Ausgabe 15/2 2000
Sandra Martina Schwab
Nationalsozialistische Propaganda in der Werkszeitung
des Höchster Werkes der I.G. Farben
Seit ihrer Gründung
im Jahre 1863 haben die Farbwerke Meister Lucius & Brüning
das Leben der Menschen in den westlichen Vororten Frankfurts und Umgebung
geprägt. Dies geschah nicht nur, weil die Fabrik einer der größten
Arbeitgeber der Umgebung war und in Orten wie Sindlingen ein hoher Anteil
der Bevölkerung dort beschäftigt war, sondern vor allem auch
durch das soziale Engagement des Chemiekonzerns und durch kulturelle
und gemeinschaftliche Einrichtungen, die von ihm ins Leben gerufen wurden.
Letzteres gilt vor allem für die Zeit nach 1945, als auch Personen,
die nicht im Werk arbeiteten, z.B. vom Bau der Jahrhunderthalle und
des Silobades profitierten.
Doch nicht immer
war die Einflußnahme des Werkes auf das Leben seiner Mitarbeiter
so positiv zu sehen. Mit der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten
und der wichtigen Rolle, die der chemischen Industrie innerhalb des
nationalsozialistischen Staates zugewiesen wurde, veränderte sich
auch das Betriebsklima in der Höchster Fabrik. Die Werkszeitung
Von Werk zu Werk wurde zu einem wichtigen Instrument der Verbreitung
nationalsozialistischer Propaganda, wie die folgenden Untersuchungen
zeigen werden. Inwieweit diese Propaganda die Belegschaft tatsächlich
beeinflußte und inwieweit die Arbeiter und Angestellten sich die
verbreiteten Meinungen zu eigen machten, kann mit dieser Untersuchung
allerdings nicht festgestellt werden. Es gilt vielmehr aufzuzeigen,
an welchen Punkten die Werkszeitung an die nationalsozialistische Ideologie
anknüpft und wie die Geschichte des Höchster Konzerns in den
20er und 30er Jahren den Weg in den Nationalsozialismus begünstigte.
In modernen Industriegesellschaften
wird die Identiät und damit auch der Alltag des einzelnen entscheidend
durch den Beruf und die Zugehörigkeit zu einem Betrieb geprägt.
Trotzdem ist die volkskundliche Betriebsforschung - besonders in Deutschland
- noch ein recht neues Forschungsfeld. In den USA dagegen wurden seit
Mitte der siebziger Jahre Feldforschungen auf dem Gebiet der industrial
folklore durchgeführt, wobei Arbeitsbräuche, Erzählungen
und Rituale untersucht wurden. Dies gab Aufschluß über berufsspezifische
Wertesysteme, über Erfahrungswissen über Arbeitstechniken
und über Gefühle des Arbeitsalltags wie Angst, Aggression
oder Überlegenheit. Allerdings wurde bei diesen Untersuchungen
bemängelt, daß sie allein die in der betrieblichen Organisation
unten stehenden Berufsgruppen betrachten und somit kein umfassendes
Bild des Unternehmens liefern.
Um zu einer verbesserten
Erschließung der kulturellen Dimensionen von Industriebetrieben
beizutragen, haben Irene Götz und Alois Moosmüller daher eine
Liste von Forschungsschritten aufgestellt, die zwar keinen Leitfaden
darstellen sollen, aber bei der Untersuchung von Unternehmenskulturen
als Anregung dienen können, und zwar besonders bei Feldforschungen.
Da es sich bei der vorliegenden Arbeit um die Untersuchung eines Betriebes
aus historischer Sicht handelt, ist Götz' und Moosmüllers
Katalog hier nur bedingt anwendbar. Wie von beiden gefordert, wird aber
auch hier die Detailbeschreibung mit der Untersuchung des gesellschaftlichen
und kulturellen Kontextes verbunden.
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Die
Geschichte des Höchster Werkes bis zur Neugründung 1951 -
Das 19. Jahrhundert: Vom Farbstoffunternehmen zum Chemiekonzern
1863 gründeten
Eugen Lucius und Carl Friedrich Wilhelm Meister zusammen mit Ludwig
August Müller in der nassauischen Stadt Höchst eine neue Anilinfarbenfabrik:
"Meister, Lucius & Co". Außer dem Chemiker Lucius
und den beiden Kaufleuten Meister und Müller bestand die Belegschaft
aus Adolf Brüning, Chemiker und technischer Direktor, fünf
Arbeitern und einem Kontoristen. Das erste Produkt, das hergestellt
wurde, war Fuchsin, ein rotvioletter Farbstoff, der dem Unternehmen
bei den Nachbarn die Namen "Rotfabrik" eintrug. Denn die Farbe
färbte nicht nur die Kessel ein, sondern auch die Arbeiter, und
daran hatte sich bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts nichts geändert
- bis auf die Tatsache, daß bis dahin die Farbpalette erweitert
worden war: Selbst nach einigen Tagen Urlaub färbten die Männer
immer noch auf ihre Bettwäsche ab, und im Schnee konnte man an
der Farbe der Fußstapfen erkennen, in welchem Betrieb der dort
Gegangene arbeitete.
Das neue Unternehmen
florierte, die Fabrikations- und Verwaltungsbauten mußten ständig
erweitert werden, neue Produkte kamen hinzu, und die Zahl der Arbeiter
vergrößerte sich. Als Müller aus dem Betrieb ausschied
und durch Brüning ersetzt wurde, änderte sich 1867 der Name
der Fabrik: Sie hieß nun "Meister Lucius & Brüning".
Ende der 1860er
Jahre begann man mit dem Aufbau eines neuen Standortes, nun auch erstmals
mit Badehaus, damit die Arbeiter nicht mehr eingefärbt nach Hause
gehen mußten. Die Badezeit wurde dabei als Teil der Arbeitszeit
gerechnet. Bis zum Jahr 1874 hatten sich die Farbwerke auf dem neuen
Fabrikgelände etabliert und die alte Fabrik wurde abgerissen. Die
Belegschaft war mittlerweile auf 370 Arbeiter, 12 Chemiker und 12 Kaufleute
angewachsen.
