Ausgabe 15/2 2000
Baumeier, Stefan,
Carstensen, Jan (Hrsg.):
Beiträge zur Volkskunde und Hausforschung, 8.
Detmold 1999
(Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold - Landesmuseum
für Volkskunde, 8).
Rezension von Frank
Roeb
Nach vier Jahren
Unterbrechung liegt nunmehr der 8. Band der Beiträge zur Volkskunde
und Hausforschung vor. In nicht weniger als fünfzehn Aufsätzen
entfalten sich vor dem Leser die Forschungsschwerpunkte des vom Landschaftsverband
Westfalen-Lippe mitgetragenen Museums
Im ersten Beitrag
zum "Mindener Hof" ist es Bernd Wilhelm Linnemeier vortrefflich
gelungen, anhand von Archivalien aus dem westfälisch-niedersäch-sischen
Grenzbereich die Wirtschafts- und Sozialgeschichte der bäuerlichen
Sachkultur im 18. und frühen 19. Jahrhundert nachzuzeichnen. So
können "regionale Spezifika herausgearbeitet werden, die im
Rahmen großräumig angelegter Ansätze der älteren
Forschung vielfach unberücksichtigt geblieben waren" (S. 9).
Auf translozierte Objekte im Freilichtmuseum übertragen macht es
dieser Weg möglich, z.B. durch "Beobachtung zur acker- und
viehwirtschaftlichen Basis bäuerlicher Betriebe", "Handhabung
des Erbrechts", "bäuerliches Heiratsverhalten" oder
die "materielle Kultur" die Defizite durch fehlende hofeigene
Archivalien auszugleichen.
Heinrich Stiewe
untersucht an demselben "Mindener Hof" kritisch die Baugeschichte.
Ebenso akribisch wie im vorgenannten Beitrag nutzt er die verfügbaren
Quellen und versucht der Frage nachzugehen, welche Gedanken Josef Schepers
beim Wiederaufbau des Hofes im Detmolder Museum im Jahre 1968 bewegten
und welche Veränderungen durch ihn veranlaßt wurden. Stiewe
vergleicht seine Erkenntnisse mit den heutigen Ansprüchen an eine
wissenschaftliche Baudokumentation.
Aus sieben Wohnhäusern,
neuen Wirtschaftsgebäuden, einer Trafostation, Schützenhalle
und Kapelle soll in der Endphase das Sauerlanddorf als dörfliche
Baugruppe entstehen. Vor dessen Ausstattung mit landwirtschaftlichen
Geräten und Maschinen wurde eine Bedarfsanalyse angefertigt, die
durchgängig "den Präsentationszeitschnitt um 1925"
(S. 79) dokumentieren soll. Dadurch soll geklärt werdern, inwieweit
der Museumsfundus dazu ergänzt werden muß.
Stefan Pahs berichtet
über die Resonanz der Aufrufe in den regionalen Zeitungen und über
die Dokumentationsmethoden. Vor Ort wurden alle verfügbaren Informationen
zu den Objekten gesammelt, und gerade bei Maschinen aus der Serienfertigung
konnte vielfach die Firmengeschichte nachgezeichnet werden. Nur durch
eine solche aufwendige Maßnahme wird es möglich, den Besuchern
"regional- und zeittypische landwirtschaftliche Geräte und
Maschinen zu präsentieren." (S. 86)
Zwei Beiträge
befassen sich mit Anlagen und Bauten, die sich vor Errichtung des Freilichtmuseums
bereits auf dem Gelände befanden. In den Jahren 1996/97 wurde der
"Friedrichstaler Barockgarten" archäologisch untersucht,
weil an gleicher Stelle der Neubau einer Ausstellungshalle geplant ist.
Martin Salesch beschreibt
die Befunde und rekonstruiert die Gartenanlage für die Zeit um
1700. Die Restaurierung der ehemaligen Fasanerie war der Anlaß
für seine baugeschichtliche Erforschung aufgrund von Plänen,
Entwurfszeichnungen, Handwerkerrechnungen, aber auch durch Freilegungen
im Bau selbst. Joachim Kleinmanns hat sich dem heute als Verwaltungsgebäude
genutzten Objekt gewidmet.
