Ausgabe 17/2 2002
Thomas Schneider
Charisma im Alltag
Anmerkungen zum Spaltungsprozeß einer Pfingstgemeinde
In den Jahren 1990/91
führte die Abteilung Volkskunde des Deutschen Instituts der Johannes
Gutenberg-Universität Mainz ein Forschungsprojekt über die
Ansiedlung einer geschlossenen Gruppe rußlanddeutscher Aussiedler
im rheinhessischen Guntersblum durch, dessen Ergebnisse zeitnah publiziert
wurden.
Den Vorspann zu
den verschiedenen Beiträgen bildete die Einführung der damaligen
Projektleiterin, in welcher sie u.a. explizit zum Ausdruck brachte,
daß der Zugang zu der untersuchten Gruppe sich wesentlich schwieriger
gestaltet hatte als ursprünglich angenommen. Zugleich wurde der
Erkenntnis Ausdruck gegeben, daß es vor allem die strikten Glaubensüberzeugungen
waren, die das Denken und Handeln der Aussiedler in der alltäglichen
Praxis bestimmten. Der alle Lebensbereiche sowohl der Gruppe als auch
der Individuen prägende Einfluß der Religion wurde im Laufe
des Forschungsprozesses erkannt und in der Präsentation der Ergebnisse
thematisiert und zumindest in Ansätzen auch die daraus resultierenden
Reibungsflächen zwischen Guntersblumer Alt- und Neubürgern.
Den Abspann des Themenschwerpunktes bildete ein kurzes Kapitel, das
unter der Überschrift Perspektiven und offene Fragen
stand und in welchem anklang, daß einer Integration der Aussiedler
möglicherweise massive Schwierigkeiten im Weg stehen, die nicht
zuletzt in deren fundamentalistischer Glaubensausrichtung begründet
liegen könnten.
Als eine der Zukunftsperspektiven
der Gemeinde glaubte die Forschungsgruppe seinerzeit erkennen zu können,
daß der Gemeinde Probleme auf Grund ihres Kinderreichtums entstehen
werden, die nur durch eine räumliche Trennung einiger Familien
von der Guntersblumer Gemeinde zu lösen sein würden.
Bereits fünf
Jahre später wurden wesentliche Einschätzungen der Mainzer
Forschungsgruppe in einem Beitrag bestätigt, den der ehemalige
evangelische Seelsorger von Guntersblum verfaßt hatte. Darin sprach
der Autor mit zwischen den Zeilen deutlich wahrnehmbarer Enttäuschung,
die mit seinem fruchtlosen Engagement für die Aussiedlergemeinde
zusammenhing, dezidiert vom Scheitern der Integration und vom Zerfall
der Gemeinde in zwei Gruppen, die dann zu ihrer Trennung führte.
Enttäuschung und Ratlosigkeit hinsichtlichtlich ihrer ergebnislosen
Bemühungen kennzeichneten die Stimmungslage derer, die sich mit
den rußlanddeutschen Aussiedlern in Guntersblum in den ersten
Jahren nach ihrer Ankunft näher befaßt hatten, und ein gewisses
Maß an Irritation auch das sei nicht verschwiegen
war auch bei dem Mainzer Forscherteam zurückgeblieben.
Mit dem zeitlichen
Abstand von elf Jahren soll nun ein neuerlicher Versuch unternommen
werden, das Phänomen der Freien Evangeliums-Christengemeinde Guntersblum
zu beleuchten, diesmal jedoch stärker fokussiert auf den Umstand,
daß es sich bei dieser Aussiedlergruppe um eine charismatische
Vergemeinschaftung handelt(e), deren Denk- und Handlungsweisen in nahezu
idealtypischer Weise dem Charisma-Konzept Max Webers entsprechen, das
dieser in seinem Werk Wirtschaft und Gesellschaft entworfen
hat. Dieser theoretische Ansatz wurde in den vergangenen drei Jahrzehnten
von den Sozial-, Religions- und Geisteswissenschaften nicht bloß
aufgegriffen und weiterentwickelt, vielmehr avancierte der Begriff des
Charisma zu einem kardinale[n] sozialwissenschaftliche[n]
Gegenstand und zu einem Thema, dessen Analyse geeignet erscheint,
die Grundlagen von ,Kultur selbst zu erschließen:
Wer sich
mit Charisma beschäftigt [...] entdeckt, daß das ,Alltags-Dasein,
das ,Normale, regelmäßig ins ,Zugespitzte,
,Extreme und vice versa umschlägt, daß
die Gegensätze sich berühren und ,Peripheres, ,Abgedrängtes,
wiederkehrt als ,Wertverklärtes, ,Zentrales. [Er]
stellt, mit anderen Worten, fest, daß zwischen ,Himmel
und ,Erde Dinge liegen, die die Sphären verbinden, und
wird lernen, das Wie der Verknüpfungen zu verstehen. Er sieht,
daß die Wirklichkeit nicht nur vielgestaltig, [...], sondern
hintergründig, bis zum Abgrund, gewirkt ist und erfährt,
daß das Alltagsgeschehen, als allgemein vermeintlich Reales,
griffig faßlich erst vom Außer- und Nicht-Alltag, dem
Sinn und Gegensinn überall eingeflochtener, normativer ,Verwirbelungen,
,Schattenseiten und ,Blitze wird.
Es wird zu zeigen
sein, daß sich das Webersche Charisma-Konzept außerordentlich
gut eignet, um einem besseren Verständnis des Guntersblumer Phänomens
näherzukommen.
Das Ziel der Ausführungen
liegt also weniger in einer Diskussion des Konzepts selbst und seiner
Implikationen, sondern in seiner Anwendung zum besseren Verständnis
eines Prozesses, dessen Verlauf alle Beteiligten sowohl die Angehörigen
der Freien Evangeliums-Christengemeinde selbst als auch die Guntersblumer
Altbürger mit gehörigen Überraschungen konfrontierte.
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Mißverständnisse
Am 14. Februar 1989
fand in der Guntersblumer Turnhalle ein außergewöhnlicher
Informationsabend statt, zu welchem 600 Guntersblumer Bürger kamen.
Ebenfalls anwesend waren rund 100 Mitglieder einer deutsch-russischen
Pfingstgemeinde, die an diesem Abend im Mittelpunkt des Interesses standen.
Dieser insgesamt 200 Menschen zählenden Gruppe war ab dem Jahr
1987 die Ausreise aus der damaligen UdSSR erlaubt worden, nach längeren
diplomatischen Querelen, in die sich neben verschiedenen Menschenrechtsorganisationen
auch die damalige Bundesregierung eingeschaltet hatte. In der Bundesrepublik
angekommen, wo sie in den Aussiedler-lagern Speyer und Osthofen untergebracht
waren, bekundete die Gruppe den Wunsch, sich nach Möglichkeit geschlossen
in einem Ort ansiedeln zu wollen.
Von dieser Absicht
erhielt der Guntersblumer Gemeinderat Kenntnis und erblickte darin eine
willkommene Chance. Die Gemeinde hatte Ende der siebziger Jahre ein
Baugebiet für die Ansiedlung von rund 200 Siebenbürger Sachsen
erschlossen, die ihren Entschluß, sich in Guntersblum niederzulassen,
jedoch revidierten und sich anderwärts ansiedelten. Das Bauland
freilich war bereits weitgehend erschlossen, und so war die Gemeinde
auf den Grundstücken und einem beträchtlichen Schuldenberg
sitzengeblieben, der aus den Erschließungskosten herrührte.
Als nun die Pfingstgemeinde an den Gemeinderat mit ihrem Antrag herantrat,
beieinander liegende Grundstücke für 18 Wohnhäuser erwerben
zu dürfen, erschien dies den Verantwortlichen wie ein Geschenk
des Himmels, und der Ratsbeschluß erfolgte einstimmig. Für
die bauwilligen Mitglieder der Pfingstgemeinde war dies gleichermaßen
ein Glücksfall, durften sie sich doch die Grundstücke heraussuchen,
die ihnen zusagten.
Um diese Ansiedlung
drehte sich die mehr als gut besuchte Informationsveranstaltung im Februar
1989, bei der sich die Aussiedler mit ihrem vierstimmigen Chor vorstellten
und über ihre Notzeiten und ihre Verfolgung in der Sowjetunion
berichteten. Der Bürgermeister erläuterte die Modalitäten
der Ansiedlung sowie die Finanzierung der Bauvorhaben, der evangelische
Pfarrer gab eine kurze Einführung zur Pfingstbewegung, und die
Sprecher der Pfingstler sprachen den Guntersblumern ihren Dank dafür
aus, daß ihnen die Möglichkeit geboten würde, nunmehr
mit Gottes Hilfe ein neues Leben ohne Unterdrückung in Deutschland
beginnen zu können. Die Erwartungen auf beiden Seiten waren hoch,
vor allem seitens des Guntersblumer Bürgermeisters, der im Hinblick
auf die Religiosität der Neubürger, auf ihren Fleiß
und ihre Zielstrebigkeit gern von einem Rücktransfer der
Werte und dem Hereinnehmen positiver Kräfte und
mit Blick auf die ausgeprägte Gemeinschaft der Aussiedler als einem
Netz von Verläßlichkeit sprach und ein problemfreies
Zusammenleben von Alt- und Neubürgern prognostizierte.