Inzwischen hatte
sich das Höchster Werk eine Spitzenstellung innerhalb der deutschen
Farbstoffindustrie erarbeitet. Veranlaßt durch die wachsende Ausdehnung,
wurde die Offene Handelsgesellschaft 1880 in eine Aktiengesellschaft
mit dem Namen "Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning"
umgewandelt, und acht Jahre später folgte dann der Gang an die
Börse. Noch im Gründungsjahr begann der Aufbau neuer Arbeitsfelder,
so daß sich damit das reine Farbstoffunternehmen zum Chemiekonzern
entwickelte.
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Sozialpolitik
im Unternehmen
Die Fluktuationsrate
bei der Belegschaft war in den Anfängen der chemischen Industrie
überall sehr hoch. Im Interesse eines reibungslosen Produktionsablaufes
war es jedoch notwendig, eine erfahrene Stammarbeiterschaft zu halten.
Diese wirtschaftliche Notwendigkeit und die humanitäre Überzeugung
der Firmengründer führten zur Entfaltung einer intensiven
betrieblichen Sozialpolitik in den Höchster Werken - schon vor
Einführung der gesetzlichen Regelungen. So wurde 1867 die erste
"Menage", die Werksküche, eröffnet. Arbeiter zahlten
dort für ihr Mittagessen 20 Pf, das Werk gab 10 Pf dazu. Dafür
gab es täglich ein warmes Mittagessen und zweimal täglich
einen halben Liter Kaffee.
Betreut durch den
Kreiswundarzt Dr. Wilhelm Grandhomme wurde 1873 die erste Krankenstation
eingerichtet. Neben der ärztlichen Versorgung der Arbeiterschaft
sollte der Fabrikarzt den Einfluß der verschiedenen Chemikalien
auf den Organismus untersuchen und entsprechende Vorschläge für
die Prophylaxe machen, was damals eine Pionierleistung auf dem Gebiet
der Gewerbehygiene darstellte.
Aber auch im Wohnungsbau
wurde die Fabrik tätig, denn durch die rasante Entwicklung von
"Meister Lucius & Brüning" und die sich daraus ergebende
Vergrößerung der Belegschaft wurde der Wohnraum in der Stadt
Höchst schon bald knapp. Um der Wohnungsnot abzuhelfen, ließ
die Firma ab 1875 ihre erste Arbeitersiedlung bauen: den "Seeacker".
Anfänglich betrug die Wochenmiete für die Arbeiter zwischen
drei und vier Mark, was etwa einem Fünftel ihres Lohnes entsprach.
Im Laufe der nächsten Jahre entstanden weitere Siedlungen: die
"Schloßfreiheit" (1890), das "Mainfeld" (1898),
der "Zeilsheimer Weg" (1893) - auch "Froschhausen"
genannt -, die "Colonie" in Zeilsheim und das "Heimchen"
in Unterliederbach (1891-1914), dessen idealtypisches Siedlungshaus
im Jahre 1900 auf der Pariser Weltausstellung mit einem Grand Prix ausgezeichnet
wurde - für vorbildlichen Werkswohnungsbau, wie man ihn etwa in
den Arbeitervierteln von Manchester oder Edinburgh, wo die Menschen
dicht an dicht in Elendsvierteln lebten, nicht kannte. Obwohl die Bewohner
der Siedlungshäuser in der Fabrik arbeiteten, hielten sie sich
zu ihrer Selbstversorgung Hühner, Hasen oder Ziegen und bauten
in ihrem Garten Obst und Gemüse an.
Karl Heinbuch, geboren
1919, der in den 1920er und 30er Jahren in der Zeilsheimer Colonie aufwuchs
und später als Schlosser bei Hoechst arbeitete, berichtet über
die Lebensverhältnisse in der Arbeitersiedlung, daß es damals
noch keinen Strom, keine Kanalisation und kein fließend Wasser
gegeben habe. Statt dessen hätten in jeder Straße zwei Wasserpumpen
gestanden. Die Straßen seien auch noch nicht geteert gewesen,
sondern mit der Schlacke aus den Verbrennungsanlagen der Farbwerke "gepflastert".
Zwischen dieser Schlacke hätten immer noch kleine Koks- und Kohlestückchen
gelegen, die die Kinder schnell aufgelesen hätten, damit sie von
den Familien für den Eigenverbrauch hätten benutzt werden
können.
Im Garten habe Karl
Heinbuchs Familie einen Birnbaum und zwei Pflaumenbäume gehabt
und ein paar Kräuter angepflanzt. Das meiste Gemüse, vor allem
die Kartoffeln, aber hätten sie auf dem Acker gezogen, den sie
von der Firma gepachtet hätten. Als die Kinder, drei Jungen und
vier Mädchen, noch klein gewesen seien, habe die Familie eine Ziege
besessen, damit die Kinder Milch zu trinken hatten, später sei
die Ziege dann durch zwei Schweine ersetzt worden. Außerdem hätten
sie auch noch Hasen, Tauben, Hühner und Gänse gehabt.
Neben den Wohnsiedlungen
gab es auch eigene Kaufhäuser für die Fabrikangestellten,
die neben Kolonialwaren und Nahrungsmitteln auch Kleider, Wäsche,
Stoffe, Bettzeug und Schuhe führten. Der durch den Firmengroßeinkauf
erwirtschaftete Gewinn floß den Käufern am Ende eines Jahres
in Form einer Dividende wieder zu. Die Hauptstelle in Höchst wurde
1884 eröffnet, doch daneben gab es andere Filialen in Sindlingen
und Zeilsheim. Zudem bestand die Möglichkeit, die Ware freitags
zu den Kunden ausfahren zu lassen.
Neben allen diesen
Einrichtungen gab es noch weitere, wie die Altersversorgung durch die
"Kaiser-Wilhelm-und-Augusta-Stiftung" (ab 1879), das Wöchnerinnen-Asyl
"Storchennest" (1900-1962) oder die eigene Werksbibliothek,
auf die hier jedoch nicht weiter eingegangen werden soll.