Eine grenzüberschreitende Arbeitsgemeinschaft von Freilichtmuseen
aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland war ein erster zaghafter
Versuch, gleiche Probleme gemeinsam anzugehen.
Überschrieben
"Die großen Acht" analysiert Jan Carstensen eine Marketing-Aktion,
bei der die Besucher auf die Partnermuseen hingewiesen wurden (Arnheim,
Bokrijk, Cloppenburg, Detmold, Enkhuizen, Hagen, Kommern, Bad Sobernheim).
Eine 16seitige zweisprachige Broschüre (Auflage 400.000) mit Details
zu jedem einzelnen Museum, samt Öffnungszeiten und Anfahrtswegen,
sollte das Interesse der Besucher wecken. Ein Gutschein war beigefügt.
Obwohl davon nur 500 eingelöst wurden, beurteilen die angeschlossenen
Museen wie auch die befragten Besucher die Aktion positiv.
Die bekannte Auffassung,
in Museen wirke zuviel Text störend und langweile die Betrachter,
kann Gefion Apel im kurzen Beitrag "Lesen, Hören, Begreifen"
widerlegen. Infosäulen ergänzen in Detmold Kurzinformation
und Objektbeschilderungen. Aus den "Aufpassern" wird durch
Schulung "dialogbereites und qualifiziertes Auskunftspersonal"
- werden Gesprächspartner für den nachfragenden Besucher.
Eine "handlungsorientierte Museumspädagogik" (S. 129)
gestattet das Anfassen von Objekten zum besseren Verständnis und
zum "Lernen mit allen Sinnen" (S. 219).
Ähnlich wie
bei den landwirtschaftlichen Geräten traf ein 1993/94 durchgeführter
Sammelaufruf für historische Fotografie auf ein solche Echo, daß
eine Auswahl aus den 2000 eingegangenen Dokumenten die Ausstellung "Historische
Sportfotografien aus dem Hochstift Paderborn" ermöglichte.
"Geschwitzt, geblitzt, gesammelt" nennt Stefan Pahs die überarbeitete
Fassung seines Einführungsvortrages, der auf den Seiten 131 bis
136 nachzulesen ist.
Über eine nahrungskundliche
Nische, die Dörrobstproduktion nämlich, erfahren wir etwas
von Arnold Beuke. Zufällig wurde ein Dörrofen in situ entdeckt,
der das Interesse des Autors weckte. Bereits die Hausväterliteratur
nahm sich der jahrhundertealten Konservierungsmethode an, während
im "technikbegeisterten" 19. Jahrhundert allerlei Verfahren
entwickelt wurden, die der Vorbehandlung und Trocknung in speziellen
Dörrapparaten oder Ofenaufsätzen dienen sollten. Die Amerikaner
waren am innovativsten und exportierten ihre Dörrobstprodukte seit
1880 nach Deutschland. Teure Apparate konnten sich nicht durchsetzen;
man blieb beim traditionellen Trocknen auf Rosten und Hürden. In
"regionalspezifischen westfälischen Gerichten" (S. 148)
waren Pflaumen, Äpfel, Birnen, seltener Kirschen und Beerenobst,
beliebte Ingredienzen, die besonders in Notzeiten über manchen
Mangel hinweghalfen. Die größere Angebotspalette in den Lebensmittelläden
führte schließlich zum Niedergang dieser Haltbarmachung.
Beuke will aber ein Wiederaufleben der alten Konservierungsmethode festgestellt
haben.
In zwei kürzeren
Beiträgen befassen sich Hubertus Michels ("Kooperation mit
Fachschule") und Monika Kania ("Berufsfeld Museum") mit
ausbildungrelevanten Themen aus der musealen Praxis. In Fachseminaren
von wissenschaftlichen Mitarbeitern werden künftige "Techniker
für Baudenkmalpflege und Altbauerhaltung" mit Volkskunde und
Hausforschung vertraut gemacht. Im Frühjahr 1996 konnten Fachschüler
am Dach des "Haus Meise" historische Zimmerungstechniken anwenden;
später im Jahr waren Schreinerarbeiten bei der Restaurierung eines
Gartenhauses gefragt. Monika Kania berichtet über die Jahresversammlung
der Volkskundlichen Kommission für Westfalen, bei der universitäre
Ausbildung und berufliche Praxis Tagesschwerpunkte waren.