Vermittlung freilich
war dennoch vonnöten an diesem Abend, denn für ein paar schrille
Töne während der Veranstaltung sorgten die unverhohlen formulierten
Unmutsäußerungen einiger Altbürger, die sich über
die niedrigen Zinsen für die geplanten Häuser mokierten. Nicht
zur Sprache hingegen kamen die Ängste vor einer Ghettobildung im
Neubaugebiet, wie sie bereits zuvor Guntersblumer Bürger in der
lokalen Presse geäußert hatten und die nach wie vor virulent
waren. Andererseits zeigte sich beträchtliche Zustimmung und Akzeptanz
für die Mitglieder der Pfingstgemeinde, die aus der UdSSR nichts
als ihr Handgepäck im Flugzeug hatten mitnehmen können. Umfangreiche
Kleidungs- und Möbelspenden von Guntersblumer Altbürgern machten
die Einrichtung von zwei Möbellagern bis zur Fertigstellung der
Häuser notwendig. Diese Häuser wurden in den Jahren 1989 und
1990 in geradezu atemberaubendem Tempo gebaut. Bereits 1990 benannte
sich die Guntersblumer Pfingstgemeinde um und hieß fortan Freie
Evangeliums-Christengemeinde Guntersblum.
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Der
Hausbau und die ersten Probleme
Mit der Genehmigung
der Baudarlehen durch das Kulturamt Worms begann für die Aussiedler
die Realisierung des Wunsches, zusammen siedeln zu können. Im Unterschied
zu den in den unmittelbaren Nachkriegsjahren entstandenen Neusiedlungen,
deren Bewohner mit wenigen Ausnahmen aus unterschiedlichen Gegenden
der ehemaligen deutschen Ostgebiete, dem Sudetenland, aus südosteuropäischen
Ländern und aus ausgebombten Städten kamen, entstand in Guntersblum
eine kulturell homogene und landsmannschaftlich relativ geschlossene
Siedlung.
Durch die Vermittlung
des Ortsbürgermeisters wurde ein ortsansässiger Architekt
nach Absprache mit den Verhandlungsführern der Pfingstgemeinde
mit der Planung und Baubetreuung der Siedlung beauftragt. Auf Wunsch
der Aussiedler wurden vom Architekten drei Typenhäuser entwickelt.
Es handelte sich bei diesen drei Typen, die alle einen Grundriß
von 11x10 Metern haben, um zweigeschossige und anderthalbgeschossige
Häuser, die einmal mit, einmal ohne ausgebautes Dachgeschoß
konzipiert wurden. Die Auslegung des Hauses wurde durch die Größe
der jeweiligen Familie bestimmt. Durch diese Standardisierung konnten
finanzielle Einsparungen erzielt und bei den beauftragten Baustoffirmen
Preisabschläge ausgehandelt werden.
Im April 1989 wurde
mit dem Bau der ersten Häuser begonnen. Abgesehen von den Erdaushubarbeiten
sowie dem Einbau der Treppenkonstruktionen und den Haustüren wurden
alle Arbeiten von den Aussiedlern selbst geleistet. So wurde z.B. der
Aufriß eines Hauses gegen Entgelt von einem Zimmermann vorexerziert,
die restlichen Aufrisse wurden nach diesem Muster selbst gemacht. Analog
wurde auch bei anderen Arbeiten verfahren, die die Aussiedler (noch)
nicht beherrschten. Der ungewöhnlich hohe Anteil an Eigenleistungen
beim Hausbau stieß anfangs nach eigenem Bekunden auf große
Bedenken seitens des Architekten, da die Bausicherheit und die Einhaltung
der Baupläne in seine Verantwortlichkeit fielen. Kaum einer der
Aussiedler war vorher in einem Bauberuf tätig gewesen. Dazu kam,
daß viele der hier in Deutschland in den Bauhandwerken verwendeten
Materialien, wie z.B. Zement, Fertigbeton, Silikon oder andere Kunststoffe,
in der ehemaligen UdSSR nicht erhältlich und somit den Aussiedlern
bislang unbekannt waren und eine entsprechende Erfahrung im Umgang mit
diesen Werkstoffen fehlte.
Diese anfängliche
Skepsis und die daraus resultierenden Dissonanzen zwischen Bauleiter
und Aussiedlern wichen aber nach kurzer Zeit der Erkenntnis, daß
Zielstrebigkeit, Lernbereitschaft und handwerkliches Geschick der Aussiedler
die genannten Mankos schnell ausglichen. Allgemeine Erfahrungen im Hausbau
hatten die Aussiedler zudem bereits in der UdSSR durch die Umsiedlung
1981 gesammelt, nach der sie sich neue Behausungen unter erheblich ungünstigeren
Bedingungen hatten schaffen müssen. Die interne Bauleitung besorgten
diejenigen Männer der Pfingstgemeinde, deren Kenntnisse der deutschen
Spache am weitesten fortgeschritten waren. Ihre Aufgabe war es, den
anderen die Instruktionen des Architekten nahezubringen, d.h. zu übersetzen,
da die meisten sich zu diesem Zeitpunkt in der russischen Sprache noch
besser ausdrücken konnten als in der deutschen.
Das letzte der 18
Häuser wurde im Oktober 1990 fertiggestellt und bezogen. Die Siedlung
bot allerdings noch längere Zeit das Bild einer Großbaustelle,
da man Arbeiten, die für den Bezug der Häuser nicht unmittelbar
notwendig waren, zurückgestellt hatte, unter anderem auch die Anlage
der durch die Vorgaben der Landsiedlung geforderten Gärten zur
Anerkennung als landwirtschaftliche Nebenerwerbsstelle.
Mit dem Umzug in
die neuen Eigenheime hatte sich einerseits die Wohnsituation der Pfingstgemeinde
entschärft, andererseits mehrten sich aber die kritischen Stimmen
unter den Alteingesessenen. Aus den Umständen, unter denen die
Neubürger gebaut hatten, und aus ihrer Vorgehensweise entwickelten
sich Probleme, welche die Akzeptanz der Guntersblumer Bevölkerung
für die Aussiedler minderten. Ortsansässige Handwerker oder
Baustoffirmen kamen bei den Bauvorhaben der Aussiedler nicht zum Zuge.
Materialien wurden aus Ludwigshafen und Speyer geliefert, Bauhandwerker
waren aufgrund der hohen Eigenleistung nicht oder kaum vonnöten.
Der von lokalen Unternehmern eventuell erhoffte finanzielle Gewinn an
den Bauvorhaben hatte sich nicht realisieren lassen und schürte
die in einigen Kreisen der Einwohner bereits vorhandene Mißgunst
weiter.
Die Ressentiments
betrafen vor allem die Geschwindigkeit, mit der die Aussiedler in der
Lage waren, sich Häuser zu bauen. Obgleich diese Gebäude den
gängigen bundesrepublikanischen Vorstellungen über den Standard
von Neubauwohnungen keineswegs entsprachen, da ihre räumliche Ausdehnung
relativ gering und ihre Ausstattung mit Wohnkomfort einfach gehalten
waren, boten sie Anlaß für offenen Sozialneid. Dieser machte
sich vor allem bei denjenigen Altbürgern bemerkbar, welche die
Neuankömmlinge als Nutznießer und sich selbst als Opfer einer
verfehlten Sozialpolitik sahen. Die Tatkraft der Aussiedler erweckte
zudem Argwohn und Ablehnung auf seiten derjenigen, die sich um Chancen
auf dem Arbeitsmarkt gebracht sahen.
