheblich zu, und ab der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die wissenschaftliche Medizin ihren Siegeszug endgültig begonnen.(2)

Die zunehmende naturwissenschaftliche Orientierung des Faches trug dazu bei, daß sich die Medizin immer weiter spezialisierte, das Medizinstudium wurde vereinheitlicht, und auch die Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung (1883) erweiterte den Einflußbereich der Ärzte immens, da sie nun eine Klientel erreichten, die sonst nicht die Hilfe eines studierten Mediziners hätte in Anspruch nehmen können.(3)

Ebenso bemühten sich die zahlreichen ärztlichen Vereinigungen, die seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts überall gegründet wurden, um grundsätzliche Reformen in der Medizin.(4) Sich ihres Machtzuwachses durchaus bewußt, ging es den Ärzten hier vor allem darum, unabhängig von staatlicher Bevormundung, ihre Monopolstellung in der medizinischen Versorgung weiter auszubauen und die öffentliche Gesundheitspolitik gänzlich ihrer eigenen Verantwortung und Verwaltung zu unterstellen.(5)

Aber mit der naturwissenschaftlichen Sichtweise veränderte sich auch der Blick des Arztes. Als Ausgangspunkt der Krankheit definierte man nunmehr das kranke Organ, Krankheiten waren in der Anatomie des Patienten nachweisbar, und somit stand nur noch der kranke Körperteil im Vordergrund, dem sich spezialisierte Ärzte widmeten. Mit ihrem naturwissenschaftlichen Blick auf den Patienten machten die Mediziner diesen zu ihrem Untersuchungsobjekt, das es zu beobachten galt. Der kranke Mensch als Person sowie sein soziales Umfeld wurden dabei in den Hintergrund gedrängt und aus der medizinischen Betrachtung und Behandlung entfernt.(6)

Neben allen Leistungen, welche die moderne Medizin in dieser Zeit vollbrachte, war es für deren Kritiker untragbar, daß der Blick der akademischen Mediziner den Menschen dergestalt auf seine physiologischen Vorgänge reduzierte. Man kritisierte den Autoritätsanspruch der Ärzte und die Entmündigung der Patienten.(7) Als Kritiker der wissenschaftlichen Medizin vereinigten sich die Gegner der Pockenschutzimpfung sowie die Anhänger der verschiedensten Therapieformen wie Mesmerismus, Homöopathie, Elektro- und Kaltwassertherapie und Naturheilkunde, wobei die letzteren "natürliche Wirkfaktoren" wie Wasser, Luft, Licht und Diätetik in der Heilkunde befürworteten.(8)

Bereits ab der Mitte des 19. Jahrhunderts waren Bewegungen entstanden, die die "Naturheilkunde" propagierten und der "Staatsmedizin" eher mißtrauisch gegenüberstanden. Als deren Einfluß ab den 80er-Jahren erheblich zunahm und die Naturheilbewegung sich in den 90er-Jahren regelrecht zum Hauptgegner entwickelte, sahen sich die akademischen Ärzte dazu gezwungen, ihrerseits Kampagnen gegen das "Kurpfuschertum" zu starten. Ziel dieser Aktionen war es, jegliche Arten der Laienmedizin zu bekämpfen und die Bevölkerung von der "Unfehlbarkeit" der wissenschaftlichen Medizin zu überzeugen.(9)

Obgleich die unprofessionellen Heilberufe die Gestaltung des medikalen Systems schon immer bereicherten, da es stets einen Mangel in der medizinischen Versorgung weiter Teile der Bevölkerung gab, sollten sie nunmehr ihrer Existenzberechtigung beraubt werden, wobei sie jetzt als Konkurrenz der akademischen Medizin aufgefaßt wurden. Zu dieser Konkurrenz gehörten aber auch approbierte Mediziner, die sich noch nicht mit der reinen naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise des menschlichen Körpers anfreunden konnten und sogenannte Außenseitermethoden praktizierten. Ihnen drohte man mit dem Ausschluß aus der Ärzteschaft.(10)

In den langwierigen Auseinandersetzungen ging es vor allem auch darum, die seit 1871 reichsweit geltende Kurierfreiheit wieder abzuschaffen. Dabei waren es gerade die akademischen Ärzten, die sich für deren Einführung eingesetzt hatten.(11) Mit ausschlaggebend war dabei sicher die Überzeugung, daß sich die Bevölkerung zukünftig für die Inanspruchnahme der naturwissenschaftlichen und "richtigen" Medizin entscheiden würde. Da sie dies nicht tat und zum Ende des 19. Jahrhunderts eine immer größere Vielfalt an Therapieangeboten den Gesundheitsmarkt überflutete, sahen sich die akademischen Ärzte gezwungen zu handeln. Denn mit der Kurierfreiheit war es jedem erlaubt, heilkundige Maßnahmen zu ergreifen. Einzig der Titel "Arzt" oder "Apotheker" blieb weiterhin Approbierten vorbehalten. Und da die Ausübung medizinischer Tätigkeiten keinen Straftatbestand mehr darstellte, stieg die Zahl der Laienmediziner immer weiter an.(12)