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Vom
Ersten Weltkrieg bis ins "Dritte Reich"
Der Erste Weltkrieg
brachte für die gesamte deutsche chemische Industrie große
Probleme mit sich: So ging zum einen ein großer Teil der Belegschaft
zur Armee, zum anderen brach der exportierende Farbstoffmarkt durch
die Seeblockade völlig zusammen und nur wenige Spezialprodukte
gelangten auf teilweise abenteuerlichen Wegen, z.B. durch Handels-U-Boote,
nach Übersee. Außerdem waren schon bald nach Beginn des Krieges
die deutschen Patente, Warenzeichen und Fabriken in den Staaten, die
mit dem Deutschen Reich im Krieg standen, enteignet worden. Da in diesen
Staaten zusätzlich eigene Farbstoff- und Arzneimittelindustrien
entstanden, war ein harter Verdrängungswettbewerb nach Ende des
Krieges abzusehen. Deshalb schlossen sich schon 1916 die beiden bestehenden
Interessengemeinschaften Hoechst-Cassella-Kalle und BASF-Bayer-AGFA
mit Griesheim-Elektron und Weiler-ter-Meer zur "Interessengemeinschaft
der deutschen Teerfabriken" zusammen ("Kleine IG"). Dabei
blieben die einzelnen Firmen jedoch rechtlich selbständig, fällten
aber wichtige Entscheidungen gemeinsam.
Dies änderte
sich allerdings 1925 mit der Gründung der I.G. Farbenindustrie
AG, denn diesmal blieben die Unternehmen nicht mehr selbständig.
Die Durchführung des Zusammenschlusses vollzog sich in der Weise,
daß die BASF ihr Stammkapital auf 641,6 Mio RM erhöhte unter
Übernahme des Kapitals der übrigen fünf Firmen. Sie änderte
dann ihren Namen in "IG Farbenindustrie AG" und verlegte ihren
Sitz nach Frankfurt am Main. Veranlaßt durch die in allen Gründungsunternehmen
spürbaren Umsatzrückgänge und unter dem Druck der Weltwirtschaftskrise
kam es in den folgenden Jahren zu Produktionszusammenlegungen und harten
Rationalisierungen, was sich auf die Beschäftigten besonders hart
auswirkte: 1932 erreichte der durch Arbeitsmangel und Weltwirtschaftskrise
bedingte Personalabbau seinen Höhepunkt. Am 1. September waren
nur noch 6716 Beschäftigte (Arbeiter und Angestellte) im Werk tätig.
Im Jahre 1910 dagegen hatte die Beschäftigungszahl 7274 betragen,
im Jahre 1922 14605. Das Höchster Werk verlor außerdem große
Teile seines Farbstoffsortiments, konnte aber im Gegenzug die Bereiche
Pharma, Pflanzenschutzmittel, Lösungsmittel und Kunstharze weiter
ausbauen.
Bis Ende 1932 war
die I.G. Farben wegen ihrer hohen jüdischen Beteiligung - so waren
allein sechs Direktoren Deutsche jüdischen Glaubens - heftigen
Angriffen von seiten der NSDAP ausgesetzt. Andererseits mußten
gerade die neuen Entwicklungen der I.G. wie Buna und das synthetische
Benzin verlockend für ein Regime sein, das einen Krieg vorzubereiten
gedachte. Und so entwickelte sich die I.G. vom Vorkämpfer des freien
Welthandels zum Verfechter der deutschen Autarkie. Bei der industriellen
Kriegsvorbereitung des Vierjahresplanes kam ihr eine bedeutende Rolle
zu: Vom Staat finanziell unterstützt, wurden großtechnische
Verfahren zur Verflüssigung von Kohle und der Kautschukherstellung
entwickelt. Außerdem plünderte die I.G. in den Kriegsjahren
mit Hilfe der Wehrmacht und der nationalsozialistischen Bürokratie
die Chemiekonzerne in den besetzten Ländern. Den Höhepunkt
erreichte diese Zusammenarbeit mit der Herstellung und Lieferung des
Giftgases Zyklon B durch die Tochterfirma der I.G., DEGESCH, und mit
dem Bau einer riesigen Anlage zur Produktion von synthetischem Gummi
und Öl in Auschwitz, bei dem 25 000 Zwangsarbeiter ums Leben kamen.
Auch der Betriebsalltag
in den Werken änderte sich nach 1933. Zum einen wurden die Beschäftigten
einer massiven Propaganda ausgesetzt, und um eine Lehrstelle zu bekommen,
mußte man in der HJ sein, zum anderen kam es zum Einsatz von Kriegsgefangenen
und Fremdarbeitern in allen Werken. Dazu schreibt Metternich:
"Im Werk
Hoechst war außer dem Einsatz von Fremdarbeitern weniger vom
Verlauf des Krieges zu spüren als an anderen Orten. Es gab kaum
kriegswichtige Produktionen, weshalb Werk und Stadt auch nicht, von
wenigen Einzelangriffen abgesehen, bombardiert wurde."
Gerade in bezug
auf den letzten Punkt, die kriegswichtigen Produktionen, ist diese Aussage
sehr kritisch zu bewerten. Denn während des Krieges wurden viele
Mädchen und Frauen der Umgebung in den Farbwerken dienstverpflichtet
und mußten unter strengster Geheimhaltung eben an kriegswichtigen
Produktionen mitarbeiten, wobei jedoch niemand genau wußte, was
dort hergestellt wurde. Man kann also annehmen, daß weit mehr
für den Krieg produziert wurde, als heute öffentlich zugegeben
wird.
Nach 1945 wurden
im Nürnberger I.G.-Farben-Prozeß vor dem Militärgericht
der USA der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Carl Krauch, 22 Vorstandsmitglieder,
Direktoren und leitende Angestellte der I.G. der Verbrechen gegen den
Frieden, gegen die Menschlichkeit und der Mitgliedschaft in einer verbrecherischen
Organisation angeklagt. Dreizehn von ihnen wurden wegen Versklavung
und Tötung der Zivilbevölkerung, Kriegsgefangenen und KZ-Insassen
zu Freiheitsstrafen zwischen achtzehn Monaten und zwei Jahren verurteilt.