Und mehr noch: Nach
knapp zwei Jahren des Zusammenlebens begann sich die weitgehende Unvereinbarkeit
der Welt- und Lebensauffassungen der Pfingstler einerseits und die der
alteingesessenen Guntersblumer Bevölkerung andererseits herauszustellen:
das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Kulturen brachte zwar Kulturkontakte,
aber ebenso erhebliche Kulturkonflikte mit sich. Die zutage getretenen
Divergenzen könnten vorschnell als Resultat eines gewissen Modernitätsgefälle
zwischen den beiden Gruppen interpretiert werden; doch ließe ein
solches Argument im konkreten Fall den Einfluß der rigorosen Glaubensgrundsätze
der Pfingstler außer acht. Dieser Einfluß, der gar nicht
hoch genug veranschlagt werden kann, wirkte sich sowohl auf die Pfingstgemeinde
selbst, aber eben auch auf das Verhältnis zu ihrer Umwelt aus;
er machte sich zunehmend als Barriere bemerkbar, durch welche sich die
Pfingstgemeinde zu einer isolierten Subkultur innerhalb von Guntersblum
zu entwickeln begann. Die selbstgewählte Isolation der Pfingstler,
ihre Verweigerung der Teilnahme am Guntersblumer Gemeindeleben, stieß
auf Ablehnung und Unverständnis seitens der Altbürger, auch
jener, die sich um den Kontakt mit den Neubürgern bemühten.
Allerdings folgte die unerfreuliche Entwicklung einer gewissen inneren
Logik, und um diese verstehen zu können, muß eine kurze Rückblende
auf die Entstehungsgeschichte der Pfingstgemeinde in der ehemaligen
Sowjetunion und ihre ethisch-religiösen Grundsätze unternommen
werden.
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Rückblende:
Marginalität, Stigmatisierung und das Charisma des Gekreuzigten
in der Sowjetunion
Bis zum Ende des
Zweiten Weltkriegs hatten die Vorfahren der späteren Pfingstler
in der Nähe von Odessa gelebt, wo in den ersten beiden Jahrzehnten
des 19. Jahrhunderts Kolonien der so bezeichneten Schwarzmeerdeutschen
entstanden waren, die es relativ rasch zu beachtlichem Wohlstand brachten.
Unter den Kolonisten hatten sich auch etliche Mennonitenfamilien befunden.
Im Zuge der Deportation der Rußlanddeutschen während des
Zweiten Weltkriegs waren diese Familien in die zentralasiatische Sowjetrepublik
Usbekistan umgesiedelt worden, wo sie als Christen in muslimischer Umgebung
in einem atheistischen Staat lebten. Wohl zurecht weist Barbara Dietz
darauf hin, daß die Entwurzelung der deutschstämmigen Bevölkerung
in der Sowjetunion und ihre räumliche Verschiebung über tausende
Kilometer hinweg zur Folge hatte, daß
sich nicht wenige unter ihnen noch Jahrzehnte nach diesen traumatischen
Ereignissen als ,Verbannte empfanden.
Zwar konnte später
der Trend festgestellt werden, daß Deutschstämmige in steigender
Zahl sich östlich des Urals niederließen, sowohl weil sie
dort leichter Arbeitsplätze bekommen konnten, als auch weil sie
dort weniger Diskriminierung ausgesetzt waren als in Rußland,
wo die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg noch stärker im Gedächtnis
der russischen Bevölkerung verankert war. Dies waren allerdings
freiwillige Migrationsbewegungen unter gänzlich anderen Bedingungen
als sie während der Deportationszeit geherrscht hatten. Viele der
Zwangsumgesiedelten empfanden ihren Aufenthaltsort als Strafe; als Strafe
für eine Schuld, die mit ihrer ethnischen Abstammung zusammenhing
und die auch nach dem Jahre 1964, als von seiten des Staates die kollektiven
Anschuldigungen gegen die in der Sowjetunion lebenden Deutschen zurückgenommen
wurden, ihnen auch weiterhin wenn auch in abgeschwächter
Weise sozial vermittelt wurde. Die Deportierten hatten nach wie
vor eine tendenziell marginalisierte Position innerhalb des sowjetischen
Gesellschaftssystems inne.
In dieser Situation
beschlossen im Jahre 1975 sechs deutschstämmige Familien in dem
usbekischen Dorf Akhangaran bei Taschkent, eine Gemeinde nach neutestamentlichen
Grundsätzen aufzubauen. Unter der Leitung von Victor Walter wollten
sie nach urchristlichen Prinzipien leben. Ihre fundamentalistischen
Grundsätze bezog die Gemeinde aus der Apostelgeschichte, die von
allen Pfingstlern als normatives Protokoll der normativen Urgemeinde
verstanden wird. Hierzu gehörten u.a. eine kommunitäre Form
des Zusammenlebens, das Teilen des Eigentums und in einer religiös
anders eingestellten Umwelt den Glauben zu leben. Ebenso zählten
zu diesen Grundsätzen neben der Lehre der Bekehrung oder Wiedergeburt
auch die sogenannte Geistestaufe, die meist mit dem Zungenreden, mit
Prophetie und Krankenheilung verbunden ist und bei der auf das Pfingsterlebnis
der Apostel rekurriert wird.
Aufgrund dieser
religiösen Ausrichtung, deren unumstrittene Basis die Bibel bildet,
an der keine Kritik erlaubt ist, läßt sich die neuentstandene
Gemeinde von Beginn an als eine charismatische Gemeinschaft im Sinne
Max Webers ansprechen.
Charisma im Weberschen
Sinne bezeichnet eine außeralltägliche Kraft oder Zuständlichkeit,
die bestimmten Gegenständen, Ideen oder Personen zugesprochen wird.
Die Außeralltäglichkeit erlangt diese Kraft dadurch, daß
es immer nur einzelne, wenige, ausgewählte Gegenstände, Ideen
oder Personen sind, die sie besitzen, und daß sie zudem nur in
besonderen, von Weber zumeist als extreme Notlagen beschriebenen Situationen
auftritt. Charisma heißt deshalb nach Max Weber eine
als außeralltäglich
geltende Qualität einer Persönlichkeit [...], um derentwillen
sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder
mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem andern
zugänglichen Kräften oder Eigenschaften [begabt] oder als
gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als Führer
gewertet wird.
Charismatische Qualitäten
können nach Weber aber nicht allein Personen, sondern ebenfalls
Objekten und Ideen anhaften, so daß idealtypisch unterschieden
werden kann zwischen a) Personalcharisma, das bestimmten Menschen zugesprochen
wird, b) Objektcharisma, das bestimmten Naturgegenständen oder
Artefakten innewohnt, und c) Ideencharisma, das konkreten Gedanken oder
Ideensystemen zuerkannt wird. Diese Kategorien sind freilich analytischer
Natur. Zurecht weist W. Gebhardt darauf hin,
daß
charismatische Botschaft, charismatische Stifterfigur und charismatische
Gemeinde nur analytisch zu trennende Tatbestände bezeichnen,
die in der historischen Wirklichkeit zusammenfließen [... und]
sich in ganz verschiedenen Variationen zu konkreten Erscheinungen
[verbinden].
Die Anerkennung
jener außeralltäglichen, gottgesandten Kraft des Charismas
ist eine in Webers Worten
durch Bewährung
[...] gesicherte, aus Hingabe an die Offenbarung, Heldenverehrung,
Vertrauen zum Führer geborene, Anerkennung [...] aus Begeisterung
oder Not und Hoffnung geborene gläubige, ganz persönliche
Hingabe.
Charisma ist allein
ein Phänomen des Glaubens, wodurch eine spezifische soziale Beziehung
zustande kommt. Da für die Gläubigen die charismatische Qualität
göttlichen Ursprungs ist, muß die Hingabe an dieses Phänomen
notwendigerweise absolut sein, die Anerkennung des Charisma ist pflichtmäßig.
Die charismatische Beziehung ist für M. Weber eine emotionale
Vergemeinschaftung , fußend auf dem unerschütterlichen,
radikalen und leidenschaftlichen Glauben an das Charisma und an die
Richtigkeit und Unumstößlichkeit seiner Lehre und seiner
Sendung. Aus diesem Sendungsbewußtsein wiederum entspringt die
Kompromißlosigkeit der charismatisch Begnadeten, sowohl nach innen
als auch nach außen. Die absolute Gewißheit darüber,
einer gerechten Sache zu dienen, fördert die Überwindung
von Schranken und Hemmungen, sie steigert die Leidensfähigkeit
immens, aber auch die Fähigkeit, anderen Leiden zuzufügen.
Diese Merkmale einer
charismatischen Gemeinschaft lassen sich, wie bereits angedeutet, auch
im Fall unserer Pfingstgemeinde nachweisen. Das Zentrum
ihrer Auffassung bildete die charismatische Idee des Urchristentums,
also der reinen und ursprünglichen Form
der christlichen Lehre, die den ganzen Menschen und seine gesamte Lebenspraxis
erfaßt und bestimmt, und an der unter allen Umständen festzuhalten
ist, nötigenfalls auch gegen alle Widerstände der Umwelt.
