Ausgabe 15/2 2000
Gunther Hirschfelder
Das Bier und seine Trinker in der Frühindustrialisierung
In der wohlhabenden
niederländischen Stadt Leiden wurde 1727 ein Reiseführer veröffentlicht,
der dem Großbürgertum und Adel die Orientierung im seinerzeit
modernsten und aufstrebendsten europäischen Modebad erleichtern
sollte. Dazu gehörte, daß er Tips zum richtigen Essen und
Trinken in Aachen gab:
"Den Drank
sy goede, heldere, witte, geen sterke noch ook suure, niet te sterk
gehopt, noch al te suuren Bier. Ook dient man te weeten, dat men onder't
Baden spaaramne moet eeten en drinken als anders. Ook men sich hoeden
van terstond na het Badenkoud water te drinken."
Allemal besser und
gesünder als Wasser war nach Ansicht des anonymen Autors ein gutes
Bier, zumal, wenn es nicht zu stark gehopft war. Die "Eigenschaften
eines guten Braunbiers" definierte ein Zeitungsartikel im Jahr
1831:
"Es muß
hell und durchsichtig sein, wenn man es in ein Glas schenkt, muß
es geistig riechen, in der Nase krimmen, einen prickelnden Geschmack
auf der Zunge machen, kräftig, lieblich, angenehm und rein bitter
schmecken, [...] den Durst löschen und erquicken, Kopf und Magen
nicht belästigen, also nicht schon in kleiner Quantität
berauschend seyn oder Kopfschmerzen verursachen."
Die Qualität
war aber starken Schwankungen unterworfen, und immer wieder hören
wir Klagen wie jene des Jahres 1694, als die Aachener sich beschwerten,
"dass sie theur broot Essen musten und so schlecht dun bier musten
drincken." Franz Theodor Bettendorff resümierte am Ende des
folgenden Jahrhunderts:
"Das Bier
ist nicht zu teuer für den gemeinen Mann, [...] aber es ist zu
schlecht, giebt ihm daher weniger Kraft und Nahrung, wird von selbem
aus diesen Ursachen nicht so viel, und vom Reichen gar nicht getrunken."
Viel besser seien
die Verhältnisse, wenn man über die Grenze schaue,
"wenn man
nur umliegende Brabändische Ortschaften, als Mastricht, Lüttig,
Löwen, Diest, Brüssel und andere mehr betrachtet, allwo
die wohl eingerichteten Brauereyen viele Leute reich machen, und auswärtiges
Geld zum Nutzen ihrer Einwohner ins Land ziehen."
Es waren nicht nur
finanzielle Beweggründe, die das allgemeine Interesse am Bier wachhielten.
Anders als heute war Bier ein Getränk, das viele Aufgaben erfüllte.
Im folgenden sollen diese Aufgaben am Beispiel der Region Aachen skizziert
werden, denn diesem Raum kam wegen seiner frühgewerblichen und
frühindustriellen Orientierung sowie seiner geographischen Lage
eine Schlüsselrolle im Prozeß der Industrialisierung zu.
Somit erlaubt eine Analyse der Aachener Verhältnisse weitreichende
Schlußfolgerungen hinsichtlich des kulturellen Wandels in Zeiten
beschleunigter gesellschaftlicher Veränderungen.
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Bier
als Nahrungsmittel
Bier war vor der
massenhaften Verbreitung von Mineralwasser, Fruchtsaft und Limonade
einer der wichtigsten Durstlöscher. Darüber hinaus kam ihm
eine besondere Funktion als Nahrungsmittel zu: Bier war sowohl im privaten
Haushalt als auch in Waisenhäusern und Spitälern sowie in
Korrektionsanstalten und Kasernen integrativer Bestandteil der Ernährung.
So stellte Armand Gaston Camus in seinem Reisebericht des Jahres 1803
über die links-rheinischen Departements zusammenfassend fest:
"Die gewöhnlichste
Art die Armen zu speisen ist diese: man giebt ihnen wöchentlich
dreimal Fleisch; die anderen Tage bekommen sie Gemüse, oder Suppe
und Gemüse. In den meisten Hospitälern giebt man Bier."