Obwohl die Gewerbeordnung (1869) den Ärzten Niederlassungsfreiheit sowie die freie Vereinbarung des Honorars gewährte, war es gerade die Kurierfreiheit, welche schon wenige Jahre später zu enormen Protesten in ihren Reihen führte. Mit dem Anspruch, nicht nur ein einfaches "Gewerbe" auszuüben, wurde die Einführung einer reichseinheitlichen und staatlich anerkannten Ärzteordnung angestrebt, mit der es auch möglich sein sollte, die konkurrierende Laienmedizin zu verdrängen.(13)

Auf dem 15. Deutschen Ärztetag 1887 wurde dann erstmals die Forderung laut, die Kurierfreiheit wieder abzuschaffen. Dies geschah vorerst nicht, und in den folgenden Jahren konnte diesbezüglich auch nichts erreicht werden.(14) Die Situation verschärfte sich, als Mitte der 90er-Jahre einigen Laienmedizinern zusätzlich noch die Kassenzulassung erteilt wurde. Daraufhin wiederholte man auf allen Ärztetagen die Forderung nach der Abschaffung der Kurierfreiheit.(15) Erst 1939 wurde dem schließlich im "Heilpraktikergesetz" stattgegeben, und die Ausübung heilkundiger Tätigkeiten ist seitdem nur noch mit der Approbation möglich.(16)

Im Sinne der Volksaufklärung versuchte man der Laien- und Außenseitermedizin durch Zeitschriften oder "Kurpfuscherei-Ausstellungen" den Boden zu entziehen, da nur durch Belehrung eine Abkehr von "Aberglauben" und "Wundersucht" zu erwarten war.
In öffentlichen Diskussionen, in Broschüren oder mit Aufrufen stellten die akademischen Ärzte nicht approbierte Laienheiler und abtrünnige Mediziner als "Kurpfuscher" und "Schädiger der Volksgesundheit" dar und ersuchten um das Eingreifen des Staates, damit dem "Heilerunwesen" Einhalt geboten werden konnte.(17)

Die "Kurpfuscherei" umfaßte dabei nicht nur die Laienbehandlung und Außenseitermedizin, sondern auch Kompetenzüberschreitungen zugelassener niederer Heilpersonen wie Hebammen oder Wundärzte. Und gerade die in den Städten niedergelassenen Heiler erregten die Gemüter der Ärzteschaft, da hier ihre Konkurrenz besonders spürbar war.(18) Im Jahr 1903 wurde zudem die "Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung des Kurpfuschertums" gegründet, deren selbstgewählter Aufgabenbereich in der aufklärerischen Öffentlichkeitsarbeit und im Sammeln statistischer Belege von Kurpfuschereifällen bestand. Diese Daten wurden dann veröffentlicht und dabei rufschädigend sowie propagandistisch eingesetzt. Überdies ging der Aufruf an die Bevölkerung, Kurpfuscherei sofort anzuzeigen.(19)

Im Kampf für die wissenschaftliche Medizin setzte man auch die Zeitschrift "Gesundheitslehrer" ein, die bereits 1898 erschien und deren Herausgabe ab 1908 die "Gesellschaft zur Bekämpfung des Kurpfuschertums" übernahm.(20) Im "Gesundheitslehrer" findet man dann auch Aufsätze wie "Das ‚Wunder’ als Geschäft", "Konjunktur für Aberglauben", "Astrologie und Kurpfuscherei", "Wie kamen wir zur Kurierfreiheit?", "Die Schicksalsfrage der deutschen Ärzte" und viele andere über Art und Wesen der "Kurpfuscherei", die verschiedensten laienmedizinischen "Verirrungen" sowie die stetig wiederholte Forderung nach der Abschaffung der Kurierfreiheit – Unter dem Motto "Dem Aberglauben wehren, Betrug und Schwindel lichten: Kurpfuschertum vernichten!".(21)

Vor diesem Hintergrund setzte nun auch erstmals eine umfassende Beschäftigung mit der medizinischen Wissenschaftsgeschichte ein. Daß die Medizingeschichtsschreibung zunächst ein Anliegen der approbierten Ärzte war, ist nicht verwunderlich. Denn eine umfassende Geschichte des Ärztestandes konnte insofern instrumentalisiert werden, indem man mit der Erforschung berühmter Mediziner vergangener Jahrhunderte und -tausende sowie deren Entdeckungen die Position der Ärzteschaft stärken und die Machtansprüche der wissenschaftlichen Medizin legitimieren konnte. In dieser, sicherlich auch berechtigten, Rückschau auf die Glanzleistungen der Medizin ging man von einem geradlinigen Weg in der medizinischen Forschung aus und erfand somit die eigene Tradition, die unweigerlich ihren Höhepunkt in der modernen wissenschaftlichen Medizin finden mußte.(22)