In der Person Victor
Walters, der als Pastor der Gemeinde fungierte, hatte die Gruppe ganz
offensichtlich auch einen hinreichend charismatisch begnadeten Führer,
der die geforderte Unbeugsamkeit gegenüber weltlichen Autoritäten
beispielhaft vorlebte, wie weiter unten noch zu zeigen sein wird. Die
Bildung einer radikal-christlichen Gemeinschaft hatte in der konkreten
Situation, in der die sechs Familien dies vollzogen, durchaus eine gewisse
Folgerichtigkeit. Von den sowjetischen Behörden einerseits aufgrund
ihres ethnischen Hintergrundes als deutsche Faschisten stigmatisiert
und von ihrer muslimischen Umgebung als Ungläubige
verachtet, kam der Formierung der Pfingstlergemeinde eine Qualität
zu, die sich als Flucht nach vorn interpretieren läßt.
Dieser Schritt kam
einer Selbst- bzw. Gegenstigmatisierung gleich: indem sich die Familien
der charismatischen Botschaft des Evangeliums radikal und konsequent
zuwandten, versetzten sie sich in einen Stand der Gnade, der die sozial
vermittelte Schuld nicht nur umkehrte, sondern überwand.
Ethnische Zugehörigkeit war für die Gläubigen selbst
keine Kategorie mehr, über die sie primär ihre Identität
definierten, sie sahen sich fortan ausschließlich als Mitglieder
ihrer urchristlichen Gemeinde; ihr Gegenüber war von nun an Gott,
und diesem Verhältnis waren alle anderen Beziehungen, auch und
vor allem die zu säkularen Autoritäten, unterzuordnen. Damit
diente der Schritt der Wiederherstellung ihrer verletzte[n], stigmativ
belastete[n], soziale[n] wie personale[n] Integrität ebenso
wie ihrer Selbstachtung und Identität. Gleichzeitig
wurde durch die Gemeindegründung das geschaffen, was P. Berger
und T. Luckmann als Plausibilitätsstruktur bezeichnen:
Die subjektive
Wirklichkeit ist also immer an besondere Plausibilitätsstrukturen
gebunden, das heißt: an die gesellschaftlichen Grundlagen und
gesellschaftlichen Prozesse, die für ihren Bestand erforderlich
sind. Man kann seine Selbstidentifizierung als Mann von Gewicht nur
in einem Milieu erhalten, das diese Identität bestätigt.
Man kann sich seine katholische Religion nur bewahren, wenn man in
Beziehung zur katholischen Kirche bleibt und so weiter.
Mit der Gemeinde
wurde eine soziale Struktur geschaffen, in welcher die symbolische Sinnwelt
des urchristlichen Glaubens in eine subjektive Wirklichkeit überführt
wurde und Bestätigung erfuhr. Es spielt sich exakt der Prozeß
ab, den G.U. Klier folgendermaßen beschrieb: Die biblische
Welt wird zur signifikanten Vergangenheit, die der Pfingstler mit seiner
Gegenwart und Zukunft in Verbindung bringt. Die Gemeindemitglieder
fungierten als die signifikanten Anderen, durch die dem
Individuum die Plausibilitätsstruktur vermittelt wird, sie bildeten
das Milieu, das die notwendige Bestätigung zu liefern imstande
war. Im Kreise dieser signifikanten Anderen konnte nun die von Berger
und Luckmann so bezeichnete Konversationsmaschine geschaffen
werden, d.h. jenes Netz von sprachlichen und affektiven Beziehungen
und Austauschmöglichkeiten, das die subjektive Wirklichkeit
garantiert, modifiziert und rekonstruiert.
Die Gemeinde wurde
damit zu einem Vehikel, das der Verinnerlichung der neuen Plausibilitätsstruktur
diente, die ihrerseits in den Rang der einzigen, der wahren Welt aufstieg,
die alle anderen Welten verdrängte. Diese Plausibilitätsstruktur
stellte somit die wichtigste gesellschaftliche Grundlage für die
Verwandlung der subjektiven Wirklichkeit der Gemeindemitglieder dar,
sie wurde gewissermaßen zum ,Laboratorium der Transformation.
In seiner Chronik
der Guntersblumer Pfingstgemeinde analysiert der niederländische
Autor P. de Bruijne die Jugendarbeit der Gemeinde und kommt zu folgenden
Ergebnissen, deren Nähe zu den Gedankengängen von P. Berger
und T. Luckmann nicht von der Hand zu weisen ist:
Aus der
unmittelbaren Umgebung, aber auch aus weitentfernten Regionen Zentralasiens
reisten viele junge Leute nach Akhangaran, um gemeinsam zu beten,
die Bibel zu lesen und über Gottes Willen nachzudenken. Sie waren
überzeugt, daß eine neue Organisation für die Christen
gefunden werden mußte, damit sie sich weniger isoliert und besser
vorbereitet fühlten, den Verfolgungen der weltlichen Obrigkeit
widerstehen zu können. Gott war dabei, etwas Brandneues zu schaffen.
Die Jugendgruppe der Pfingstgemeinde in Akhangaran war im Begriff,
in ein geistliches Laboratorium heineinzuwachsen, aus dessen Arbeit
ein neuer Typ von Christentum hervorging. Neu für die Sowjetunion,
das heißt, der Typ hatte schon vor 2000 Jahren existiert, wie
die Bibel lehrt.
Indem sich die Pfingstgemeinde
auf das Urchristentum berief und sich in die Nachfolge dieser
seinerzeit ebenfalls verfolgten und drangsalierten Gemeinschaften
begab, konnten die Benachteiligungen und Nachstellungen einer feindlich
gesonnenen Umwelt transzendiert und auf eine höhere Ebene gestellt
werden. Das Unrecht, das ihnen zugefügt wurde, die Nachstellungen
ihrer Umgebung waren jetzt Angriffe auf ihren Glauben, waren Angriffe
auf Jesus Christus, auf den Erlöser selbst. Der erhöhte Druck
von außen hatte jetzt aber den Effekt, daß die Gemeinschaft
der Gläubigen noch enger zusammenstand, noch rigoroser ihren Glauben
lebte, selbst zum Preis der drohenden physischen Vernichtung.
Dies wurde bereits
in den ersten Jahren nach der Gemeindegründung deutlich, als man
sich gegen die von den sowjetischen Behörden geforderte staatliche
Registrierung der Gemeinde sperrte. Damit stellte sich die Gemeinde
wissentlich und willentlich gegen die staatliche Autorität mit
der Begründung, daß die Registrierung die Anerkennung der
gültigen Religionsgesetze bedeutet hätte, wonach die Ausübung
vieler biblischer Grundsätze streng verboten werde, vor allem hinsichtlich
der christlichen Erziehung und des biblischen Unterrichts für Kinder.
Ebenso konsequent wurde von den jungen Männern der Dienst in der
Roten Armee verweigert, eine Haltung, die unweigerlich Haftstrafen
nach sich zog. Hohe Geldstrafen konnten die Gemeindemitglieder nicht
davon abbringen, trotzdem illegale Gottesdienste abzuhalten. Als die
Behörden ihre Repressionen gegen die Gemeinde verschärften,
beschloß die Gemeinde, die mittlerweile bereits 100 Mitglieder
hatte, nach Ostsibirien in die Stadt Tschugujewka umzuziehen, die 320
km nördlich von Wladiwostok nahe des Japanischen Meers liegt, um
dort nach eigenem Bekunden Missionsarbeit zu tun, was freilich nach
sowjetischem Recht ebenfalls illegal war und wodurch ein Mal mehr mit
einer gewissen Zwangsläufigkeit der Konflikt mit den Behörden
programmiert wurde.
Auch in Sibirien
ging der Terror der Staatsmacht gegen die Gemeinde weiter und gipfelte
schließlich in der Drohung des KGB, den Familien die Kinder wegzunehmen,
falls sie weiterhin in der christlichen Lehre unterwiesen würden.
Als 50 Mitglieder der Tschugujewka-Pfingstgemeinde dann im März
1983 ihre Identitätskarten an die Regierung in Moskau schickten
und die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland beantragten, antworteten
die Behörden mit neuerlichen Repressalien: die meisten Männer
verloren ihre Arbeitsstellen, die Familien wurden an den Rand ihrer
Existenzfähigkeit gedrängt. Verschlimmert wurde die Situation
noch dadurch, daß in den beiden folgenden Jahren das Haupt der
Gemeinde, Victor Walter, und acht weitere Männer verhaftet und
in Arbeitslager verbracht wurden.
Durch einen Brief,
den die damals elfjährige Tochter Victor Walters an den damaligen
Bundeskanzler Helmut Kohl schrieb und den die Internationale Gesellschaft
für Menschenrechte veröffentlichte, wurde der Fall zum Politikum.