Grundsätzlich
unterschied sich auch die Herstellung. In vielen Haushalten braute man
selbst. Geschmack, Aussehen und Alkoholgehalt waren von der jeweiligen
Methode, von der angewandten Sorgfalt und Sauberkeit, aber auch ganz
maßgeblich von der Wasserqualität abhängig. Erst in
der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen industrielle Verfahren, die
Heimbrauerei und die kleingewerbliche Produktion abzulösen. So
gab es vom Spätmittelalter bis zum Beginn des Industriezeitalters
im Rheinland und den westlichen Nachbarregionen eine Bier- und Trinkkultur,
die viele homogene Züge aufwies. Dabei war das Bier langfristig
gesehen auf dem Vormarsch, es wurde immer beliebter.
Wichtigstes Merkmal
war die große regionale und soziale Differenzierung. Was in den
Städten üblich war, kannte man auf dem Land noch lange nicht,
und auch von Stadt zu Stadt oder von Ort zu Ort konnten die Unterschiede
groß sein. "Ses habitants font grand usage de la bière",
urteilte Anton-Joseph Dorsch 1804 über das Roer-Departement. Zwischen
Rhein und Maas werde Hopfen in der Umgebung der meisten Städte
und Orte angebaut und sei um Erkelenz und Stralen besonders gut; "et
la bière qu'on y brasse, est très bonne et très
forte". Neben Lob gab es für das rheinische Bier auch Tadel.
Im März des Jahres 1839 schilderte der Aachener Joseph Egyptien
seine ebenso mißliche wie symptomatische Lage. "Mein ganzes
Geschäft besteht blos in einer Bierbrauerei." Vor allem aber
sei er zu ehrlich, gab er weiter zu Protokoll: "und weil ich keine
unreinen Getränke (was leider hier in Regel zu häufig vorkömmt)
an meine Gäste verabreichen will, so leide ich daher Schaden."
Über die Nahrungsgewohnheiten
"der weniger bemittelten Einwohner" des nahe Aachen gelegenen
Burtscheid wurde 1804 berichtet:
"Zum Hauptgetränk
steht das Bier vor dem Wein, welches auch dem Trinckenden gewöhnlich
gut bekömmt, aber auch allezeit ihnen gut bekommen würde,
wenn es mit seiner guten und schlechten Beschaffenheit nicht so häufig
abwechselte, wie es doch fast der tägliche Fall ist."
Neben gutem war
also gleichzeitig auch minderwertiges Bier im Handel. Wer nicht selbst
braute, kaufte es nicht auf dem Markt oder im Lebensmittelgeschäft
("Victualienladen"), sondern bei einem der zahlreichen kleinen
Hersteller.
Meist wurde das
Bier dort auch getrunken; denn vor der Verbreitung der industriell gefertigten
und damit erschwinglichen Flasche gab es allenfalls die Möglichkeit,
Bier in einem selbst mitgebrachten Krug oder in einer Kanne abzuholen
und somit Gefahr zu laufen, es auf dem Heimweg warm werden und verschalen
zu lassen. Überall im Rheinland gab es Gastwirtschaften wie die
des Joseph Egyptien, die im Nebengebäude oder auf dem Hinterhof
ihre Braukessel betrieben.
Über Jahrhunderte hinweg waren diese Kneipen multifunktionale Einrichtungen,
die im gesellschaftlichen Leben in den Städten und auf dem Land
eine zentrale Rolle spielten. Weil sich die Menschen hier trafen, diskutierten,
auch über Politik sprachen oder gar gegen die Obrigkeit konspirierten
und hier auch ihre Streitigkeiten austrugen, hat das, was sich hier
abspielte, in den Quellen weit deutlicheren Niederschlag gefunden als
die meisten anderen Lebensbereiche, zumal der Staat dort auch auf die
Wahrung seiner fiskalischen Interessen zu achten hatte. So bietet die
Betrachtung der Trinkgewohnheiten einen optimalen Zugriff auf die Alltagskultur
vor allem der nicht den Oberschichten zugehörigen Bevölkerungsgruppen.