In den medizinhistorischen Publikationen des 19. und frühen 20. Jh. kann man dann auch diese, von den Ärzten unterstellte, kontinuierliche Entwicklung der modernen Medizin von der Antike bis zur Neuzeit nachvollziehen. Dabei war es der Ärzteschaft ebenso ein Anliegen, mit diesen Schriften Kritik an abergläubischen, nutzlosen und vergangenen Heilpraktiken zu üben, somit vor den Gefahren der Laienmedizin zu warnen, dem skeptischen Patienten die Errungenschaften der modernen Medizin vor Augen zu führen und damit die Medizingeschichtsschreibung gleichsam im Sinne der Volksaufklärung zu instrumentalisieren.

Im Zuge dieses öffentlichen Streites um die zu erringende Vormachtstellung der "richtigen" Medizin kam es auch auf die Wahl eindeutiger Begriffe und Definitionen an, denn das Spektrum der Bezeichnungen für die unterschiedlichen Richtungen der Medizin hatte sich sehr erweitert.
In den Kampagnen gegen die wissenschaftliche Medizin wurden zunächst Ausdrücke gebraucht wie "naturwissenschaftliche Medizin", "Staatsmedizin" oder "medizinische Wissenschaft", die aber auch deren Vertreter selbst anwandten. Von Anhängern der Homöopathie erstmals Ende der 70er-Jahre eingeführt, etablierte sich der Begriff der "Schulmedizin" jedoch erst in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts.

In der Zeitschrift "Der Naturarzt", in der die Vertreter der Naturheilkunde ihre Forderungen und Kritikpunkte vertraten, tauchte in dieser Zeit vermehrt die Bezeichnung "Schulmedizin" auf, die von den akademischen Medizinern ebenfalls über- und angenommen wurde und schließlich erst um die Wende zum 20. Jh. ihre allgemeine Verbreitung fand.(23) Unter "Schulmedizin" versteht man also die staatlich und mittlerweile öffentlich anerkannte, an den Universitäten gelehrte, moderne und naturwissenschaftliche Medizin.

Der Begriff "Volksmedizin" ist allerdings auch nicht viel älter. Er wurde zum "Inbegriff der von alters her überkommenen Krankheitsvorstellungen und Heilverfahren des Volkes im Gegensatz zur wissenschaftlichen Medizin".(24) Unter der "Volksmedizin" verstand man also Therapiemaßnahmen, Schutz- und Heilmitteln sowie Krankheits-benennungen und -vorstellungen die nur im Volk vorhanden sein sollen und damit im Gegensatz zur wissenschaftlichen Medizin stehen.(25)

Aber da man erst im 19. Jh. von der Etablierung einer wissenschaftlichen Medizin sprechen kann und deren tausendjährige Geschichte jetzt erst durch die Ärzteschaft konstruiert wurde, ist die "Volksmedizin" ebenfalls nur ein Produkt dieses Jahrhunderts. Sie ist eine Erfindung, mit deren Hilfe man die Grenzen zur "Schulmedizin" definieren konnte. In diesem Sinne war die "Volksmedizin" sowie die Modifikation ihrer Inhalte ein Instrument zur Konsolidierung der "Schulmedizin".

So kann man feststellen, daß 1843 der Arzt Georg Friedrich Most noch eine völlig unbeschwerte Auffassung von der "Volksmedizin" hat und deren Anwendung weder verdammt noch verurteilt sondern toleriert.(26) Vielmehr ist er der Meinung, daß die Kenntnis über gewisse "Volksarzneimittel" den Ärzten durchaus von Nutzen sein kann, differenziert aber schon, indem er darauf hinweist, daß diese "zweckmäßig" und "unschädlich" sein sollten. Ansonsten müsse aber die "Volksarzneikunde" in ihren Schranken gehalten werden und die Behandlung schwerer Erkrankungen dem Arzt obliegen.(27)

