Ausgabe 16/2 2001
Dröge, Kurt:
Das ländliche Bett.
Zur Geschichte des Schlafmöbels in Westfalen.
Detmold 1999
(Schriften des Westfälischen Landesmuseums Detmold - Landesmuseum
für Volkskunde, 18). 359 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen.
Rezension von Frank
Roeb
Ein längeres
Zitat aus dem Editorial von Stefan Baumeier beschreibt das Ziel der
vorliegenden umfangreichen Monographie: "Als Archiv der materiellen
Kultur Westfalens brachte das Westfälische Freilichtmuseum Detmold
in den letzten vier Jahrzehnten eine Sammlung von 450 Schlafstätten
zusammen, die in Größe und Vielschichtigkeit und mit ihrer
Konzentration auf eine Landschaft einmalig ist. Sie umfaßt Schlafmöbel
aller Sozialschichten Westfalens ab dem 16. Jahrhundert. Den Kern der
Sammlung allerdings bildet das einfache Gebrauchsbett des ländlich-kleinstädtischen
Raumes zwischen 1750 und 1900. Diese unfangreiche Sammlung bildet den
Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchungen zum westfälischen
Schlafmöbel als Bestandteil der historischen Schlafkultur in sozialer,
regionaler und zeitlicher Hinsicht."
Vorweg ist anzumerken,
daß Kurt Dröge keinen Beitrag zur Schlafkulturforschung liefert,
vielmehr "eine möbelkundliche Analyse des ländlichen
Bettes im 19. Jahrhundert" in einer ausgewählten Region Westfalens
unter Zuhilfenahme der Methoden der Sachkulturforschung und der kulturräumlichen
Gliederung.
Dem Verfasser gelingt
es überzeugend und interessant, die erdrückende Fülle
von dokumentierten Schlafmöbeln - im übertragenen Sinne -
aus den Karteikarten herauszunehmen und uns die Objekte in einem schönen
Bildband näher zu bringen. Es ist kein trockener Museumskatalog,
weil die Abbildungen in einer Geschichte des Schlafmöbels "eingebettet"
sind. Um seine Forschung auf eine möglichst breite Basis zu stellen,
zieht Dröge unter den gedruckten Quellen auch die Fachliteratur
des Tischler- oder Schreinergewerbes, kunst- und holzhandwerkliche Fachzeitschriften
sowie Publikationen mit sozialpolitischem Hintergrund mit heran; Sach-
und Hausinventare, Höferechnungen, Bildquellen und die Heimatliteratur
liefern ein übriges.
Der Leser erfährt,
daß das Bett bis in das 20. Jahrhundert hinein "eine wichtige
Stellung und Bedeutung [...] innerhalb der Dingwelt der agrarischen
Gesellschaft" (S.25) hatte und einmal angeschafft, ein Leben lang
genutzt wurde. Gleichzeitig avancierte dieses Möbelstück zu
einem Statussymbol in der bäuerlichen Oberschicht, wovon reichlich
Verzierungen, Inschriften mit Datum etc. Zeugnis ablegen. Die Standardschlafstelle
war im Untersuchungsgebiet bis ins 18. Jahrhundert das "wandfest
verzimmerte" Bett - auch Schrankbett, Alkoven oder Durks genannt.
Bewegliche Bettstellen sind erst danach, zunächst für den
städtischen, dann allmählich für den bäuerlichen
Haushalt belegt.
Einen breiten Raum
nimmt das Kapitel über die Himmelbetten (geschlossene Kopfteile
mit hölzernem Himmel) ein, die man allgemein mit dem Schlafen im
großbäuerlichen Bereich in Verbindung bringt. Diese Bettform,
aus Adels- und Patrizierkreisen in die bäuerliche Schicht gelangt,
war offensichtlich besonders häufig im nördlichen Westfalen
verbreitet und, wie Dröge nachweisen kann, innerhalb von 200 Jahren
einem Wertewandel unterworfen. Es gelangte nämlich "aus der
Stube oder dem Saal des Bauern in die Mägdekammer oder ins spätere
Gästezimmer', von dort aus auf den Balken und von da (sofern
nicht zur Garderobe umgebaut oder zersägt) ins Museum als hochgeschätztes
Artefakt heimatlicher, wenn nicht sogar nationaler Altertumskultur'..."(S.23).
In gleicher Weise
wie die Aufsatzbetten zählen Baldachinbetten als bewegliche Schlafstellen
eher zu den oberschichtlichen Möbelstücken, bei denen Ornamente
und Schnitzwerk üblich sind. Kastenbetten zeigen dagegen eine typologische
Nähe zu den Schrankbetten, vor allem dann, wenn sie lediglich von
drei Seiten zugänglich sind.
In weiteren Kapiteln
widmet sich der Verfasser der Herstellung ländlicher Betten sowie
dem "Wandel des aufsatzlosen Pfostenbettes seit etwa 1780":
Kernstück des 18. Bandes aus dem Detmolder Museum ist jedoch die
auf 55 Seiten beschriebene "Regionale Verbreitung des ländlichen
Pfostenbettes in Westfalen". Kinderbetten und Wiegen gemeinsam
mit Bettgestellen aus Metall bilden den Abschluß des Bestandes.
Aufschlußreich
ist zudem Dröges Exkurs "Zum Restaurieren und Erhalten von
Betten", gewähren doch die 11 Seiten einen kleinen Einblick
in die Arbeit der Konservatoren und in die fotografische Dokumentation.
Die sehr solide
Arbeit bietet kaum Ansatz für Kritik. Vielleicht hätte der
Verfasser aus dem Kapitel 17 die komplette Bettentypologie und "die
konstruktive Verbindung von Betthäuptern und Bettseiten" 120
Seiten früher, nämlich im Kapitel 9 unter "Kurze generelle
Bemerkungen zur Konstruktion und Terminologie" subsumieren können,
was zum besseren Verständnis des Lesers geführt hätte?
Der Anmerkungsteil wie auch das Literaturverzeichnis mit anschließendem
Bildnachweis sind vorbildlich, die 577 Abbildungen allerdings nicht
numeriert, so daß man mit der Inventar-Nummer vorlieb nehmen muß.
Der Band bietet sich als Lektüre im "Ein- oder Zweischläfer"
mit stabilem Nachttisch geradezu an. Auch Marcel Proust hätte ihn
darin gerne gelesen.
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Die Rezension ist
in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 16/2
2001, Seite 83-85, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.
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