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Das
Angebot an Bieren
Wer es sich leisten
konnte, dem boten die rheinischen Gastronomen eine breite Palette an
Bieren. So berechnete die jülich-bergische Steuergesetzgebung im
Jahr 1700 unterschiedliche Sätze auf "Lüttischer Bier"
sowie auf "Hambschen- oder Brackerfelder Keuth, Cöllnischen
und andern außländischen Bier." In der nahegelegenen
Stadt Jülich war im 17. und 18. Jahrhundert der Import untergärigen
Biers verboten. Wer dagegen verstieß, wie beispielsweise der Wirt
"Zur Stadt Aachen" 1714, wurde bestraft. Mit den besseren
Transportmöglichkeiten erfuhr das Getränkesortiment im Verlauf
des 19. Jahrhunderts eine deutliche Erweiterung. Die Statistik des Regierungsbezirks
Aachen meldete:
"Hingegen
werden die feineren und hier beliebteren Biere von Rheydt, Niedermendig,
Neuwied, Mülheim und aus dem Kreise Jülich bezogen. Aus
den Bezirken Cöln und Uerdingen wuden 1861 eingeführt circa
1000 Tonnen Bier, [...] und an ausländischen Bieren: englisches
Ale, Porter und Belgisches Faro."
Solche Spezialitäten
bot die Masse der Kneipen freilich nicht an. Hier gab es nur die handelsüblichen
bzw. selbsthergestellten einfachen Getränke.
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Die
Gaststätten
Oft war es gar nicht
leicht, eine Gaststätte überhaupt zu erkennen und von einem
Privathaus zu unterscheiden.
"Das einem
jeden Bürger leichte Mittel, aus seinem Hause einen öffentlichen
Ort zu machen, zeigt offenbar das Elend des Volkes und seinen Mangel
an Hilfsquellen."
Viele Kneipen seien
regelrecht in die überquellenden und notdürftigen Wohnungen
der Wirte integriert, berichtete ein Zuschauer in den 1780er Jahren
über Aachen. Er fuhr fort:
"Wie ekelhaft
muß es für einen Fremden seyn, in einer Schenke nichts
als nackende und vor Hunger blasse Kinder zu sehen! schwage und hagere
Mädchen, trostlose Greise, Kranke, die aus Mangel an Arzeneyen
verschmachten."
Von den Bierwirtschaften
hatte der Autor keine gute Meinung, schränkte aber ein: "Die
Häuser, in welchen Wein verzapft wird, sind nicht so ekelhaft."
Eine Siegburger Kneipe schilderte Joseph Gregor Lang in jenen Jahren
folgendermaßen:
"Beim Eintritte
in die Stube stieß mir ein fauler mephytischer Dunst auf, daß
ich mich gern wieder hinausgeschlichen hätte, wenn die Wirtin
nicht schon alle Bereitschaft getroffen, mich in forma zu bewirten.
Im anderen Winkel der Stube [...] saß die Familie des Hauses.
Hier sah ich schon mein Elend, und die Eßlust verschwand, ehe
für mich zugerichtet wurde. Alles war unrein und in der größten
Unordnung."
Wie sind solch polemische
Beschreibungen zu interpretieren? Auf keinen Fall dürfen sie verallgemeinert
werden. Vielmehr war es am Ende des 18. Jahrhunderts üblich, das
Leben im krisengeschüttelten Rheinland in düsteren Farben
zu zeichnen. Aber sicherlich behielten viele Menschen ihren Sinn für
Ordnung und Gastlichkeit, und in den meisten Wirtschaften werden die
Stammgäste sich wohler gefühlt haben als die vornehmen Reisenden
- sonst hätten sie nicht einen so großen Teil ihrer Freizeit
dort verbracht. Auf der anderen Seite sind beispielsweise Aachener Steuerakten
in der Lage, ein schärfer konturiertes Bild der Realität zu
zeichnen.
Dabei erstaunt die
räumliche Enge, die in vielen der am Rande des Existenzminimums
dahinvegitierenden Kleinwirtschaften vorherrschte. 1822 etwa erlaubte
sich Peter Jöbes "zu bemerken, daß sein Lokal gar nicht
zur Wirthschaft geeignet, und durchaus er keine Gäste darinnen
aus Mangel an Raum und Bequemlichkeit halten kann." Die Schankwirtschaft
Matthias Huppermanns bestand 1826 lediglich aus "einem kleinen
Wirths- und einem Schlafstübchen" und die des Nicolaus Strauch
1827 nur aus "2 Zimmerchen". Zu dieser Zeit gab Peter Huppertz
an, er müsse sich "mit einem winzigen Zimmerchen bedienen,
was kaum Raum für 12 Gäste enthält, und folglich seines
schlechten Ansehens wegen wenig Gäste an sich zieht". Erwähnt
sei ferner Carl Bruchner. 1832 bewohnte er mit Frau und vier Kindern
"blos 2 Zimmerchen, und das Wirthsstübchen ist so klein, daß
es mit 10 Gästen angefüllt ist."
