zeitschrift
 


Ausgabe 17/1 2002

Walter Dehnert
Schwarzwald gestern und heute
Eine Rückblende im Film

Gespräche mit Zeitzeugen

Ein interessantes Gespräch ergab sich mit einer Zeitzeugin, die in den dreißiger Jahren bei Oberlehrer Bitsch die Schule besuchte. Sie malte das Bild eines "strengen, aber gerechten und verantwortungsvollen" Lehrers und wußte von seinen Schwierigkeiten mit der örtlichen NS-Parteiführung zu berichten, weil er als Organist in der Kirche spielte. Mit bewegter Stimme schilderte sie mir, wie ihr Lehrer sie auf dessen eigene Kosten zum Zahnarzt schickte und ihre Eltern später diesen Betrag nach und nach abstotterten. Zu einem Inter-view vor laufender Kamera erklärte sie sich leider nicht bereit.

Noch ein interessantes Gespräch konnte ich mit einer weiteren Zeit-zeugin führen. Sie sang in den dreißiger Jahren gemeinsam mit zwei anderen jungen Frauen in Tracht als "Glöttertäler Nachtigallen" dreistimmig. Joseph Bitsch betreute und förderte dieses Gesangstrio. Ein beachtliches Repertoire von 52 Volks- und Heimatliedern sorgte für Abwechslung bei ihren Auftritten. Die sentimentalen Heimatlieder dienten nicht zuletzt der Werbung für das Glot-tertal. In Südbaden und im Elsaß schätzte man dieses Trio, das in der benach-barten Schweiz, in Berlin und in Hamburg gastierte. Ernst Rossmy, der Direk-tor des Glotterbades, organisierte im Auftrag des deutschen Fremdenver-kehrsverbandes die Auftritte der "Glottertäler Nachtigallen", die gemeinsam mit der Glottertäler Trachtenkapelle und Trachtengruppe auch im Ausland auftra-ten.

Reisen führten u.a. nach London, Birmingham, Manchester, Monte Carlo und Nizza. Im Zuge dieser Werbemaßnahmen avancierte das Glotterbad in den dreißiger Jahren zum beliebten Aufenthaltsort zunächst der Bremer, dann der (industriellen) Oberschicht aus ganz Deutschland, bedient von "den stau-nenden Schwarzwaldmädchen, die oft für einen Hungerlohn als Saaltöchter in ihrer schmucken Tracht die große Gesellschaft umhegten." Am 6. Februar 1936 empfing Adolf Hitler die drei "Nachtigallen" in der Reichskanzlei. Meine Gesprächspartnerin, die sich trotz nachdrücklicher Bitten von Hans-Dieter Barth zu einem Interview vor der Kamera ebenfalls nicht bereit fand, zeigte mir die Photographien aus diesen Jahren mit einer Mischung aus Verlegenheit und Stolz. Ihre Absage empfand ich um so bedauerlicher, als gerade sie die große - vor allem wirtschaftliche - Bedeutung des Tourismus für das Glottertal außerordentlich anschaulich hätte vermitteln können.

Mathilde Blattmann und Marie-Theres Reichenbach gaben Interview-Zusagen zum Thema "Tracht" und - kurzfristig während der Dreharbeiten - Elisabeth Hoch zum Thema "Waschtag". Für das ‚professionelle' Läuten der Kapellenglocke stand ein kundiger Partner zur Verfügung. Intensive Recher-chen im Glottertal und in benachbarten Tälern bzw. Orten schufen die Basis für ein Drehbuch mit Angaben zu Personen, Orten und Motiven. Während einer Besichtigung der Drehorte mit Hans-Dieter Barth entwickelten wir die dramaturgischen Überlegungen gemeinsam weiter.

Vergangenheit und Ge-genwart, schwarz-weiße und Farbaufnahmen sollten als Leitlinie des Films im Wechsel stehen, wobei jedoch nicht an eine klassische Kontrastmontage gedacht war. Der Retzlaff-Film sollte nicht in allen Sequenzen "neu gedreht" werden, denn dies hätte den Eindruck einer parallelisierenden Montage her-vorgerufen. Vielmehr sollte der Film zunächst von der Retzlaffschen Idylle ausgehen, um dann das Arbeitsleben in den Blickpunkt zu stellen, insbe-sondere die moderne Holzverarbeitung mit Sägegatter, und über die Unter-haltungsmusik weiterleiten zum Orchestrion aus Waldkirch. Der Hammeltanz [neu vertont mit Siegelauer Tanzmusik] gegen Ende des Films würde den Bo-gen zum Filmanfang schlagen. Der kritische Kommentar zu den historischen Filmaufnahmen würde darüberhinaus Aspekte der Werbung und des Frem-denverkehrs betonen. Deshalb favorisierten wir Filmtitel wie etwa "Glottertal - ein geschöntes Paradies", "Werberummel ums Glottertal", "Glottertäler Werbe-strategie" oder "Das Glottertal - Fund und Erfindung".

Die Wahl der SWR-Redaktion fiel schließlich auf den eher neutralen Filmtitel "Vom Wandel des Schwarzwaldbildes", der vermutlich ein größeres Publikum angesprochen bzw. erreicht haben dürfte. Die Drehzeit im Frühjahr 1999 dauerte knapp fünf Tage, vom Vormittag des Weißen Sonntags bis Donnerstagnachmittag.

weiter >

Seitenanfang


1 - 2 - 3 - 4- 5

Schwarzwald gestern
und heute

Recherchen und Stoffentwicklung

Gespräche mit Zeitzeugen

SWR-Sendereihe "Landesschau
unterwegs"

Resümee und
Literatur