Ausgabe 16/2 2001
Andreas C. Bimmer
(Hrsg):
Das Militärische im Volksleben.
Marburg 2001
Hessische
Blätter für Volks- und Kulturforschung, NF 36
Rezension von Michael
Simon
Immer wieder sind
in den letzten Jahren Hefte der Hessischen Blätter erschienen,
in denen wichtige Forschungsfelder des Faches neu umschrieben wurden.
Erinnert sei bloß an die Aufsatzbände über "Alkohol
im Volksleben", "Der große Aufbruch", "Heilen
und Pflegen" oder "Fremde Nachbarn". Das jüngste
Heft der Reihe widmet sich nun einem im Fach lange gemiedenen Thema,
dem Militärischen im Volksleben. Es ist die Wiederkehr einer Fragestellung,
der man sich nach den schrecklichen Erfahrungen zweier Weltkriege und
der daraus hervorgegangenen Hoffnung auf eine gewaltfreie Zukunft ohne
Säbelrasseln und Heldentod entziehen zu können glaubte.
Die Vorkommnisse
der letzten Jahre weisen freilich in eine andere Richtung, und so erscheint
es begrüßenswert, daß mit dem vorliegenden Heft der
Blick für ein altes Thema neu geschärft und Perspektiven einer
notwendigen Auseinandersetzung aufgezeigt werden. Der Herausgeber hat
dabei den Schwerpunkt weniger auf "das Militär als Institution
der Gesellschaft" gelegt, sondern Beiträge vereint, die sich
mit den "Auswirkungen von Militärkultur auf primär nicht
militärische Teile des Alltagslebens" (S. 8) befassen. Diese
Ausrichtung wird durch den schlichten Titel des Heftes treffend umschrieben,
der allerdings insofern Fragen aufwirft, als nur knapp die Hälfte
des Bandes dem eigentlichen Thema gewidmet ist. Der zweite Teil vereint
einen Beitrag von Karl Baeumerth über die Töpferei Ludwig
und Pfeffer aus Weidenhausen mit einer Darstellung von Günther
Hampel über hessische Trachten in einem Sammelalbum aus dem Jahre
1931. Beide Aufsätze seien hier nur der Vollständigkeit halber
erwähnt und weil sie die Vermutung nahelegen, daß es aufgrund
der bisherigen Abstinenz wohl schwerfällt, ein ganzes Heft mit
Beiträgen zur ausgewiesenen Thematik zu füllen.
Im vorliegenden
Fall sind vier Texte zusammengekommen, die ihren zeitlichen Schwerpunkt
im 19. und 20. Jahrhundert haben. Sonja Windmüller beschäftigt
sich in ihrem Aufsatz mit Festumzügen und deren militärischem
Gehalt, den sie eingehender am Beispiel der Ziegenhainer Salatkirmes
(Nordhessen) untersucht. In mehreren Abschnitten kann sie zeigen, in
welcher Weise der Festumzug dort für die lokale Konstruktion von
Geschichte herhalten muß und mit der Aufstellung uniformer Gruppen
zur Repräsentation spezifischer Sozial-, Geschlechts- und Körpervorstellungen
beiträgt. Da sich ihre Ausführungen in erster Linie auf die
Auswertung von Zeitungstexten stützen, bleiben die Motive der Handlungsträger
in ihren Erörterungen weitgehend unbeleuchtet. Diese auffällige
Distanz zwischen Wissenschaft und Forschungsfeld, die sich auch in den
anderen Beiträgen des Heftes bemerkbar macht und eher untypisch
für die volkskundliche Arbeit der jüngeren Vergangenheit erscheint,
mag ein weiterer Hinweis auf die Probleme des Faches im Umgang mit dem
Thema "Militär" sein.
Der nächste
Aufsatz von Daniel Devoucoux behandelt das Fest des Vierzehnten Juli
in Paris und ergänzt damit die begonnene Auseinandersetzung über
die Zurschaustellung von Militärischem in der Öffentlichkeit.
Für den deutschen Leser, der das Spektakel nur aus den Medien kennt,
bieten die Darlegungen des Verfassers eine geistreiche Annäherung
an dieses große französische Nationalfest und vermitteln
Hinweise auf die keineswegs unumstrittene Reputation der Armee im Land.
Wünschenswert wäre eine intensivere sprachliche Überarbeitung
des Textes gewesen, der zahlreiche Romanismen aufweist und dessen Nonchalance
manchmal Verständnisschwierigkeiten bereitet wie etwa der folgende
Satz: "So besitzt er [der Chef der Armee, MS] z.B. die Schlüssel
zum schwarzen Koffer des nuklearen Feuer [sic!]" (S. 50).
Harm-Peer Zimmermann
hat zum Band eine exemplarische Untersuchung über die preußische
Fahnenpolitik am Beispiel der Kriegervereine beigesteuert. Er beschreibt
deren obrigkeitliche Förderung im deutschen Kaiserreich als Bollwerk
gegen die Sozialdemokratie und thematisiert gleichzeitig die scheinbar
nichtige Frage der Genehmigung von Vereinsfahnen, die der preußischen
Regierung dazu diente, politischen Einfluß auf diese Massenbewegung
auszuüben. Daß in diesem Zusammenhang wieder einmal mehr
die literarische Figur des Diederich Heßling zur Kennzeichnung
des Untertanengeistes in jener Zeit herhalten muß (S. 74), versteht
sich fast von selbst, erscheint mir aber im Hinblick auf eine sehr viel
komplexere Realität überdenkenswert.
Im letzten Beitrag
liefert Klara Löffler einen kurzen Abriß über die Geschichte
der Kartographie, in dem sie insbesondere auf den militärischen
Einfluß zu sprechen kommt. Ihre Ausführungen konkretisieren
sich im österreichischen Raum und dokumentieren die Monopolisierung
des Kartenwesens in den Händen militärischer Behörden
vor allem seit dem 18. Jahrhundert. Ihre Überlegungen liefern nur
ein Beispiel für die Entwicklung der modernen Wissenschaften unter
der Führung von Militärs und lassen den weiteren Forschungsbedarf
auf diesem Gebiet sehr wohl erahnen. Der Ansicht des Herausgebers, "daß
eine Untersuchung des Militärischen im Volksleben eine fast unübersehbare
Perspektive eröffnen kann" (S. 8), möchte sich der Rezensent
daher gerne anschließen und sie mit der Hoffnung verbinden, daß
dieser lesenswerte Band der Hessischen Blätter der Forschung weitere
Impulse zu geben vermag.
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Die Rezension ist
in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 16/2
2001, Seite 79-81, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.
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