Vor allem in Zeiten
von Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung mußten viele
Wirte ums Überleben kämpfen. So betrieb Anold Dahmen 1830
in seiner winzigen Wirtschaft "nebenbei einen Spezerei? und Kramladen."
Nicolas Debey zeigte 1832 an, er sei Tagelöhner und habe nur
"ein elendes
Lokal woran nur 2 Zimmer im Erdgeschoße zur Wirthschaft benutzt
werden können, die sich nicht einmal dazu eignen. [...] Bekanntlich
sind in der Pontstraße Wirthshäuser zu viel, allein man
versucht es bei den gegenwärtigen Zeitverhältnißen,
wo man vom Tagelohn nicht mehr leben kann, durch ein Nebengeschäft
etwas zu verdienen."
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Der
Bierwisch
Zurück zum
Erscheinungsbild. Ein auf dem Dach befestigter Strohwedel, der "Bierwisch",
zeigte dem Gast bereits in der Reformationszeit an, daß in einer
Gaststätte frisches Bier zu haben war. Der Bierwisch erlebte in
der Folgezeit einen Funktionswandel und galt im 19. Jahrhundert dann
als generelles Merkmal der einfachen Gaststätten. Eine Regierungsbezirksverordung
untersagte 1830,
"Wirthshäuser
oder Schenkwirthschaften mit Gipfeln oder Zweigen von Nadelholz zu
bezeichnen, wogegen Wacholdersträuche oder auch Stechpalmen dazu
gebraucht werden dürfen."
Dauerhaft eingerichtete
und bessere Häuser waren im Rheinland seit dem Spätmittelalter
durch Schilder gekennzeichnet. Sie dienten der Werbung, wiesen aber
ursprünglich auch auf die Pflicht hin, Gäste bis zur Grenze
des Fassungsvermögens aufzunehmen. Es gab sogar eine Pflicht zur
Kenntlichmachung, der jedoch nicht immer nachgekommen wurde. Johann
Münch etwa monierte 1825 bei der Aachener Steuerbehörde, viele
Wirte würden zwar "den Brandewein aus dem Hause verkaufen,
können auch vielleicht schenken, haben aber kein Schild aushängen."
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Das
Leben in den Gaststätten
Wie sich das alltägliche
Leben in den Gaststätten an Rhein und Maas gestaltete, geht aus
den Quellen meist nicht hervor, denn die zeichneten meist nur den Sonderfall
auf und vermerkten Schlägereien, Exzesse oder Sperrstundenüberschreitungen.
Nur selten erfahren wir dagegen etwas vom geselligen Charakter der Kneipenabende
und von der Sozialfunktion der Wirtschaft. Aber einige Beispiele liegen
doch vor. So wissen wir z.B., daß sich die Wächter Schaf
und Klein aus Burtscheid an einem Dezemberabend des Jahres 1824 auf
ihre "gewöhnliche Sonntags-Patroille" begaben. Es war
kein besonderer Abend, und Schaf gab später nur die mehr oder weniger
üblichen Vorfälle zu Protokoll. Lediglich beim Wirt Adam Knops
hatte er
"zwey Mahl,
um halber elf und um halb zwölf Uhr, Feyerabend geboten, jedoch
von Seiten der Gäste" hatte "man sich gar nicht daran
stören wollen, indem diese sich [...] nur lustig gemacht hätten."
Erbost und verärgert
holten die Wächter ihren Vorgesetzten Peter Notorius. Gegen Mitternacht
trafen sie wieder bei Knops ein. Im ersten Raum fanden sie drei Männer
"ruhig ihren Schnaps und Bier trinkend." Die Stimmung war
offenbar hervorragend. In der hinteren
"Schankstube
wären aber der Feinspinnermeister Wilhelm Färber, der Wundarzt
Christian Pesch, der Scheerermeister Isaac Hahn, der Bruno Klausener,
Conrad und Jacob Pastor, wie auch der Wilhelm Roderburg gewesen, welche
alle, mit einziger Ausnahme des Letzteren (der allein an einem Tische
gesessen) in Gesellschaft zusammen sich befunden und Lieder gesungen
hätten. Jetzt habe er (Notorius) die Polizei Stunde noch einmal
angekündigt, indem er gesagt: es wären schon zwölf
Uhr vorbey, das Singen müßte jetzt aufhören und die
Gäste sämtlich ruhig nach Hause gehen."