Most berichtet über die Wirksamkeit "volksmedizinischer" Heilmethoden, bewertet dabei aber nicht die Erwartungshaltungen, die in veraltete Therapien und Heilmittel gesetzt wurden. Insgesamt ist hier von einem erbitterten Kampf der Schulmedizin gegen die Laienmedizin noch nichts zu spüren. Schon gute zwanzig Jahre zuvor sammelte und veröffentlichte Dr. Friedrich Osiander "Volksarzneymittel". Und beide, Most und Osiander, "würdigten" noch die "Volksmedizin", indem sie in ihr den Ursprung der Heilkunst sahen.(28) Dies änderte sich jedoch, als man in den Kampagnen gegen die "Kurpfuscherei" die "Volksmedizin" für deren Entstehen sowie die Verbreitung schädlicher und laienmedizinischer Therapien verantwortlich machte. Die "Volksmedizin" wurde nun zum Gegenpart der "Schulmedizin".(29)

Im Jahr 1905 veröffentlichte der Arzt Hugo Magnus eine medizinhistorische Abhandlung über die "Volksmedizin", in der er die Laienmedizin anprangerte. Ausgehend davon, daß "medizinischer Aberglauben" in der Natur des Menschen liege, schildert er, wie die "Volksmedizin" von der Bevölkerung, aber auch von der Schulmedizin gefördert wurde. Denn weil die "Berufsmedizin" in ihren unterschiedlichen Ausprägungen "seit 2500 Jahren [!]" keine Einigung erzielte, sollen damit erst die Vorraussetzungen für die Entstehung der "Volksmedizin" geschaffen worden sein – so hätte die Schulmedizin "durch ihr Verhalten viele Jahrhunderte hindurch die Volksmedizin genährt und groß gezogen".(30)

Magnus schlußfolgert somit, daß nur die Verzweiflung die Bevölkerung zur Annahme volksmedizinischer Therapieangebote bewogen hat. In einem letzten Kapitel thematisiert er die Förderung der "Volksmedizin" durch den Staat, um dann seine Abhandlung mit einem Aufruf zur Abschaffung des "gewerbsmäßigen Kurpfuschertums" zu beenden(31):

"Diesen Zweig der Laienmedizin werden wir Ärzte aber zu allen Zeiten auf das Energischste verfolgen und wir werden nicht eher ruhen, als bis wir diese verbrecherischen Ausschreitungen der Volksmedizin gründlichst ausgerottet haben."(32)

In einer anderen medizinhistorischen Schrift beschäftigte sich Magnus in einem langen Kapitel sogar nur mit der Geschichte des "Kurpfuschertums", wobei er das Bestehen dieses "uralten Krebsschadens des Menschengeschlechts" ganz abenteuerlich auf 3000 Jahre schätzt, und mit der Forderung schließt: "Die Kurierfreiheit muß fallen!".(33) In gleicher Weise argumentierte Paul Diepgen, indem er eine "ununterbrochene Entwicklungslinie" in der Geschichte von Schul- und Volksmedizin zu erkennen glaubt(34):

"Volksmedizin und wissenschaftliche Heilkunde sind als Mutter und Tochter von den Urzeiten der Menschheit her bis auf den heutigen Tag unzertrennlich miteinander verbunden [...]"(35)

Solche Abhandlungen ließen ein sehr einseitiges Bild der Medizingeschichte entstehen und waren propagandistisch auf die Etablierung der "Schulmedizin" ausgerichtet. Es wurde nunmehr nicht nur von einer seit Jahrhunderten fest bestehenden "Schulmedizin" ausgegangen, sondern auch noch die Existenz einer parallel dazu verlaufenden "Volksmedizin" konstruiert!
Ausgehend von dieser Prämisse mußten nunmehr alle Therapien und medizinischen Vorstellungen vergangener Jahrhunderte in dieses System von "guter" und "schlechter" Medizin eingeordnet werden, was eigentlich ein unmögliches Vorhaben darstellt.

Bis ins 20. Jh. hinein ging man von dieser zweigeteilten Medizin aus. Und selbst als das Forschungsinteresse an einer medizinhistorischen und auch volkskundlichen Erfassung der "Volksmedizin" anwuchs und sie nicht mehr rigoros verurteilt wurde, hielt man noch an diesem Konstrukt fest. Somit überrascht es nicht wirklich, daß sich Edith Heischkel 1941 darüber wundert, daß man, "wenn man die Rolle der Volksmedizin in den Gesamtdarstellungen der Medizingeschichte untersuchen will, die Literatur schon bis weit in die Neuzeit hinein durchsehen muß, um überhaupt volksmedizinische Themen anzutreffen", und daß "auch den deutschen Medizinhistorikern der Romantik der Sinn für die Volksmedizin fehlte".(36)

In diesem Zusammenhang erweist es sich als interessant und aufschlußreich sich mit der Rezeption der "Dreckapotheke" Paullinis zu befassen, dessen Persönlichkeit und Behandlungsmethoden nur schwer in die neu konstruierten medizinhistorischen Anschauungen der wissenschaftlichen Medizin paßten.

< vorheriges Kapitel "Martius und Glorez" | nächstes Kapitel "Rezeptionen im 19. und 20. Jhdt." >