Zudem verfügte die Alliierte Hohe Kommission 1950 die Entflechtung
des I.G.-Vermögens in der Bundesrepublik.
In Höchst fanden
die amerikanischen Truppen bei ihrem Einmarsch Ende März 1945 fast
unzerstörte Produktionsanlagen vor. Nach Zerschlagung des I.G.-Konzerns
sollten auch die Farbwerke in mehrere kleine Betriebe aufgeteilt werden,
was jedoch nie verwirklicht wurde. 1947 erhielt das Werk den Namen "Farbwerke
Hoechst US Administration", und am 7. Dezember 1951 kam es schließlich
zur Neugründung der "Farbwerke Hoechst AG vormals Meister
Lucius & Brüning".
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Die
Werkszeitung "Von Werk zu Werk. Monatsschrift der I.G. Farbenindustrie
Aktiengesellschaft. Der Maingau"
Seit Januar 1932
wurde die monatlich erscheinende, kostenlose I.G.-Werkszeitung auch
in Höchst herausgegeben, und zwar unter dem Titel Der Maingau,
der für die gesamte "Betriebsgemeinschaft Mittelrhein"
galt. Somit gab es sieben verschiedene Ausgaben - Wolfen-Bitterfeld,
Berlin, Bobingen-Premnitz-Rottweil, Maingau, Leverkusen, Leuna und Ludwigshafen
-, wobei der allgemeine Teil der Zeitung unverändert blieb. Es
gab jedoch für jede größere "Betriebsgemeinschaft"
einen eigenen lokalen Teil. Laut eigenen Angaben - die allerdings kritisch
betrachtet werden müssen - hatte die Zeitung 1937 135000 Bezieher
und fast eine halbe Million Leser bei insgesamt 124199 Beschäftigten
bei der I.G. Farben. Diese Differenz läßt sich damit erklären,
daß die Zeitung wahrscheinlich auch an pensionierte Arbeiter verteilt
wurde, wie es auch heute noch der Fall ist mit der Werkszeitung von
Aventis.
Die Ziele der Zeitung
wurden im Januar 1935 von Professor Selck folgendermaßen formuliert:
"Sie soll
ein fruchtbares und erfolgreiches Werkzeug beim Bau einer echten und
wahr empfundenen Werksgemeinschaft sein. Sie soll dabei mithelfen,
Führung und Gefolgschaft vertrauensvoll zueinander zu führen,
die innere Verbundenheit jedes Werksangehörigen mit der Arbeit
der Gesamtfirma herzustellen und auch nach außen hin die Arbeit
an diesem Werk zum Besten der Volksgemeinschaft sichtbar zu machen."
Bereits hier wird
deutlich, daß die Zeitung im Dienste der nationalsozialistischen
Propaganda stand: "Gemeinschaft" war ein zentraler Begriff
der nationalsozialistischen Weltanschauung, laut Ideologie "ursprünglicher
Lebenszusammenhang", der im Blut wurzle und die "verpflichtende
Gegenseitigkeit" des menschlichen Handelns betone. Die Individualrechte
hatten dabei hinter den Interessen der Gemeinschaft, die nach dem Führerprinzip
"von oben" festgelegt wurden, zurückzutreten. Die "Werksgemeinschaft"
stellte eine der kleineren Einheiten dar, die dann alle in der "Volksgemeinschaft"
aufgehen sollten, welche als soziale Einheit über allen Klassen,
Berufen und Konfessionen angesehen wurde. Dementsprechend sollte laut
Selck die Werkszeitung zunächst bei der Entstehung einer "Werksgemeinschaft"
behilflich sein, aber eben auch bei der Entstehung der "Volksgemeinschaft".
Noch deutlicher
äußert sich "Arbeitskamerad Röhrdanz, der Sprecher
der Gefolgschaftsmitglieder im Unternehmensbeirat": Seiner Meinung
nach hatte die Zeitung die Aufgabe,
"nationalsozialistischer Forderung entsprechend mitzuwirken, die
Menschen auch in unserer I.G., die doch letzten Endes alle zusammengehören,
einander näher zu bringen, sie über die Arbeiten und das Leben
auch in anderen Werken zu unterrichten, daß sie einen Überblick
über das große Ganze bekommen und das stolze Bewußtsein,
Glied einer großen Arbeitsgemeinschaft zu sein, in ihnen geweckt
wird. Sie soll ferner dahin wirken, daß der Begriff der Arbeitsgemeinschaft
- auch "Von Werk zu Werk" - zur Tatsache wird, und darüber
hinaus soll sie das Ihrige dazu beitragen, die Erkenntnis der unlösbaren
Verbundenheit jedes einzelnen von uns mit dem ganzen deutschen Volk
immer mehr zu vertiefen."
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Inhaltlicher
Aufbau der Zeitung
Die Zeitung besteht
aus einem allgemeinen Teil mit der Beilage "Die Familie in der
Werksgemeinschaft", die für Frauen und Kinder gedacht war,
und einem lokalen Teil "Aus unserer Betriebsgemeinschaft".
Die beiden Teile sind unabhängig voneinander paginiert, und zwar
durchgehend für den ganzen Jahrgang. Allein die Familienbeilage
ist nicht mit Seitenzahlen versehen.
Der allgemeine Teil
läßt keine feste Ordnung erkennen; der größte
Teil der Zeitung besteht aus Berichten über die chemische Industrie,
große Chemiker, Reiseberichte, Kurzgeschichten und ähnliches.
Regelmäßig kommen Ratschläge zur Bebauung des Siedlergartens
vor und verschiedene andere Kolumnen wie "Im Spiegel der Presse",
"Frage und Antwort" oder "Döskopps Unfallabenteuer".
Im Gegensatz zum
allgemeinen Teil enthält der Lokalteil sehr viel mehr Bildmaterial.
Er besteht aus Berichten über lokale Ereignisse, z.B. zur Fastnacht,
oder über Werksausflüge. Außerdem gibt es auffällig
viele Fotoserien über so unterschiedliche Themen wie "Theorie
und Praxis in der Lehrwerkstätte Höchst", "Arbeitskameraden
in ihrer Freizeit" oder "Laßt uns die Heimat neu entdecken".