Es kam noch zu einer
kurzen Diskussion, aber schließlich konnten die Ordnungshüter
doch feststellen: "Endlich hätten sämliche Gäste
sich doch bequemt, aufzubrechen."
Vom Spätmittelalter
bis zum Beginn des Industriezeitalters war die Gaststätte für
die meisten Menschen der einzige Ort, der außerhalb von Arbeitsplatz
und Kirche Möglichkeiten zu außerfamiliärer Kommunikation
und Geselligkeit bot. Eine Aachener Chronik berichtet, im April 1765
hätten einige katholische Studenten begonnen, die lutherische Bibel
zu lesen "und sogar in denen Wirthshäusern mitzunehmen".
Besonders dadurch hätte es "viel verkehret und Argernuss gegeben".
Auch für die Schüler waren die Gaststätten wichtige Aufenthalts-
und Diskussionsorte.
Im 18. Jahrhundert
tranken die Schüler Jülichs in den Schänken dünnes
Bier, für das der Rat eine Steuerermäßigung gewährte.
Unter- und Oberschicht definierten Geselligkeit jedoch verschieden.
So war zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Kölner Casino "Fremden
von guter Conversation der Zugang nicht versagt". Über die
Verhältnisse "an den Wirthstischen" der Wohlhabenden
im Aachen des Jahres 1786 wird berichtet: "Die Unterredung wird
in einen andern Ton umgestimmt. Man spricht von Politik." Dagegen
gab es in den Kneipen der weniger eloquenten Masse nonverbale Kommunikationsformen,
zu denen wir auch den Streit rechnen müssen. Oft sahen die gesellschaftlichen
Spielregeln sogar vor, daß man ihn an einem öffentlichen
Ort auszutragen hatte, sichtbar für jeden. Und da spielte Alkohol
kaum anders als heute meist eine Schlüsselrolle: er wirkte enthemmend,
als Katalysator und somit oft konfliktverschärfend.
Wichtig waren in
den Gaststätten Musikdarbietungen, allen voran gemeinsames Singen.
So berichteten zwei Burtscheider Nachtwächter im August 1825, kurz
vor Mitternacht hätten sie in der Kneipe des Franz Leuchter "eine
noch zahlreiche Gesellschaft lärmend und singend" angetroffen.
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Tanzveranstaltungen
in den Gaststätten
Zu Beginn des Industriezeitalters
entwickelten sich in den jungen Arbeiterstädten neue Formen der
Freizeitgestaltung. Besonders beliebt waren Tanzveranstaltungen, die
die Gaststätten vor allem seit den 1820er Jahren an Wochenenden
oder etwa anläßlich der Kirmes organisierten. 1824 gab es
bei den Burtscheider Wirten Carl Esser und Friedrich Fränzel allen
Verboten zum Trotz wiederholt bis in die Nacht hinein Tanzveranstaltungen,
und der Aachener Landrat und Polizeidirektor bemerkte 1829 resigniert,
"in den [...]
Schänkstellen wird bei festlichen Gelegenheiten namentlich an
den Tagen der Pfarr-Kirchweihen Tanzmusik gehalten und dort Bier und
Brandwein verabreicht".
In den Wirtschaften
gab es sowohl "Musik von herumziehenden Musikanten" als auch
"Orgel-Spieler", die die Gäste mit ganzem Orchester oder
nur einer Zieharmonika unterhielten.
Eine breite Palette von Spielen erweiterte das Unterhaltungsangebot
auch einfachster Gaststätten. Vor allem die Glücksspiele waren
den Behörden immer wieder ein Dorn im Auge. 1750 beklagte ein Aachener
Edikt, daß
"die Hazard-Spiele,
benenntlich Pharaon, Paffadix, Berlan, Banque-Volute, Raffle, Lanfquenet,
Quinze, Trente & Quarante, Cinque & Neuf, Baflette, und dergleichen
mehr, in denen dahiesigen öffentlichen Caffée- Wirths-
und anderen privat-Häuseren [...] eingerissen seyn",
und stereotyp wettern
Verordnungen und Verfügungen im folgenden Jahrhundert immer wieder
gegen die vermeintliche Gefahr, die von derartigen Glücksspielen
ausging. Offenbar gab es kaum eine Kneipe, in der die Gäste nicht
mit Karten und Würfeln oder einfacheren Hilfsmitteln spielten.
