Ausgabe 16/2 2001
Heinz Schmitt:
Geißbock, Wein und Staatsbesuche.
Deidesheim in den letzten 150 Jahren.
Landau 2000.
Rezension von Herbert
Schwedt
Heinz Schmitt, gebürtiger
Kurpfälzer, ist ein ausgewiesener Pfalzkenner. Die Muße,
die ihm der Ruhestand gewährt, benutzte er sogleich, um ein Buch
über ein besonders bemerkenswertes Stück Pfalz zu verfassen
- über die kleine Stadt Deidesheim. Sie ist bekannt durch ihren
Wein, ihr hübsches Ortsbild, ihre touristischen und kulinarischen
Angebote. Daß sie auch auf eine recht interessante Geschichte
zurückblicken kann, ist bei Schmitt nachzulesen. Und dabei geht
es vor allem um Sozialgeschichte, wie sie vielleicht für die Pfalz
besonders kennzeichnend ist.
Darüber gleich
mehr; einstweilen ist hervorzuheben, daß der Autor gut daran getan
hat, sich auf die zurückliegenden (nicht letzten, wie wir für
die Deidesheimer hoffen) 150 Jahre zu konzentrieren. Sein Ziel war es
nicht, eine beliebige Ortschronik vorzulegen, sondern den Übergang
eines alten Ortes in die Moderne zu analysieren. Er ist, der Übergang,
für Deidesheim - wie auch gewiß für manch andere pfälzische
Gemeinde - auf mindestens drei Feldern zu beobachten: der Entstehung
und Entwicklung des Qualitätsweinbaues, des bürgerlichen Vereinswesens
und des Fremdenverkehrs.
Viele Aspekte sind
unter dieser Perspektive zu betrachten: Politik und Verkehrsanbindung,
Ortsausbau und Sozialstruktur, nicht zuletzt auch die Feste, allen voran
die Geißbockversteigerung, die Mainzer Volkskunde-Studierenden
freilich gewiß nicht erläutert werden muß. Den Rahmen
dafür bildet eine soziale Konstellation, die hier ausgeprägter
als anderwärts ist und sich schon bei einem Spaziergang durch die
Straßen der Stadt erschließt - das Vorhandensein einer Oberschicht
von reichen Weingutsbesitzern, der "Weinaristokratie", neben
den Winzern und selbstredend auch einer Unterschicht. Dabei haben die
Gutsbesitzer - Bassermann-Jordan ist einer der bekanntesten Namen -
zweifellos sehr viel für ihre Stadt getan, andererseits aber auch
über Macht und Einfluß verfügt und waren sich dessen
wohl bewußt, wie sich an der Architektur ihrer Villen unschwer
ablesen läßt.
Und was bedeutet
das Wort "Staatsbesuche" im Titel? Die Erinnerungsphotos im
"Deidesheimer Hof" erläutern es. In seiner Kanzlerzeit
hatte Helmut Kohl die Gewohnheit, Staatsgäste in den Speyerer Dom
zu führen und sie anschließend zum Verzehr von Saumagen oder
Blutwurstravioli zu nötigen - in eben diesem (übrigens sehr
guten) Restaurant.
Das alles ist spannend
zu lesen, aber hier nicht zu referieren. Zweierlei Lob allerdings ist
zu zollen. Das erste gilt dem Kapitel über das Vereinsleben. Schmitt
ist nicht der Gefahr erlegen, hier einfach einen Katalog abzuliefern,
aus dem sich die Leserinnen und Leser nach Wahl bedienen können.
Er hat vielmehr die Vereine in eine Geschichte des Deidesheimer Vereinswesens
integriert, von den Anfängen über die 1848er Revolution über
die Reichsgründung und andere logische Zeitschnitte bis zur Gegenwart.
Für den Autor war das der schwierigere, aber souverän zurückgelegte
Weg, für den Leser die Möglichkeit einer ertragreicheren Lektüre.
Ein zweites Lob
der Darstellungsweise: die Arbeit genügt allen wissenschaftlichen
Ansprüchen - so fehlt z.B. ein Anmerkungsapparat nicht -, wurde
aber in erster Linie für die Deidesheimer geschrieben. Also mußte
sie in allgemein verständlicher und möglichst fesselnder Sprache
gehalten sein, und das ist bekanntlich eine recht schwere Aufgabe. Sie
wurde hier hervorragend gelöst mit dem Ergebnis, daß man
das Buch an einem Stück durchlesen kann - und dieses Vergnügen
hat man sonst ja eher selten.
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Die Rezension ist
in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 16/2
2001, Seite 81-83, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.
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