Fester Bestandteil sind unter dem Titel "Deutsche Arbeitsfront"
die Dienstpläne der DAF-"Walter", des Streich- und Blasorchesters,
des Werkschores, der Wanderwarte und der Werkschaft und unter dem Titel
"NSG. Kraft durch Freude" die Termine für die Urlaubsfahrten,
Abteilungsausflüge und Wanderungen. Der Lokalteil schließt
mit den Abschnitten "Unsere Jubilare", "Ruhestand"
und "Unsere Toten".
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Beispiele
für nationalsozialistische Propaganda: Die Verherrlichung Hitlers
und des "Dritten Reiches"
Bereits die Einleitung
des Jahrganges 1937 stimmt ein Loblied auf das deutsche Volk und seinen
Führer an:
"Gewaltig
sind die Aufgaben, die der Führer für die nächsten
Jahre gestellt hat, undurchführbar mögen sie manchem im
Ausland erscheinen. Das deutsche Volk aber hat das Wort unmöglich'
aus seinem Sprachschatz gestrichen."
Die Deutschen erscheinen
somit allen anderen Nationen überlegen, stolz werden die Errungenschaften
der letzten Jahre aufgezählt, besonders die Besetzung der ehemals
entmilitarisierten Zone und die Umsetzung des Vierjahresplanes. Gleichzeitig
wird aber auch deutlich gemacht, daß diese Dinge nur unter der
Führung Hitlers geschehen konnten und daß auch die neuen
Ziele nur unter seiner Führung erreicht werden können, und
so endet die Einleitung: "Unsere Losung für das kommende Jahr
und zukünftige Zeiten soll jener Befehl unserer Kriegsmarine sein:
"Dem Führer folgen!"
Einen ähnlichen
Tenor hat das Gedicht "Hinauf" von Max Reuschle, das zum 20.
April, dem Geburtstag Hitlers, geschrieben wurde: Das deutsche Volk
erwacht aus "Bann und Starre" (der Weimarer Republik) und
wird von "führerstarker Hand" hinaufgedrängt , d.h.
wiederum neuen Zielen entgegen, die hier aber nicht näher ausgeführt
werden. Die Errungenschaften der letzten Jahre, die neue Volksgemeinschaft
und die "Erhebung" über andere Nationen sollen Stolz
hervorrufen, was in dem Gedicht von Rudolf Kuckert thematisiert wird:
"Sei stolz,
daß du ein Deutscher bist
Und daß dein Schaffen Früchte trägt,
Wo Klassenhaß rings in der Welt
Das Glück der Menschen jäh zerschlägt."
Dieser ganze Stolz bündelt sich in der Figur Hitlers, dem Steuermann,
der das Schiff des Staates sicher lenkt:
"Und über dir, bei Tag und Nacht,
Steht einer, der nicht müde wird:
Der Führer, der im Sturm der Zeit
Das Steuer meistert unbeirrt."
Um das neue Deutschland
aus einem quasi "distanzierten" Blickwinkel zu schildern,
enthält die Aprilausgabe der Werkszeitung einen Bericht einer Deutschen,
"die nach fünfzehnjährigem Aufenthalt in Mexiko im vergangenen
Jahre erstmalig wieder nach Deutschland gekommen ist" und "ihre
Eindrücke während ihres Aufenthalts" zur Verfügung
stellt. Da diese Frau aber eine Deutsche ist, kann gleichzeitig auch
die innige Verbundenheit des deutschen Volkes mit seiner Heimat illustriert
werden:
"Oh Heimat!
Du liebes, liebes Deutschland, wie vertraut ist mir alles, gerade
als sei ich gestern hier gewesen, nicht als seien fünfzehn lange
Jahre der Heimatsehnsucht darüber hingegangen. Ja, ich war wieder
zu Hause. Da, wo meine Seele immer geblieben war. [...] Und dann kam
das Straßenbild, so verschieden von dem vor fünfzehn Jahren.
Gutgekleidete Frauen und Männer, dazwischen unsere Jugend, die
ein so ganz anderes Gesicht bekommen hat wie einst, bewußter,
frischer, fertiger. [...] Und allen mußte ich immer und immer
wieder sagen: Ihr wißt ja garnicht, wie glücklich
Ihr sein müßt, daß Ihr hier, gerade hier in dieser
Schönheit und Ordnung leben dürft .'[...] Wenn Sie erst
einmal einige Jahre im fremden Lande gelebt hätten, würden
Sie wissen, was Heimat ist, was unser Deutschland ist, würden
sie unendlich dankbar sein für alles, was Sie haben."
Somit betont auch
dieser Text das "Hinaufdrängen" des Deutschen Reiches
im Vergleich zur Vergangenheit und im Vergleich mit anderen Ländern.
Neben dem "Heimatgefühl" soll wiederum der Stolz der
Leser auf ihr Deutschland geweckt werden.
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Das
"Bauerntum" als staatstragender Stand
Im Rahmen der deutschen
Autarkiebemühungen, d.h. dem Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit,
entstand das Ideal von den "freien Bauern auf eigener Scholle".
Von der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie wurden sie
als "Blutquell" und "wichtigstes Grundelement" von
Rasse und Nation bezeichnet. Neben dem "Arbeiter- und Soldatentum"
galten sie als staatstragende Schicht und wurden besonders gefördert.
Die Bedeutung der Bauern innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie
kommt bei Karl Josef Keller in seinem Gedicht "Eiserne Landschaft"
zum Ausdruck, in dem die Arbeiter in den Fabriken mit den Bauern verglichen
werden. Gleichzeitig ist das Gedicht aber auch Ausdruck des Selbstbewußtseins
des Fabrikarbeiters, dessen Arbeit härter zu sein scheint als die
der Bauern ("ihr Acker braucht mehr, braucht Blut und Schweiß")
und außerdem einen religiösen Anstrich bekommt: "[...]
und halten als Priester beim ewigen Feuer die Wacht." Erneut soll
der Stolz des Lesers geweckt werden, diesmal allerdings nicht auf sein
Land, sondern auf seine Berufsgruppe: "Stolz wehen die rußigen
Fahnen ins Land."