Hinzu kam ein Film, den der sowjetische Dokumentarfilmer Oleg Lubanov
über die Tschugujewka-Pfingstgemeinde gedreht und außer Landes
geschmuggelt hatte, den der Bayerische Rundfunk sendete. Dadurch war
soviel Öffentlichkeit in der damaligen BRD hergestellt, daß
die Intervention der Bundesregierung die Ausreisegenehmigung für
die Familien im Jahr 1987 erreichte. Ein Jahr später wurde als
letzter auch Victor Walter aus der Haft entlassen und konnte das Land
verlassen. Angeblich verabschiedete der KGB-Offizier, der die Pfingstgemeinde
jahrelang bekämpft hatte, Victor Walter mit den folgenden Worten:
Wir vom
KGB sehen sowohl in dir als auch in deiner Gemeinde Beispiele eines
großen Wunders. [...] Ihr seid die ersten Christen seit der
Oktoberrevolution 1917, die es fertiggebracht haben, daß unsere
Sowjetregierung einen Schritt zurückgegangen ist. Ist dir das
klar? Das allererste Mal in der Geschichte. Ihr habt gewonnen! Wir
haben deshalb allen Respekt vor euch. Wie wahrhafte Helden habt ihr,
euer Ziel vor euch, durchgehalten. [...] Und ich denke, wir waren
im Irrtum. Wir hatten gedacht, wir könnten euch zerbrechen wie
andere Christen, aber zum ersten Mal hatten wir keinen Erfolg.
Im Bewußtsein
dieses Triumphes kamen die Mitglieder der Pfingstgemeinde in die Bundesrepublik.
Gesiegt hatte die unbändige Kraft des Glaubens über den Machtapparat
eines (zerfallenden) Imperiums, die außeralltägliche Kraft,
das Charisma, über die Institution, die fundamental-christliche
Gemeinschaft über die atheistische Gesellschaft.
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Enttäuschungen
Die Schwierigkeiten,
denen sich die Mitglieder der Pfingstgemeinde nach ihrer Niederlassung
in Guntersblum gegenübergestellt sahen, waren gänzlich anderer
Natur, als sie dies aus der Sowjetunion gewohnt waren. Mit ihrer Ankunft
in der Bundesrepublik und ihrer Ansiedlung in Guntersblum stand die
Gemeinde quasi über Nacht im Zentrum des Medieninteresses, für
alle Gemeindemitglieder eine völlig neue, ungewohnte Erfahrung:
überregionale Zeitungen, alle gängigen Illustrierten, kirchliche
Presse, Rundfunk- und Fernsehteams verschiedener deutscher Sendeanstalten
und sogar aus den USA kamen nach Guntersblum, um Berichte und Reportagen
über die Gemeinde zu machen.
Der anfänglichen
Freude über die unerwartete Aufmerksamkeit der Medien und über
die Möglichkeit, wie sie glaubten, auf diese Weise ihren Glauben
und ihr wunderbares, gottgelenktes Schicksal der Öffentlichkeit
verkünden zu können, folgten relativ rasch enttäuschende
Einsichten. An ihren Glaubensüberzeugungen waren die Journalisten
weniger interessiert als an Sensationsberichten, und einige der publizierten
Berichte waren nicht nur reißerisch, sondern zeigten darüber
hinaus eine Tendenz zur Verleumdung.
Die Reaktion der
Gemeinde war nur zu verständlich: man lehnte weitere Interviews
kategorisch ab. Der Grundstein für die Abschottung der Gemeinde
nach außen war gelegt. Um die Problematik der Pfingstgemeinde
besser erfassen zu können, soll im folgenden deren oben bereits
kurz angesprochene religiöse Ausrichtung näher beleuchtet
werden.
Seitenanfang
Struktur,
Hierarchie und die alltägliche Praxis des Glaubens
Die Organisation
der Guntersblumer Gemeinde gleicht in ihrer Struktur und Aufgabenverteilung
derjenigen sowjetrussischer Pfingstlergemeinden, wie sie von William
C. Fletcher beschrieben wurde.
Oberhäupter
der Gemeinde sind zwei Pastoren, die für das geistliche Leben der
Gemeinde und für die geistliche Arbeit zuständig sind. In
ihren Aufgabenbereich fällt u.a. die Einsegnung von Häusern,
das Predigen, die Schriftauslegung, das Taufen und das Einsegnen von
Kleinkindern. Die Pastoren werden ihrerseits vom Bischof eingesegnet.
Von einem Klerus im herkömmlichen Sinn kann dennoch nicht gesprochen
werden, und eine formale Ausbildung zum Pastor gibt es nicht. Vielmehr
wird die Lebensführung der Pastorenanwärter über längere
Zeit hin von der Gemeinde genau beobachtet und auf ihre Tauglichkeit
für die Vorbildfunktion, die sie erfüllen müssen, geprüft.
Sie unterliegen dadurch einer immensen sozialen Kontrolle, die sich
auch nach Antritt des Amtes kaum abschwächt. Eine wichtige Rolle
spielt auch die Kompetenz, die die Pastoren in Fragen des Glaubens und
der Bibelauslegung aufweisen müssen. Pastoren sind in ihren Entscheidungen
autonom, Bischöfe haben ihnen gegenüber keine Weisungsbefugnis.
Neben den beiden
Pastoren gibt es mehrere Diakone, deren Aufgabenbereich die Organisation
der körperlichen Arbeit umfaßt und die von den
Pastoren eingesegnet werden. Sie sind in gewissem Sinn die
Manager der Gemeinde, was in der Arbeitsorganisation während
des Hausbaus sichtbar wurde. Zusätzlich zu diesen säkularen
Aufgaben haben sie den Auftrag, zu predigen und bei der Gestaltung der
Gottesdienste mitzuwirken. Auch ihre Auswahl erfolgt nach dem oben aufgeführten
Kriterium der vorbildlichen Lebensführung und der Glaubenskompetenz.
Nach den Diakonen
folgen in der Hierarchie der Gemeinde die Jugend- und Chorleiter. Aufgabe
der Jugendleiter ist die religiöse Unterweisung der Kinder und
Jugendlichen, die in drei Gruppen durch Lieder, Geschichten und Gedichte
unterrichtet werden.
Alle Funktionsträger
müssen von der Gemeinde gewählt werden, d.h. konkret, daß
die Versammlung aller männlichen Vollmitglieder der Gemeinde über
die Anwärter auf ein Amt beraten und über ihre Eignung abstimmen.
Die Versammlung bestimmt auch über die Mitgliedschaft in der Gemeinde.
Die Hierarchie innerhalb der Gemeinde wird in den Gottesdiensten äußerlich
symbolisiert durch die Positionierung der Amtsträger im Raum. Sie
präsidieren an einem Tisch mit dem Gesicht den Frauen
und Kindern zugewandt. Hinter ihnen sitzen die männlichen Vollmitglieder.
Eine andere äußerliche Symbolisierung, wie etwa ein Ornat
bei katholischen Priestern oder einen Talar bei evangelischen Geistlichen,
gibt es nicht.
Im Mittelpunkt der
Glaubenssätze stehen die Ausgießung des Heiligen Geistes
(Apostelgeschichte 2) und die damit verbundenen Geistesgaben
der Zungenrede und der Weissagung. Die Zungenrede gilt als Zeichen für
die Ungläubigen (womit alle Nicht-Pfingstler gemeint sind) und
als Zeugnis für den Empfang des Heiligen Geistes (1. Kor. 14, 22).
Die Weissagung gilt hingegen als Zeichen für die Gläubigen.
Auch das laute Beten im Gottesdienst gilt als Zungenrede, daneben gibt
es aber auch das sogenannte Beten aus dem Sinn, womit feste
Gebetsformeln gemeint sind. Beide Gebetsformen haben ihren festen Platz
sowohl im rituellen Kontext des Gottesdienstes als auch im Alltag der
Gemeinde, bei der Arbeit wie auch im familiären Rahmen.
Die Einbindung in
die Gemeinde erfolgt früh und ist für alle Gemeindemitglieder
sehr umfassend. Chorstunden finden einmal wöchentlich statt, Gebetsstunden
jeden Dienstag und Freitag. Im Gegensatz zum bundesrepublikanischen
Trend, der die kirchliche Bindung und den Gottesdienstbesuch zu einem
Merkmal der Alterskultur, scharf abgetrennt von einer weitgehend
entkirchlichten Jugend hat werden lassen, sind die Kinder und
Jugendlichen der Pfingstgemeinde aktiv am Gemeindeleben beteiligt. Kinder
werden im zweiten oder dritten Monat nach ihrer Geburt vom Pastor eingesegnet,
was als Versprechen der Eltern gilt, das Kind religiös zu erziehen.
