Ausgabe 15/2 2000
Lucien Febvre
Der neugierige Blick.
Leben in der französischen Renaissance. Mit einem Vorwort von Peter
Burke.
Berlin, 2000
WAT 385/Neuausgabe
Rezension von P.
Lothar Grünewald
Im Wagenbach-Verlag,
der sich früh um Schriften aus dem Umkreis der Annales gekümmert
hat, sind jetzt in einer Neuausgabe vier Vorträge Lucien Febvres
aus dem Jahre 1924 erschienen (zuerst 1989, WAT Nr. 171).
In diesen Vorträgen
zur Renaissance in Frankreich schlägt Febvre, mit Marc Bloch der
Gründervater der Zeitschrift Annales, die er von 1929 bis zu seinem
Tode 1956 herausgab, die vier Themen an, die ihn zeitlebens beschäftigten:
Bildung, Kunst, Religion und Gesellschaft im französischsprachigen
Europa des 16. Jahrhunderts. Lediglich mit seinem Lutherbuch verließ
er diesen Raum, blieb aber dem 16. Jahrhundert treu (Erstfassung 1928,
jetzt in der Neuübersetzung von Peter Schöttler im Campus-Verlag/1996
greifbar).
Und in diesen Vorträgen
verwirklicht Febvre schon die Forderungen, die er mit Marc Bloch seit
1929 in den Annales erheben und zum Kriterium für die Beurteilung
seiner Zunftgenossen machen wird: Weg von der reinen Faktengeschichte,
hin zu einer problemorientierten Geschichtsschreibung, die politische
Ereignisse als Ausdruck des Denkens, Fühlens und der Veränderungen
institutioneller Strukturen zu beschreiben sucht.
Um dieses Ziel der
nouvelle histoire' erreichen zu können, fordert und praktiziert
er die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen wie Geographie, Soziologie,
Psychologie, Wirtschaftswissenschaft, Linguistik und Ethnologie. In
den hier vorliegenden Vorträgen benutzt er vor allem Ergebnisse
von Kunst- und Literaturhistorikern sowie Theologen, um - z.T. in völliger
Umakzentuiertung herrschender Meinungen - darzulegen, was die "Civilisation"
der französischen Renaissance tatsächlich charakterisiere:
nämlich "das Streben nach Wissenschaft, nach Schönheit
und nach Göttlichem" ("L'effort vers la science".
"L'effort vers la beauté". "L'effort vers le divin"
- so die Titel dreier Vorträge. Die
deutsche Übersetzung "Streben nach" läßt das
leidenschaftliche Sich-Aneignen, das Sich-Abmühen bei der Aneignung
nur erahnen).
Da Febvre "Civilisation"
als eine "Resultante von materiellen und moralischen, von intellektuellen
und religiösen Kräften" (S. 13) sieht, die zu einem bestimmten
Zeitpunkt in einem bestimmten Land im Bewußtsein der Menschen
wirken, wendet sich der erste Vortrag der Situation der Menschen in
der französischen Renaissance zu ("L'homme du temps").
Fragen über Fragen stellend, Vergleiche zur Gegenwart seiner Zuhörer
ziehend, verdeutlicht er ungeheuer lebendig die materielle Situation
von Menschengruppen und zerstört dabei so manche Illusionen. Ernüchternd
die Schilderung der mühsamen Lebensumstände des "Reisekönigs"
Franz I., ernüchternd auch der Vergleich der Porträts der
Hofdamen mit ihrer tatsächlichen Befindlichkeit: "die edle
Art dieser Hofdamen [in den Porträts] erweist sich als bäurisch
und kulturlos" (S. 28).
Die nächsten
drei Vorträge charakterisieren in ähnlicher Vorgehensweise
die Menschen der Renaissance in ihrem "Streben nach Wissen",
"Streben nach Schönheit" und "Streben nach dem Göttlichen".
Das leidenschaftliche
Bildungsstreben Nichtadliger unter erbärmlichen äußeren
Bedingungen wird an einigen Personen exemplarisch vorgeführt (Thomas
Platter!), der Aufstieg des Bürgertums und der Niedergang des Adels
damit verquickt.
Im nächsten Vortrag wird deutlich, warum Febvre sich zum Pionier
einer mit ikonographischen Quellen arbeitenden Sozial- und Geistesgeschichte
entwickelte. An Gemälden des 15. und 16. Jahrhunderts begründet
er zunächst den Einfluß der flämischen auf die französische
Malerei, dann deren Ablösung durch die italienische und zerstört
so ganz nebenbei die nationalistische Ansicht von der Existenz einer
eigenständigen französischen Kunst am Ende des 15. und zu
Beginn des 16. Jahrhunderts (1924!).
In "Streben
nach dem Göttlichen" bekämpft Febvre die Meinung, die
Reformation sei aus dem fortgeschrittenen Verfall der Kirche unmittelbar
hervorgegangen (S. 83). Mißstände habe es schon jahrhundertelang
gegeben. Warum jetzt diese Reaktion? Sie liegt für ihn in der sich
verändernden Gesellschaftsordnung, in der aufgeklärte Bürger,
reiche Kaufleute und kultivierte Gerichtsbeamte (S. 97) nach einer weniger
formalen, verständlichen (weg vom Latein!), gefühlvollen und
individuellen Religion verlangt hätten (S. 97f.); Luthers Prinzip,
"daß jeder Christ das Recht habe, die Bibel zu lesen und
nach der ihm von Gott erteilten Einsicht auszulegen", kam da, so
meint er, gerade zur richtigen Zeit.
Febvres Argumentationen
sind außerordentlich klar aufgebaut, in der durch die Vortragsform
bedingten Knappheit öfter überzeichnend und Widerspruch hervorrufend,
immer aber anregend und in ihrer Lebendigkeit geradezu vergnüglich
zu lesen.
Ein fünfseitiges Vorwort von Peter Burke zeichnet in knappen Strichen
die Stellung Lucien Febvres in der Schule der Annales und der Nouvelle
Histoire (für Interessenten, die es genauer wissen wollen, sei
hingewiesen auf: Peter Burke, Offene Geschichte. Die Schule der "Annales",
Wagenbach 1991 oder Fischer Taschenbuch Nr. 14074/1998).
Zum Schluß
ein Wort der Kritik: Dem Bändchen (108 S.) fehlt der letzte Vortrag
"Le marchand du XVe siècle". Aus Andeutungen in den
übersetzten Vorträgen und aus dem Lutherbuch wird deutlich,
welch wichtige Rolle Febvre gerade den Kaufleuten für die gesellschaftlichen
und mentalen Veränderungen im 16. Jahrhundert zumißt, um
so bedauerlicher ist das Fehlen dieses Vortrages, den er sicher nicht
ohne Absicht an den Schluß gestellt hatte.
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Die Rezension ist
in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 15/2
2000, Seite 70-72, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.