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Die
nationalsozialistischen Feiertage
Auch die von den
Nationalsozialisten umgedeuteten oder neuerfundenen Feiertage werden
in der Werkszeitung berücksichtigt. Besondere Bedeutung kommt hierbei
dem 1. Mai zu, dem Tag der Arbeit, der zum Nationalfeiertag aufgestiegen
war. Ihm sind fünf Artikel oder Fotoserien im allgemeinen und lokalen
Teil im Mai und Juni gewidmet, beginnend mit der Einleitung der Mai-Ausgabe:
"Der Leiter der Reichsbetriebsgemeinschaft Chemie Pg Carius zum
1. Mai: Tag der Arbeit!". Wiederum werden die Unterschiede zwischen
dem "Dritten Reich" und der Zeit davor betont, und, ähnlich
wie bei Kellers Gedicht "Eiserne Landschaft", wird die Arbeit
in den Bereich des Religiösen erhoben zusammen mit Hitler, der
als eine Art Gottesersatz dargestellt wird:
"Der deutsche
Arbeiter glaubt an Adolf Hitler, er hat sich diesem Manne verschworen
und er arbeitet an dem Werk dieses Mannes, das Deutschland heißt.
[...] An Stelle von Anschauungen und Meinungen steht ein Glaube, -
der Glaube an den Führer."
Noch deutlicher
als Carius' Text stellt Carl Seitz' Artikel in der Lokalausgabe vom
Mai die Unterschiede zwischen "heute" und "früher"
dar, indem er seinen kurzen Text mit Bildern versieht: Arbeitslosen,
die Zigarettenbildchen tauschen, wird ein geordneter Aufmarsch der Arbeiter
unter der Hakenkreuzfahne gegenübergestellt.
Im Juni folgen dann
Berichte über die Feier des 1. Mais in den Werken der I.G. und
speziell im Höchster Werk. Auffällig sind hier die vielen
beigefügten Fotos - im allgemeinen Teil ist sogar eine Doppelseite
den Bildern vom 1. Mai gewidmet -, die immer wieder große Menschenmengen
oder ordentlich marschierende Leute in Uniform unter der allgegenwärtigen
Hakenkreuzfahne zeigen. Damit soll zum einen ein Zugehörigkeitsgefühl
vermittelt werden - "wir sind Teil des großen Ganzen"
-, zum anderen wird so wiederum verdeutlicht, daß die Deutschen
die neue Ordnung allein Adolf Hitler zu verdanken haben, unter dessen
Fahnen der Tag ja gefeiert wird.
Auch dem Muttertag
(zweiter Sonntag im Mai) widmet sich ein Artikel, und zwar in der Familienbeilage
vom Mai 1937. Hier wird die Gelegenheit genutzt, das nationalsozialistische
Bild der Frau als Mutter zu vermitteln und zu stärken, indem erneut
eine Erhöhung ins Religiöse vorgenommen wird:
"Kindesliebe
und Ehrfurcht vor dem heiligen Geheimnis der Mutterschaft haben einen
Tag aus den vielen des Jahres als Ehrentag für die Mutter bestimmt."
Auch hier wird nicht
versäumt, die Gegensätze zur Weimarer Republik hervorzuheben,
deren Gegebenheiten sogar dem "gesunden Volksempfinden" widersprochen
hätten: "Die antifamiliären Bestrebungen verschiedener
Parteien setzten ebenso wie die damalige Regierung [d.h. in den 20er
Jahren, Anm. d. Verf.] und nicht zuletzt die Frauenrechtlerinnen dem
Muttertag als einer bürgerlichen Sitte' ernsten Widerstand
entgegen." Doch der Hitlerstaat schuf auch hier "Ordnung",
nicht nur zum Wohle der einzelnen Mutter, sondern vor allem zum Wohle
der gesamten Nation:
"Wenn am
Muttertag das deutsche Volk einen Ehrentag für die Mutter begeht,
kann der Sinn dieses Tages für uns Nationalsozialisten nur der
sein, daß die Ehrung jeder einzelnen Mutter ein ganzes Volk
zurückführt auf seine ureigenen Lebenskräfte, denn
unser aller Mutter ist Deutschland."
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Deutsche
Geschichte
Ähnlich wie
in verschiedenen Balladenanthologien des 19. Jahrhunderts wird bei einem
nationalsozialistischen Blick in die Geschichte der Bogen gespannt von
den Germanen bis in die Gegenwart, was zur Feier der "deutschen
Helden" dient. Daß für die Nationalsozialisten dabei
auch die Rassenideologie eine Rolle spielte, macht ein Bericht über
eine Ausstellung in Frankfurt / Main unter Mitarbeit des Rassenpolitischen
Amtes der NSDAP deutlich:
"Die Ausstellung
geht aus von der Zeit Hermanns des Cheruskers, der als erster die
rassische Zusammengehörigkeit der Germanenstämme als Grundlage
ihres volklichen Seins empfand, und schließt mit dem Bilde Adolf
Hitlers, der nach zwei Jahrtausenden auf Grund der rassischen Erkenntnisse
des Nationalsozialismus die deutsche Volkwerdung vollendete."
Ein anderes Bild
zeigt den Bamberger Reiter:
"Unter diesem
Namen ist das im Dom zu Bamberg stehende lebensgroße Bildwerk
eines germanischen, uns namentlich unbekannten Fürsten, geschaffen
im 13. Jahrhundert, in allen deutschen Gauen bekannt: Sinnbild uneres
völkischen Blutadels."
Neben Erfindern
wie Werner von Siemens oder Carl Duisberg werden Männer wie Friedrich
der Große vorgeführt, "der mit zahlenmäßig
fast immer unterlegenen Armeen dem Ansturm aller europäischen Nachbarn
selbst im siebenjährigen Kriege trotzte", oder Günther
Groenhoff, "abgestürzt im Segeflugzeug über der Wasserkuppe
Rhön 1932. Groenhoff hat zum ersten Mal bewiesen, welche segelfliegerischen
Leistungen im Thermikflug, besonders bei Gewitter und Wolkenflügen
möglich sind."