Die religiöse Unterweisung erfolgt während der Woche durch
die Jugendleiter der Gemeinde. Einmal pro Woche findet der Jugendtreff
für die Nichtgetauften statt, in derselben Frequenz wird die Kinderstunde
abgehalten. Zusätzlich zum üblichen Sonntagsgottesdienst gibt
es eigene Kindergottesdienste.
Die Pfingstler lehnen
die Kindertaufe ab und praktizieren stattdessen die Erwachsenentaufe
oder wie sie es selbst nennen die Großtaufe.
Erst mit der Taufe wird man Vollmitglied. Mit vierzehn bis sechzehn
Jahren beginnt für die Jugendlichen das Streben nach der
Empfängnis des Heiligen Geistes. Diese Zeit vor der Taufe,
in der noch mehr gebetet werden muß, dient als Vorbereitungszeit
für die Initiation in die Gemeinschaft. Vorher entscheidet die
Gemeinde, ob die Lebensführung den Erwartungen entspricht und ob
die religiöse Bemühung des Initianden ausreichend waren. Wenn
diese Fragen negativ beantwortet werden, wird die Taufe suspendiert
und eine weitere Vorbereitungszeit von einem halben bis einem 1 Jahr
beschlossen.
Das zweite Sakrament,
das von der Gemeinde akzeptiert wird, ist das Abendmahl. Es wird zirka
zehnmal im Jahr gefeiert, so z.B. vor Ostern und vor Pfingsten. Das
Abendmahl wird in einem besonderen Gottesdienst begangen, zu dem nur
die getauften Vollmitglieder Zugang haben. Auch bei diesem Sakrament
gibt es eine Vorbereitungs- oder Reinigungsphase, die dem eigentlichen
Ritual des Abendmahlgottesdienstes vorangeht. Wie bei anderen Konfessionen
wird in dieser Vorbreitungsphase gebetet und Buße getan. Bei diesen
Bußübungen werden unter anderem auch öffentliche Abbitten
geleistet. Man gesteht sich gegenseitig Fehlverhalten ein, dessen man
sich dem Betreffenden gegenüber schuldig gemacht zu haben glaubt.
Diese Praxis hat eine nicht zu übersehende soziale Dimension: indem
man öffentlich beichtet und verzeiht, werden Selbstbezichtigung
und Vergebung zum sozialen Ereignis, die Konversationsmaschine
läuft bei diesen Bußübungen auf Hochtouren und reproduziert
die Plausibilitätsstruktur.
Die Herstellung
von Öffentlichkeit stärkt und wertet die Kontrollfunktion
(und -möglichkeit) der Gemeinde immer wieder auf. Die göttliche
Verzeihung der Schuld setzt die Verzeihung seitens des verletzten Mitmenschen
voraus. Für das Individuum bedeutet dies, daß durch die öffentliche
Buße der soziale Druck zunimmt zumindest nicht nachläßt.
Der Zusammenhalt der Gemeinde wird gestärkt und bestätigt,
indem das Zusammenleben auf ein neues, gereinigtes Fundament gestellt
wird.
Zentraler Termin
und Treffpunkt der gesamten Gemeinde ist der Sonntagsgottesdienst, der
bis Ende 1991 im Saal des evangelischen Gemeindehauses stattfand und
von da ab in der neuerbauten, eigenen Kirche. Die Abwesenheit von Bildern
wird mit dem Verbot der Anbetung von Ikonen oder Heiligenbildern begründet.
Eine Liturgie im engeren Sinn fehlt. Die wichtigsten Elemente eines
Gottesdienstes sind Bibellesung, Auslegung des Bibelworts, Predigt,
Gebet, Chorgesang und Gemeindegesang. Das Gebet, vor allem die Glossolalie,
zeigt die intensive emotionale Beteiligung , mit der die
Gemeindemitglieder dem Gottesdienst folgen. Die Dauer eines Gottesdienstes
schwankt zwischen zwei und drei Stunden eine durchaus normale
Zeitspanne für Pfingstlergottesdienste. Den meisten Teil der Zeit
füllen die Wortbeiträge der Pastoren und Diakone oder der
anwesenden Gastprediger aus befreundeten Gemeinden. Häufig enthalten
diese direkten persönlichen Bezug, indem von eigenen religiösen
Erfahrungen berichtet oder Zeugnis von der eigenen Bekehrung abgelegt
wird.
Wie andere Pfingstgemeinden
in der ehemaligen Sowjetunion auch, wies die Guntersblumer Pfingstlergemeinde
eine chiliastische Ausrichtung auf, was in ihren Gottesdienten sowohl
in den ausgewählten Bibelstellen als auch in den Predigten zum
Ausdruck kam. Immer wieder wurde die Endzeit thematisiert
und Anzeichen für das bevorstehende Weltenende herausgestrichen.
Zwar wurde im Gegensatz zu anderen Pfingstgemeinden kein konkretes Datum
für die Erfüllung der millenarischen Erwartung genannt, doch
wurden aktuelle politische Krisen konsequent in dieser Richtung gedeutet.
So wurde beispielsweise der (erste?) sogenannte Golfkrieg
von 1991 als ein solches Zeichen gedeutet. In Verbindung mit dem Entwerfen
apokalyptischer Szenarien erfolgte stets der Hinweis auf das Erwähltsein
der Gemeindemitglieder.
Bereits in der Sowjetunion
war eine Gemeindeordnung zusammengestellt worden, die das Leben in der
Gemeinde regelte. Gemäß der Doktrin der Pfingstgemeinden,
daß alles, was in der Bibel steht,[...] wahr und zuverlässig
[ist]... , wurden die Paragraphen dieser Ordnung aus der Bibel
entnommen. Einige dieser Ge- und Verbote sind in ihrem Rigorismus auch
für den außenstehenden Beobachter augenfällig. Ein Grundsatz,
den die Guntersblumer Gemeinde mit den meisten anderen Pfingstgemeinden
teilt, betrifft die Genußmitteltabus, die vor allem die Verbote
des Genusses von Alkohol und Tabak betreffen. Mit der rigorosen Abstinenzforderung
bezüglich des Genußmittels Alkohol stellte sich die Gemeinde
gegen eine gesellschaftlich akzeptierte Praxis des Feierns, was angesichts
der Tatsache, daß sie sich in einem Weinbauort angesiedelt hatte,
für eine gewisse Brisanz sorgte.
Zu den besonders
streng gehandhabten Bereichen zählen Sexualität und Erotik.
Hier finden sich Tabus, die von der Haartracht bis zum Sexualleben der
Ehepartner regulierend wirken. Frauen ist das Tragen von Hosen generell
untersagt. Zur Begründung wird angeführt, daß es biblisches
Gebot sei, daß Frauen keine Männerkleidung tragen sollten
und umgekehrt. Frauen müssen ihre Haare lang tragen, Männer
kurz. Zudem müssen Frauen beim Gebet ihr Haupt bedeckt haben, Männer
dürfen nur barhäuptig beten (1. Kor. 11, 1-17).
Die Frauen und Mädchen
der Guntersblumer Pfingstgemeinde trugen in den ersten Jahren in Guntersblum
auch im Alltag und außerhalb der Gottesdienste blau- oder pinkfarbene
Chiffon-Kopftücher, unter denen ihr Haar verborgen war, was sie
auch für Außenstehende bei ihren Besuchen in der nahegelegenen
Landeshauptstadt Mainz sofort als Pfingstlerinnen erkennbar
machte. Kleinere Mädchen tragen Zöpfe. Im Gegensatz dazu hat
die Ablehnung der Männer, Krawatten zu tragen, keinen direkten
religiösen Hintergrund. Dies sei, so wurde gesagt, ein Relikt aus
der Zeit in der Sowjetunion.
Strikt abgelehnt
wird jede Form von Empfängnisverhütung. Der daraus resultierende
Kinderreichtum stellte eines der auffallendsten Merkmale der Gemeinde
dar. Im Gegensatz zum bundesrepublikanischen Trend hatten die Familien
zwischen sechs und zwölf Kinder, und sorgten damit für nicht
wenig Aufsehen.
Damit in Zusammenhang
ist auch die Rolle der Frauen zu sehen, deren Aufgaben im Gebären
und in der Erziehung der Kinder liegt. Mit biblischer Begründung
aus dem 1. Korintherbrief des Apostels Paulus eure Weiber
lasset schweigen in der Gemeinde (1. Kor. 14, 34) und einem
Weibe gestatte ich nicht, daß sie lehre (1. Tim. 2, 12)
von den Ämtern der Gemeinde ausgeschlossen, haben sie eine
Kontrollfunktion: sie sind für die Ermahnung der Brüder
zuständig. Ansonsten sind sie an den Haushalt gebunden und tun
dort ihre wichtige Arbeit, wie man uns im Interview erläuterte.