Über Köln berichtete ein Besucher 1780, die Geistlichen würden
"in den offenen Bierhäusern mit den Bauern um Pfennige auf
dem Brett oder mit Karten spielen", obgleich das Urteil des Jonas
Ludwig von Hess übertrieben sein dürfte, der 1798 der Ansicht
war, "ein Aachner über zehn Jahre würde es für ein
peinliches Unglück halten, wenn er den größten Theil
des Tages nicht in den Caffehäusern und Estammins zubringen dürfte",
und meist würden auch "Buben unter zehn Jahren Billard spielen".
Gaukler - heute
würden wir sie vielleicht als Performance-Künstler bezeichnen
- erweiterten das Unterhaltungsangebot oft. 1776 verbot die mißtrauische
Aachener Stadtverwaltung alles,
"was maßen
unter dem verdeckten Nahmen von Christ-Kripgern, Fasten- und Bitter-Leiden
Stücker, Marionetten und derley Lustspiele, mittels allerhand
ohnziemlicher und unzulässiger auch gar ärgerlicher Vorstellungen,
so in denen privat Bürger- als auch in Wirtshäusern öffentlich
aufgeführet"
wurde. Bei Aufführungen
und Spiel stärkten, erfrischten und berauschten sich Gäste
und Darsteller wohl in der Regel mit Bier oder Branntwein.
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Kegelspiele
Neue Formen der
Freizeit und Alkohol - diese Faktoren paßten nicht so gut zusammen
wie etwa Würfeln und Bier. Das galt vor allem für die seit
dem Beginn des 19. Jahrhunderts beliebten Schießspiele, die zunächst
ausschließlich in oder neben Wirtshäusern abgehalten wurden.
Viel weiter verbreitet waren Kegelspiele, die seit der Wende zum 19.
Jahrhundert in Mode kamen. 1801 beklagte eine für das Herzogtum
Jülich-Berg erlassene Verordnung, daß die Wirte zu Ausschweifungen
"geflissenen
Anlaß mit übermäßiger Abgabe berauschender Getränke,
mit unterhaltender Musik zum Tanzen, mit Anleitung zu verschiedenen
Spielen, mit Kegeln, Würfelen, Karten [...] gegeben haben."
Zunächst handelte
es sich meist um Außenanlagen. Daher bestand für die städtischen
Wirtschaften mit ihren begrenzten räumlichen Möglichkeiten
zunächst kaum Gelegenheit, Bahnen zur Verfügung zu stellen;
einfacher war es hingegen vor den Städten oder auf dem Land. Eine
bedeutende Rolle begann das Kegeln aber erst mit der anziehenden (Bau-)
Konjunktur der frühen 1820er Jahre zu spielen. Bereits aus einer
Verordnung des Herbstes 1822 wird deutlich, daß die Regierung
in Aachen "besonders das Kegelspiel", das die Wirte sonntags
abhielten, monierten. Zwar baute auch der Aachener Casino-Club 1825
eine neue Bahn, aber Kegeln entwickelte sich zusehends zum Arbeitersport.
Einen regelrechten
Boom erlebte das vor allem im Sommer betriebene Kegeln in den 1820er
Jahren. Jene Betriebe, die nicht expandieren konnten, waren im Nachteil.
Am 27. Mai 1827 klagte der alteingesessene Aachener Wirt Niclas Esser:
"Es können
von April bis Novembris also durch sieben Monaten die wenigsten Schenkwirthe
in der Stadt ihre Getränke mit Nutzen absetzen, denn seit einigen
Jahren haben sich mehr als zwölf neue Schankwirthe, welche alle
eine Kegelbahn halten, vor den Thoren etablirt, wenn es also nur in
etwa gutes Wetter ist, so sind die Wirthshäuser in der Stadt
leer."
Viele Bereiche des
täglichen Lebens hatten Funktionen und Bezeichnungen, die heutiger
Realität recht nahe kommen; aber wie beispielsweise die Kegelbahnen
aussahen und was dort passierte, unterschied sich gelegentlich erheblich.
Die Zustände mag der Bericht des Peter Notorius verdeutlichen.