Auch das vierbändige Werk "Die großen Deutschen",
das im lokalen Teil vom Juli 1937 besprochen wird, reicht von dem Germanen
bis in die Gegenwart:
"Und wer
dann diese stattliche Schar von Staatsmännern, Feldherren, Künstlern
und Wissenschaftlern an sich vorüberziehen läßt, den
wird der Gedanke, dem Volke anzugehören, das solche Männer
hervorbrachte, mit berechtigtem Stolz erfüllen."
Doch soll nicht
nur Stolz erzeugt werden, vielmehr sollen die in dem Buch Vorgeführten
auch eine Vorbildfunktion einnehmen:
"Am Anfang
unseres Werkes steht ein weithin sichtbares Opfer, und ein ebensolches
Opfer steht am Ende der Reihe: Armin und Horst Wessel: Beide opferten
alles, was sonst Menschenglück ausmacht, zuletzt sich selbst,
ihrem Volke."
Deutlich treten
hier die kriegsvorbereitenden Maßnahmen der Nationalsozialisten
zu Tage: Fähigkeiten, die im Kriege von Nutzen sind, und Opferbereitschaft
werden hochgeschätzt und als erstrebenswert geschildert. In diese
Kerbe schlägt auch der Sinnspruch, der dem Lokalteil im August
vorangestellt ist: "In der Hingabe des eigenen Lebens für
die Existenz der Gemeinschaft liegt die Krönung allen Opfersinnens."
Diese moralischen Vorbereitungen des Krieges wurden durch wirschaftspolitische
ergänzt: Das Ziel der Kriegsfähigkeit verlangte die Unabhängigkeit
der deutschen Wirtschaft in der Nahrungsmittel- und Rohstoffversorgung
vom in Zukunft vielleicht feindlichen Ausland, was durch Leistungssteigerungen
bei gleichzeitigen Einsparungen und "Kampf dem Verderb" erreicht
werden sollte.
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Leistungssteigerung
und Einsparungen im Betrieb
Ausgelöst wohl
durch die Versorgungsengpässe bei Roh- und Treibstoffen im Jahr
1936, schrieb die chemische Industrie vom 1. Dezember 1936 bis zum 1.
März 1937 einen "100-Tage-Kampf für Sparsamkeit und gegen
Vergeudung im Betrieb" aus , denn "[a]uch die scheinbar geringfügige
Vergeudung summiert sich zu Riesenwerten, die unserer Volksgemeinschaft
nicht vorenthalten werden dürfen" . Um dieser Forderung mehr
Gewicht bei den Arbeitern zu verleihen, entkräftet in der Kurzgeschichte
"Der Grobschmied macht Betriebsappell" ein einfacher Arbeiter
- eben der Grobschmied - alle Argumente, die gegen das Sparen im Betrieb
vorgebracht werden könnten. Im Gegenzug erklärt er, warum
die Einsparungen so wichtig seien, und endet: "'Versteht Ihr nun,
was der 100-Tage-Kampf von Euch will? Unsere und damit Deutschlands
Existenz sichern [sic].'"
Der Wunsch nach
Leistungssteigerung drückt sich in mehreren "Leistungsschauen"
und Ausstellungen aus, über die, sofern die I.G. daran teilgenom-men
hat, in der Werkszeitung berichtet wird. Außerdem beteiligte sich
die I.G. an dem "Leistungskampf der deutschen Betriebe", der
seit 1936 jährlich von der DAF veranstaltet wurde, um die Bestgestaltung
von Arbeitsplätzen und Arbeitsbedingungen. Für die Teilnahme
wurde mit folgenden Sätzen geworben: "Wir marschieren mit!
Unser Betrieb steht im Leistungskampf der deutschen Betriebe."
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Leistungssteigerung
und Einsparungen im privaten Haushalt
Die Leistungssteigerung
im privaten Haushalt sah vor allem eine effiziente Bewirtschaftung des
Siedlergartens vor, weshalb im Laufe des Jahres 1937 mehrere große
Artikel zu diesem Thema veröffentlicht wurden . Immer wieder tauchen
auch Tips für Sparmaßnahmen in der Familie auf, teilweise
unter dem Motto "Kampf dem Verderb", der nationalsozialistischen
Parole im Rahmen der Autarkiebemühungen auf dem Ernährungssektor
. In der Werkszeitung beschränkt sich dieser Aufruf allerdings
nicht auf die Ernährung, sondern erstreckt sich z.B. auch auf Textilien
oder Altmetall . Da die Spartips vor allem für die Hausfrauen bestimmt
sind, finden sie sich jeweils in der Beilage "Die Familie in der
Werksgemeinschaft". Ähnlich wie die Notwendigkeit des 100-Tage-Kampfes
in einer Dialogform herausgearbeitet wird, wird auch die Bedeutung von
"Kampf dem Verderb" in einer Alltagsszene verdeutlicht, und
wieder ist es eine der "Betroffenen", die die Vorteile der
Aktion auflistet:
"Da muß
ich mich aber sehr wundern, daß Sie als Hausfrau nicht erfaßt
haben, welch große Aufgabe der Führer mit seiner Aufforderung
'Kampf dem Verderb' uns gestellt hat. All die kleinen Dinge, die für
uns keinen Zweck mehr haben, stellen einen Materialwert dar, der noch
ausgenutzt werden kann und unserem Volk eine Menge Devisen erspart."