Aus diesen Wertvorstellungen heraus erklärt sich auch der Umstand,
daß die jungen Frauen ihre Berufstätigkeit aufgeben, sobald
sie heiraten.
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Alte
Gewißheiten und neue Realitäten
Aufgrund ihrer fundamentalistischen
Glaubensüberzeugungen versuchte die Gemeinde, auch in der neuen
Umgebung den engen Konnex zwischen religöser Überzeugung und
alltäglichem Handeln zu erhalten, stieß dabei aber auf Probleme,
die sich für ihren Zusammenhalt als prekärer erwiesen, als
dies die physischen Bedrohungen in ihrem Herkunftsland gewesen waren.
Im Sinne des Weberschen
Charisma-Konzepts bedeutete die Herausforderung, der sich die Pfingstgemeinde
in Guntersblum gegenübergestellt sah, den Umgang mit dem Problem
der Veralltäglichung des Charisma . Dieses Problem
entsteht immer dann, wenn eine spontane, labile, ephemere charismatische
Beziehung den Charakter einer Dauerbeziehung annimmt. Im Zuge dieses
Veralltäglichungsprozesses, der eine unter mehreren Formen
der Umbildung des Charismas darstellt, vollzieht sich eine grundlegende
Wandlung: das Charisma verebbt und wird durch Traditionalisierung oder
Rationalisierung (Legalisierung) ersetzt. Veralltäglichung beginnt
nach M. Weber bereits zu dem Zeitpunkt, wenn aus einer rein spontanen,
aktuellen charismatischen Beziehung eine Dauerbeziehung wird, und dies
ist genaugenommen bereits bei der Bildung einer charismatischen Gemeinde
der Fall.
Diese Tendenzen
der Veralltäglichung, die in der damals, 1991, immerhin bereits
länger als anderthalb Jahrzehnte bestehenden Gemeinde hätten
wirksam werden können, wurden in der Sowjetunion durch die existenzielle
Notlage und den immensen Druck, dem die Gemeinde von außen ausgesetzt
war, praktisch ausgeglichen. Eventuelle Zweifel an der Plausibilitätsstruktur,
an der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges, zerstreute quasi der unterdrückende
Staatsapparat mit seinen Repressionen für die Gemeindemitglieder.
Hinzu kam, daß trotz (oder gerade wegen?) dieser prekären
Situation immer mehr Gleichgesinnte zur Pfingstgemeinde in Tschugujewka
hinzustießen und den Weg der Selbststigmatisierung wählten.
Das Charisma bewährte sich, der Sendungsanspruch, mit dem jedes
Charisma auftritt, gleich ob in Gestalt einer Person oder einer Idee,
hatte sich als erfolgreich erwiesen, und es waren keineswegs ausschließlich
Rußlanddeutsche, auf die die Missionsierungsbemühungen der
Pfingstgemeinde in Usbekistan und Sibirien Eindruck machten, d.h. das
Charisma des Gekreuzigten nivellierte die Unterschiede der ethnischen
Herkunft auf ein Minimum.
In der neuen Heimat
Guntersblum veränderten sich diese Gegebenheiten nachhaltig. Zwar
ließ der staatliche Druck auf die Religionsgemeinschaft einerseits
nach und hinterließ damit ein gewisses Vakuum, indem die jahrelang
gepflegte Dichotomie schlechter Staat / gerechte Christen
nicht nur ins Wanken kam, sondern gänzlich einzustürzen drohte.
Andererseits wurde in der ersehnten und errungenen Freiheit des Westens
Ethnizität für die Pfingstgemeinde unversehens wieder zu einem
Thema, das sich den kommunitären und egalitären Prinzipien
der Gemeinde in den Weg stellte. Etwa ein Fünftel der Gemeindemitglieder,
nämlich diejenigen mit russischer Abstammung, kam weder in den
Genuß von Bauplätzen und Darlehen noch anderer sozialer Leistungen,
wie etwa unentgeltlicher Sprachkurse in der Gemeinde entstand
eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Da diese Familien an der gemeinsamen
Ansiedlung im Baugebiet keinen Anteil hätten haben können,
wurden die russischen Familien soweit dies möglich war
in die neuen Häuser mit aufgenommen. Ebenso wurden Glaubensbrüder
und -schwestern mitversorgt, die später ausreisten und deren Asylanträge
sich zum Teil zum Zeitpunkt der Ansiedlung in Guntersblum noch in Bearbeitung
befanden. Auch hier warteten Enttäuschungen: einige der Anträge
wurden von den deutschen Behörden abgelehnt.
Die religiösen
Überzeugungen der Pfingstgemeinde und vor allem der Rigorismus,
mit dem diese nach innen wie nach außen vertreten wurden, brachten
die Gemeindemitglieder binnen kurzer Zeit in eine schwierige Situation
und in Konflikt mit ihrer neuen Umgebung. Vor allem der für sie
ungewohnt freizügige Umgang mit Sexualität und Erotik in der
sie umgebenden Gesellschaft bedeutete für sie eine Gefahr. Leichte
oder gar offenherzige Frauenkleidung im Sommer waren für
die Pfingstler keine Äußerlichkeit und schon gar keine Privatsache,
über die man hinwegsehen konnte, sondern sie faßten sie als
Verletzung heiliger Gefühle auf. In den Augen der Erwachsenen waren
dies schlimmere Bedrohungen für die Jugend als die Repressionen,
denen sie in der Sowjetunion ausgesetzt waren. Die Selbstverständlichkeit,
mit der hierzulande massenhaft Ehen ohne Trauschein geführt
werden, die hohe Scheidungsrate, alleinerziehende Mütter und andere
für sie äußerst beunruhigende, ihren eigenen Auffassungen
völlig zuwiderlaufende Verhältnisse (etwa die allgegenwärtigen
Erscheinungen der westlichen Popkultur), stürzten die Gemeindemitglieder
in völlige Verunsicherung. Nach ihrem Verständnis waren Ehescheidung
und Hurerei schwerste Verfehlungen und damit Gründe,
um aus der Gemeinde ausgeschlossen zu werden. Dieses Bewußtsein
wiederum prägte alle Außenkontakte, die stets von der Angst
und der lähmenden Sorge um die moralisch-religiöse Integrität
ihrer Kinder geprägt waren.
Die latente Konfliktsituation,
in der die Gemeinde mit der sie umgebenden Gesellschaft und deren kulturellem
Pluralismus lebte, wurde manifest an dem unvermeidlichen, gesetzlich
vorgeschriebenen Schnittpunkt: der Schule. Dort, aber auch bereits im
Kindergarten, bahnten sich Dauerkonflikte an. Geradezu als Horror und
Teufelswerk wurde der Sexualkundeunterricht in der Schule betrachtet,
eine Gefährdung, der man die Kinder keinesfalls aussetzen wollte.
Da den Gemeindemitgliedern das Vertrauen in die Integrität der
Pädagogen völlig fehlte, vor allem dann, wenn diese auch noch
in moderner Kleidung oder mit flottem Haarschnitt auftraten, waren Autoritätskonflikte
unvermeidbar, da den Kindern keineswegs vorenthalten wurde, was von
diesem Erziehungspersonal zu halten war. Die Folge waren massive Disziplinschwierigkeiten
in den Schulen, und selbst im Kindergarten tadelten die kleinen Buben
und Mädchen ihre Erzieherinnen wegen ihres Make-ups, lackierter
Fingernägel, wegen Ringen an Fingern und Ohren oder weil sie
wie die meisten jungen Frauen heute Hosen trugen.
Verschärfend
kam hinzu, daß die Kinder der Pfingstler in den Schulklassen ihrerseits
zur Zielscheibe der Abneigung und des Spotts wurden, da sie mit Hygienestandards
aufgewachsen waren, die Kleidungswechsel und Duschbäder nicht in
der Frequenz vorsahen, die hierzulande gängigerweise üblich
ist. Hinzu kamen sprachliche Probleme, welche die ohnehin problematische
Kommunikation noch zusätzlich erschwerten. (Untereinander sprechen
die Guntersblumer Pfingstler auch heute, vierzehn Jahre nach ihrer Ankunft
in der damaligen Bundesrepublik, noch russisch.) Versuche seitens der
Schulleitung, des Kindergartens, der Ortsgemeinde und des evangelischen
Pfarrers, klärende Gespräche mit den Eltern der Kinder und
mit den Sprechern der Pfingstgemeinde zu initiieren, blieben größtenteils
erfolglos, ein sogenannter Runder Tisch, wie er dem Guntersblumer
Ortsbürgermeister vorschwebte, kam nie zustande. Und dies kann
nicht verwundern: bei diesen Gesprächen wäre es ohnehin um
Positionen gegangen, die für das Selbstverständnis der Pfingstgemeinde
zentrale Bedeutung einnahmen und deshalb keinesfalls verhandelbar waren.