Mit einem Aspekt
der betrieblichen Sozialpolitik von Hoffmann's Stärkefabrik in
Bad Salzuflen beschäftigt sich Stefan Wiesekopsieker. Er verfolgt
die Geschichte des Firmenkegelclubs "Stärkefabrik". Zu
seinen Quellen gehören u.a. die fast lückenlos vorhandenen
Protokolle der Aufsichtsratssitzungen. Der 1888 gegründete Verein
rekrutierte sich zur einen Hälfte aus den leitenden Mitarbeiter
der Firma - "von den einfachen Kontorbeamten erwarben nun ganz
wenige die Mitgliedschaft - [...] die andere Hälfte der Mitglieder
bestand aus Salzufler Honoratioren" (S. 164). Mit dieser Einrichtung
versuchte die Firmenleitung nicht nur einen Beitrag zur Freizeitgestaltung
ihrer Führungskräfte zu leisten, sondern wollte darüber
hinaus durch Exklusivität des Klubs Mitarbeiter an sich binden.
Die Öffnung für privilegierte Außenstehende, vor allem
aus der Kommunalpolitik, paßte in dieses Kalkül.
Jan Carstensens
"Kulturgut unterwegs" geht der Frage nach, "in welchem
Umfang und in welcher Qualität die Ausleihe von Museumsgut in Zukunft
stattfinden soll und welche Kriterien für das Freilichtmuseum zu
berücksichtigen sind" (S. 173). Über das Museumsamt in
Münster werden viele Ausstellungen wissenschaftlich begleitet bzw.
koordiniert. In drei Qualitätskategorien ist das Museumsgut eingeteilt,
die die Bedingungen für eine Ausleihe festlegen. Für die Ausstellungen
selbst gibt es ebenfalls eine dreistufige Bewertung: "In Anbetracht
des kulturgeschichtlichen Werts der Sammlung ist eine Beschränkung
auf inhaltsreiche und bedeutende Ausstellungen zu fordern" (S.
178).
In den Bereich der
religiösen Sach- und Brauchkultur begibt sich der Leser bei der
Lektüre des Artikels von Monika Kania über das "Primizbildchen".
Dieser "Einlegezettel" für Gebetbücher soll den
Gläubigen an die erste heilige Messe eines neugeweihten katholischen
Priesters in seiner Heimatgemeinde erinnern. Die Verfasserin sieht in
der Primiz einen "Initiationsakt", den "Wechsel des Kandidaten
aus der Welt der Laien in die des Klerus" (S. 182). Spezielle Verlage
befassen sich mit dem Druck solcher Bilder und führen umfangreiche
Kataloge, die die künstlerischen Strömungen und den Zeitgeschmack
widerspiegeln. Texte und Daten sind in gleicher Weise dem Wandel unterworfen.
Die zahlreichen
Abbildungen, bei denen die Bildunterschriften ein wenig durcheinandergeraten
sind, bereichern den Beitrag.
Im letzten Aufsatz vor den Kurzberichten geht es um die Restaurierung
und Konservierung von Einlegearbeiten an einer Koffertruhe aus dem 18.
Jahrhundert. Das Möbelstück aus dem Fundus des Westfälischen
Freilichtmuseums wurde eingehend auf historische Reparaturen und Furnierergänzungen
hin untersucht. Bei Reinigungsarbeiten stießen die Konservatoren
auf Substanzen, die auf eine gefärbte Marketerie hindeuteten. Jochen
Winkelbach gewährt einen kurzen Einblick in die Färbemethoden
der damaligen Zeit, bevor er die Ergebnisse der Chromatographie vorlegt.
Die ursprüngliche Farbigkeit der Truhe konnte so wiederhergestellt
werden.
Die vorliegenden
Beiträge im achten Band der Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums
halten für jeden Leser etwas parat. Es sind mehr als nur Miszellaneen
aus dem Museumsbereich, aber die breitgefächerten Themen laden
zum Verweilen im Buch ein.
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Die Rezension ist
in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 15/2
2000, Seite 67-70, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.