Neben dem Aufruf
zum Sammeln von Metall, wie es in Kochs Artikel geschieht, erhält
die Hausfrau an anderer Stelle Anleitungen, wie sie für ihre Kinder
preiswerte Unterwäsche herstellen kann , wie sie die Lebensdauer
von Zahn- und Haarbürsten verlängern kann, wie man Naturschwämme
und Waschlappen richtig pflegt oder wie man alte Rasierklingen noch
weiter verwerten kann . Und immer wieder wird darauf hingewiesen, daß
solche Sparmaßnahmen nicht nur der einzelnen Familie nützlich
seien, sondern auch dem ganzen deutschen Volk, so z.B. wenn Küchenabfälle
für die Schweinezüchter aufgehoben werden sollen:
"Es ist dem
unscheinbaren Häufchen aus Küchenabfällen, das in jedem
Haushalt täglich anfällt, nicht anzusehen, welche Werte
es in sich birgt. Aber wenn wir uns erst angewöhnen im Großen
zu denken, so gewinnen die mißachteten Reste respektable Bedeutung.
Stellen beispielsweise die 17,5 Millionen deutsche Haushaltungen täglich
nur 50 Gramm Küchenabfälle zur Verfügung, so ergibt
das 17500 Zentner Schweinefutter, womit unser Schweinebestand gewaltig
vergrößert werden könnte."
Obwohl solche Artikel
zweifelslos der nationalsozialistischen Propaganda zugeordnet werden
können, muß allerdings auch gesehen werden, daß die
meisten Arbeiter sehr arm waren und auf die Erzeugnisse aus ihrem Garten
und auf Einsparungen im Haushalt angewiesen waren - man erinnere sich
in diesem Zusammenhang an den Bericht von Karl Heinbuch über die
Lebensverhältnisse in den Arbeitersiedlungen.
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Erziehung
von Kindern und Jugendlichen zum Krieg
Eine weitere kriegsvorbereitende
Maßnahme der Nationalsozialisten war es, den Kindern und Jugendlichen
Lust auf den Krieg zu machen. Auch dies spiegelt sich in der Werkszeitung
wider. So träumt in der Kurzgeschichte "Jochem's großes
Ferienerlebnis" ein kleiner Junge davon, eines Tages Flieger zu
werden, wobei die Verbindung vom Fliegen und Wehrmacht deutlich herausgearbeitet
wird: Neben dem Flughafen befindet sich eine neue Fliegerkaserne, und
der Reiz des Fliegens besteht vor allem in den Fähigkeiten, die
ein Pilot auch im Kampfeinsatz benötigen würde:
"Ein Mitschüler
hatte von einem Onkel erzählt, der [...] Wunderdinge erzähle
von Steuerkniffen, vom Peilen, von Blindflug und Gewitterfahrten,
von lauter aufregenden und gefährlichen Dingen."
An anderer Stelle
wird den Jungen eine Anleitung zum Bau eines Moresegerätes gegeben,
und was der Traum eines jeden "richtigen" Jungen sein soll,
macht ein Bild zur Leistungsschau des deutschen Volkes in Berlin klar:
Da bewundert ein Pimpf Bunareifen, während eine Schautafel im Hintergrund
illustriert, wozu dieser Werkstoff dient: "Das Heereswaffenamt
erprobte Autoreifen aus deutschem synthetischen Kautschuk (Buna)".
Somit wird unterschwellig suggeriert, daß sich ein Junge nichts
sehnlicher wünschen könne, als irgendwann einmal Soldat zu
werden.
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Schlußbetrachtung
Die Nationalsozialisten
hatten aufgrund der für die Aufrüstung wichtigen Stoffe, wie
z.B. Buna, ein großes Interesse an der chemischen Industrie, die
mit staatlichen Subventionen für ihre Sache gewonnen werden konnte.
Der Zusammenschluß zur I.G. Farben erleichterte nach 1933 die
Kontrolle der involvierten Betriebe, da sie bereits 1926 ihre Selbständigkeit
verloren hatten. Man kann auch annehmen, daß die enge Anbindung
der Arbeiterschaft an das Höchster Werk, die aus der intensiv betriebenen
Sozialpolitik herrührte, die Verbreitung von nationalsozialistischer
Propaganda begünstigte. Bereits die wenigen hier vorgestellten
Beispiele für Propaganda in der Werkszeitung machen deutlich, in
welch hohem Maße die herrschende Politik das Betriebsklima der
Farbwerke beeinflußte. Alle wichtigen Punkte der nationalsozialistischen
Ideologie wurden in der Zeitung abgedeckt und in anschaulichen Bildern
und Texten den Arbeitern und Angestellten nahegebracht. Zum besseren
Verständnis griff man dabei immer wieder auf eine Übermittlung
in Form von Alltagsgeschichten zurück, in denen die "Betroffenen",
nämlich die Arbeiter, scheinbar selbst zu Wort kommen.
Weiterhin sollte
der Arbeiter lernen, seine individuellen Bedürfnisse dem Wohl des
ganzen Volkes unterzuordnen, er sollte sich angewöhnen, "im
Großen zu denken". Die damit bezweckte Anbindung an die "Volksgemeinschaft"
wurde unterstützt durch die Weckung eines "Heimatgefühls":
Durch Photographien, verherrlichende Gedichte und Berichte sollten die
Menschen stolz auf ihr Vaterland gemacht werden. Diese Anbindung an
das Volk wurde ergänzt durch die Anbindung an die kleinere Gemeinschaft
der Arbeitenden in der I.G. Farben. Auch hier sollte sich der Arbeiter
als Teil des großen Ganzen fühlen, wenn berichtet wird, daß
die I.G. auf den Reichsausstellungen zugegen war und daß sich
sogar der Führer die Produkte der I.G. angesehen hat. Außerdem
ist bereits 1937 ein deutliches Hinarbeiten auf den Krieg zu erkennen,
das seinen Ausdruck in einer moralischen Mobilmachung, erzieherischen
und wirtschaftspolitischen Maßnahmen findet.
Die Werkszeitung
der I.G. Farben kann als Beispiel dafür dienen, mit welcher Flut
von propagandistischem Material die Menschen im "Dritten Reich"
konfrontiert wurden: Die Überschriften sehr vieler Photoserien
- sofern diese nicht sowieso uniformierte Menschen unter der Hakenkreuzfahne
zeigen - enthalten nationalsozialistische Schlagwörter, und nur
selten findet sich ein Artikel, der nicht ideologisch gefärbt ist.
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Der Artikel ist
in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 15/2
2000, Seite 2-16, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.