Aus demselben Grund
konnte die Werbeaktion der Guntersblumer Vereine bei der Pfingstgemeinde
keinen Erfolg haben, obwohl die Vereine als Zeichen des guten Willens
und als Integrationshilfe, aber in völliger Verkennung der fundamentalistischen
Ausrichtung der Neubürger, beitragsfreie Mitgliedschaft angeboten
hatten. Insbesondere die gesellige Komponente des Vereinslebens hätte
gegen die Grundprinzipien der Gemeinschaft grob verstoßen. Forderungen
nach Toleranz konnte seitens der Pfingstler gar nicht nachgekommen werden,
denn Duldsamkeit, Nachsicht, Liberalität oder gar Freizügigkeit
wären gleichzusetzen gewesen mit Verrat an der reinen
Lehre und derlei Versuchungen hatte die Gemeinde schließlich
in der alten Heimat von Beginn ihres Daseins an unter wesentlich
schlimmeren Bedingungen erfolgreich widerstanden. Weshalb also sollte
der rechte Glaube nun aufs Spiel gesetzt werden?
Begegnungen mit
alteingessenen Bürgern blieben relativ selten und waren eher auf
spontane Zusammentreffen beschränkt. Als Gruppe nahm die Pfingstgemeinde
lediglich mit der evangelischen Kirchengemeinde Kontakt auf und an Erntedankgottesdiensten
teil. Heiraten zwischen Pfingstlern und Einheimischen waren nach so
kurzer Zeit ohnehin nicht zu erwarten, und überdies hätte
die Ehe mit einem Ungläubigen (also jemandem, der nicht
einer Pfingstgemeinde o.ä. religiösen Gruppierung anhört)
den sofortigen Ausschluß für die betreffende Person aus der
Gemeinde zu Folge gehabt.
Ansonsten blieb
das Verhältnis der Gemeinde zur übrigen Guntersblumer Bevölkerung
distanziert bis gleichgültig. William C. Fletcher beschreibt diese
unter Pfingstlern in der Sowjetunion weit verbreitete Haltung. Er generalisiert
sie dahingehend, daß Pfingstler sich nicht um die Gesellschaft
kümmern, sondern stattdessen ihre Aufmerksamkeit auf Gott konzentrieren,
da sie in dieser Welt nur Unglück, Lügen und Leiden
erwarten können , keine gute Basis für eine befriedigende
Integration.
Die Situation begann
sich nur wenige Jahre nach der Ansiedlung innerhalb der Pfingstgemeinde
negativ auszuwirken. Die strikte Grenzziehung zwischen der Gemeinde
und der umgebenden Gesellschaft, zwischen innen und außen, gut
und böse, war immer schwerer aufrecht zu erhalten und verstärkte
das Gefühl der Verunsicherung. Ausdruck fand dies in den Themen
der Predigten, die sich in wachsendem Maße um die Frage der Sünde,
des eigenen Schuldigwerdens, des Abweichens vom rechten Glauben drehten.
Der hohe soziale Druck, der Zwang zur Konformität, der ohnehin
innerhalb der Pfingstgemeinde herrschte, wurde durch diese Unsicherheit,
hervorgerufen durch das Gefühl der äußeren Bedrängtheit,
noch weiter erhöht, und obwohl die Konversationsmaschine
noch schneller als gewöhnlich lief, traten Risse in der Plausibilitätsstruktur
zu tage. Auch das paulinische Spontaneitätsritual der
Glossolalie, eingesetzt als Mechanismus und Strategie, den Veralltäglichungsprozeß
zu stoppen, versagte bei Teilen der Gemeinde in seiner Wirkung.
Es begann sich zu
zeigen, daß die Frage der Anpassung an die neue Umgebung keineswegs
mehr einheitlich von allen Gemeindemitgliedern beantwortet wurde. Und
es zeigte sich gleichermaßen, daß die Gegensätze innerhalb
der Gemeinde ebenso wenig auf dem Wege eines Kompromisses überwunden
werden konnten wie die Gegensätze, die sich nach außen hin
präsentierten.
Eine Gruppierung
innerhalb der Gemeinde war zur Akzeptanz der Bedingungen, unter denen
sie jetzt lebten, bereit und zeigte sich willens, den Prozeß der
Veralltäglichung ihrer charismatischen Gemeinde und des Kompromisses,
der dafür notwendig war, nicht aufzuhalten und den Weg der Entradikalisierung
und Domestikation des reinen Charisma einzuschlagen.
Demgegenüber berief sich die fundamentalistische Gruppierung auf
die charismatische Charta des Urevangeliums, von der nicht abzuweichen
war: die Pfingstgemeinde begann, sich zu spalten. Dieser Spaltungsprozeß
fand in den Jahren zwischen 1995 und 1997 seinen Höhepunkt und
sinnfälligen Ausdruck darin, daß die Bewahrer der Ursprungsbotschaft
die sich ihnen bietende Gelegenheit ergriffen, ihre gerade neu erbauten
Häuser zu verkaufen und nach Kanada weiterzuwandern, um dort ungestörter
nach den Prinzipien zu leben, die sie hier bedroht sahen. Es verließen
rund hundert Personen Guntersblum, unter ihnen beide Pastoren und Sprecher
der Gemeinde.
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Fazit
und Nachsatz
Die Freie Evangeliums-Christengemeinde
Tschugujewka II in Guntersblum durchlief binnen weniger Jahre eine stürmische
Entwicklung, die sich vermittels des Weberschen Charisma-Konzeptes schlüssig
analysieren und erklären läßt.
Am Ausgangspunkt
stand die in der UdSSR in einem Akt der Selbststigmatisierung gegründete
aktuell-charismatische Gemeinschaft, die sich ihrer drohenden physischen
Vernichtung durch die Übersiedlung in die damalige Bundesrepublik
entziehen konnte. Hier angekommen, setzte der im wesentlichen
durch äußere Einflüße initiierte Prozeß
der Veralltäglichung ein, aus dem die Spaltung der Gemeinde resultierte.
Während die
in Guntersblum zurückbleibende Gemeinde sich dem Prozeß der
Veralltäglichung fügte, indem sie ihren Anspruch auf die vollständige
und totale Bewahrung der Ursprungsbotschaft aufgab und sich einem allmählichen
Integrationsprozeß nicht länger entzog, bildeten die nach
Kanada Weitergewanderten eine Gemeinschaft, in der das Charisma als
Lebensform weiterexistiert. Sie versuchten nicht, den revolutionären
Geist des reinen Charisma zu transformieren, sondern diesen
zu erhalten, einzufangen und ihn in einer Form der strukturierten
Anti-Struktur auf Dauer zu bewahren. Ob dieser Balance-Akt gelingt,
bleibt abzuwarten, denn die Dialektik zwischen Erhaltung des Ursprungscharisma
einerseits und seiner dauerhaften Sicherung andererseits trägt
den Spaltpilz in sich, der jeder charismatischen Lebensform eigen ist.
In der Gruppe der
verbliebenen Pfingstler hat sich seit etwa drei Jahren ein augenfälliger
Wandel vollzogen: Frauen und junge Mädchen haben die bunten Chiffon-Kopftücher
abgelegt, die sie bis dahin wie ein Erkennungszeichen getragen hatten.
Über das Motiv dazu, ob und welche Veränderungen sich darüber
hinaus ereignet haben, können zum gegenwärtigen Zeitpunkt
kaum Aussagen getroffen werden.
Nach wie vor bestehen
kaum Kontakte zwischen Alt- und Neubürgern, im öffentlichen
Leben des Ortes treten die Mitglieder der Pfingstgemeinde nach wie vor
nicht in Erscheinung, und ihre Umgangssprache untereinander ist immer
noch russisch. Allerdings erscheint mir das Ablegen der Kopftücher
für sich allein bereits bemerkenswert genug, da es auf einen deutlichen
Einstellungswandel hinweist, und zwar nicht nur seitens der jungen Frauen,
die ihn vollzogen haben, sondern auch seitens der anderen Gemeindemitglieder,
die dies akzeptieren.
Es scheint, als
machten sich die in Guntersblum verbliebenen Mitglieder der Pfingstgemeinde
langsam auf den langen Weg zu einem integrierten Zusammenleben, auf
der Grundlage ihrer religiösen Überzeugungen, aber vielleicht
mit weniger Angst vor Sünde und Teufelswerk.
Der vollständige
Artikel von Thomas Schneider ist in Heft 17/2 2002, Seite 59-85, abgedruckt.
Das Heft kann per
Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.
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