Der überforderte Burtscheider Wachtmeister gab am 14. Juni 1824
zu Protokoll, "daß der Wirth Johann Joseph Breul aus Burtscheid
diesen Vormittag zu ihm gekommen wäre" und geklagt hätte,
er
"seye gestern,
als an einem Sontage, verreist gewesen, so daß er, aus Vorsicht,
seine Schenke nicht ohne Schutz zu lassen, den hiesigen Joseph Defrey
ersucht habe, während seiner Abwesenheit sein Haus und die Wirthschaft
mit zu beaufsichtigen, damit seine zurückgebliebene Frau und
Schwester an ihm nöthigenfalls einen Beistand finden mögen."
In der jungen Industriesiedlung
herrschten offenbar rauhe Sitten, und ein Wirt wußte um die Gefahr,
wenn er seinen Betrieb unzureichend beaufsichtigt ließ. Er fuhr
fort:
"Auf einmal
seien nun gestern, und zwar gegen Abend, ein Schwarm ganz junger Burschen
in seinem Hause hineingekommen und hätten sich auf der Kegelbahn
Schnaps verabreichen lassen. Kaum daß aber diese Burschen, wohl
zwölf an der Zahl, dagewesen, hätten sie nicht allein angefangen
über die Wirthsleute wegen dem schlechten Getränk und schlechten
Essen mit allen möglichen Flüchen loszuziehen, sondern wären
auch allen Bittens seiner Frau, Schwester und des Joseph Defrey, in
ihrem Unfug so weit gegangen",
daß sie randaliert
und Mobiliar demoliert hätten. Der Schrecken hatte aber noch kein
Ende. Bezeichnend ist die Beiläufigkeit, mit der der Polizist den
Vorfall schilderte. Er lag offenbar noch im Rahmen des Üblichen
und war bei weitem nicht so gravierend, daß er an eine übergeordnete
Behörde, etwa die Abteilung des Inneren der Aachener Regierung,
weitergeleitet hätte werden müssen. Als der Wirt die Rowdies
zur Ruhe ermahnte, gab einer der Halbstarken der Wirtsschwester "einen
so starken Schlag auf den Kopf", daß sie blutüberströmt
zusammenbrach. Die Aggressivität der Jugendlichen verstärkte
sich, wild prügelten sie nun auch auf den Hausherren ein. Schließlich
zerstörte "die ganze Rotte" große Teile der Einrichtung.
Wie erklärt
sich dieser Ausbruch an Gewalt? Unter dem Aspekt des Alkohols fällt
auf: Die Burschen hatten Schnaps getrunken. Wohl vertrugen sie ein oder
mehrere Gläser Bier, aber die starke, ungewohnte Droge enthemmte
sie völlig und setzte jenes Potential frei, das sich aufstaut,
wenn sich in Zeiten zu schnellen gesellschaftlichen und kulturellen
Wandels erlernte Konfliktlösungsmechanismen nicht mehr anwenden
lassen und das Individuum in vielen Lebenssituationen bar jeder Sicherheit
ist.
Ein Faktor, der
auch eine Rolle gespielt haben mag: Die jungen Männer entgleisten
nicht in "ihrem" Viertel, wo ihr soziales Umfeld das Verhalten
möglicherweise gar nicht geduldet hätte. Die Frau des Wirtes
sagte später aus, von den Burschen habe "sie aber keinen gekannt".
Auch dem Stammgast Joseph König waren fast alle fremd. Nach seinen
Angaben befanden sich die Männer offenbar auf einem Zug durch mehrere
Wirtschaften, denn schon beim Eintritt hätten sie "angefangen
schreiend zu singen."
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Rauhe
Umgangsformen
Zu beachten ist
schließlich, daß die niedrigere Gewaltschwelle in den Gaststätten
integrativer Bestandteil allgemein rauherer Umgangsformen war. Hinzu
kam die Tatsache, daß viele Wirte selbst u.a. durch eigenen unmäßigen
Alkoholkonsum latent gewaltbereit waren. So kam der Wächter Christian
Schönemann im Juli 1825 klagend auf die Polizeiwache, "weil
er eben vorher durch den Wirth Fränzel aus Burtscheid beschimpft
selbst mißhandelt und zur Thür heraus geworfen worden"
war, obgleich er sich nur nach dem Erlaubnisschein eines Orgelspielers
hatte erkundigen wollen. Ebenfalls aus Burtscheid berichteten die Polizeiserganten
Schwarz und Müller 1849, an einem Novemberabend hätten sie
"in der Schenke des Wirthen Jacob Büth Gäste im lauten
Gespräch" gehört, seien eingetreten und hätten "folglos
Feierabend geboten". Der Wirt "beschimpfte" sie daraufhin,
"tadelte das bestehende Gesetz", warf die Serganten hinaus
und verfolgte sie "bis auf die Straße".
Der oft ungemütlichen
und rohen Unterschichtwirtschaft standen die besseren Häuser am
anderen Ende der Skala gegenüber. Der "Londoner Hof"
etwa, wird 1786 gemeldet, sei
"einer der
schönsten Gasthöfe in Aachen. Die Grösse des Gebäudes,
die bequeme Eintheilung der Zimmer, die Höflichkeit des Herren
vom Hause, alles trägt dazu bey, diesen Schutzort der vornehmen
Personen würdig zu machen."
Obgleich ein Abendessen
dort leicht den Monatslohn eines Tagelöhners kosten konnte, mußten
die "vornehmen Personen" gemeinsam essen und trinken: "Es
wird nemlich in demselbigen auf niemand mit dem Essen gewartet; die
Mahlzeiten werden zu einer bestimmten Stunde gehalten." Der "Vauxhall",
ein vor den Toren Aachens gelegener Gasthof, war beliebtes Ausflugsziel
der Oberschicht mit Übernachtungsmöglichkeit und weitreichendem
Freizeitangebot, räumlich recht dicht bei und doch unendlich weit
von den billigen Absteigen entfernt. Es gab einen Ball- oder Komödiensaal,
ein Spielzimmer, das sogenannte "Rote Balkonzimmer", das "Gelbe
Zimmer", den "Blauen Erfrischungssaal" mit insgesamt
zwei Pharaon- und 22 weiteren Spieltischen sowie ein separates Billardzimmer.
Elf Säle und etliche luxuriös ausgestattete Zimmer ließen
kaum Wünsche offen. Derartigen Betrieben kam eine besondere Funktion
im Sozialleben zu, weil der Radius der Ziele begrenzt war, die mit Kutsche
oder Pferd in überschaubarer Entfernung lagen.
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Aufgaben
der Gaststätten
Unter den vielen
Aufgaben, die die Stätten der kommerziellen Gastlichkeit zu erfüllen
hatten, seien zum Abschluß noch einige banale genannt. Bis zur
Elektrifizierung prägte frühe und nachhaltige Dunkelheit die
Atmosphäre sowohl auf dem Land als auch in den Städten. Licht
war teuer, und die Beleuchtung stellte einen ernstzunehmenden Grund
dar, eine Schenke zu besuchen.
Noch wichtiger waren Kamin und Heizung. So teilte der Bürgermeister
von Forst dem Aachener Landrat 1842 mit, vor einigen Jahren habe er
sich einmal ausdrücklich für die Erteilung einer Schankkonzession
ausgesprochen, weil es vielen "bei Winters Zeit ein Bedürfnis"
sei, "sich etwas zu erwärmen" - und das war eben nur
in einer Kneipe möglich.
Schließlich:
Die hohe Mobilität machte ein dichtes Netz von Beherbergungs- und
Beköstigungsbetrieben sowohl im städtischen als auch im ländlichen
Raum notwendig. Wer zu Fuß, mit Pferd und Esel oder per Kutsche
reiste, mußte oft pausieren, sich stärken und gegebenenfalls
die Tiere versorgen. Daher gab es ein ungleich dichteres Netz von Gastwirtschaften
als heute, und auch reine Schankbetriebe stellten meist Mahlzeiten bereit.
Auch im Industriezeitalter blieb die Kneipe ein Faktor von überragender
gesellschaftlicher Bedeutung, und Bier blieb das beliebteste Getränk.
Nach dem Tag in der Fabrik, unter Tage, auf dem Feld oder in der Schreibstube
ließ es die Sorgen der Arbeit vergessen und war integrativer und
auch prägender Bestandteil der Freizeitkultur. Zudem führte
es die Menschen zusammen: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkannte der
Kultursoziologe Georg Simmel die "ungeheure sozialisierende Kraft
gemeinsamen Essens und Trinkens". Die gegenwärtige Situation
der europäischen Gastronomie zeigt, daß die Menschen diese
Kraft auch am Übergang vom Industrie- zum Informationszeitalters
noch suchen und brauchen.
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Der Artikel ist
in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 15/2
2000, Seite 2-16, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.