Ausgabe 17/2 2002
Alfred Schrick:
Damals.
Kindheits- und Jugenderinnerungen an das Alsenzer Bahnhofsviertel
und drumherum (1919-1933).
Mainz, 2. Auflage 2002, 199 Seiten, 15 Abbildungen
Rezension von Michael
Simon
Wenn in Afrika ein
alter Mann stirbt, gleicht dieser Verlust dem Abbrennen einer ganzen
Bibliothek in Europa, hieß es früher in der Ethnologie. Mittlerweile
ist bekannt, daß auch in unseren sogenannten Hochkulturen mit
einer ausgeprägten Schriftlichkeit längst nicht alles Wissen
und alle Erfahrungen festgehalten werden, die es verdienen, an die nachfolgenden
Generationen weitergegeben zu werden.
Ein besonderes Bewußtsein
dafür hat neben der Volkskunde, die seit ihren Anfängen den
Erzählungen des "Volkes" zugehört und diese niedergeschrieben
hat, die Geschichtsforschung "von unten" geschaffen sowie
die vielerorts entstandenen Geschichtswerkstätten, die seit den
1970er Jahren in zahllosen regionalen und kommunalen Projekten die Produktivität
dieses Ansatzes verdeutlicht haben. Aus den lesenswerten Texten dieser
Provenienz wissen wir um ihre Bedingtheit und ihren Konstruktionscharakter,
der sich aus den Bedürfnissen der Gegenwart nach Erkenntnissen
über das Gewordene erklärt und sich für den einzelnen
aus der Suche nach biographischer Konsistenz ergibt.
Mit dieser Anmerkung
soll keinem modischen Konstruktivismus gefrönt, sondern an durchaus
ältere Einsichten erinnert werden, wie man sie etwa auch in der
einst populären und zwischen 1927 und 1931 erschienenen "Kulturgeschichte
der Neuzeit" von Egon Friedell wiederfinden kann: "Geschichte
wird erfunden: täglich neuentdeckt, wiederbelebt, uminterpretiert
nach dem jeweiligen Bedürfnis der Weltkonstruktion" (zitiert
nach der Gesamtausgabe, München, o.J., S. 948).
Der hier zur Besprechung
anstehende autobiographische Text von Alfred Schrick schildert die Kindheits-
und "Jugenderinnerungen eines alten Mannes", aufgezeichnet
zunächst für die eigenen Enkelkinder (S. 5), dann aber zweimal
zum Druck gegeben für eine breitere Öffentlichkeit (1. Auflage
2000, 2. Auflage 2002), die leider nichts vom weiteren Werdegang dieses
Mannes und damit über seine Erzählperspektive erfährt.
Das schmälert den Wert der Darstellung für Außenstehende
erheblich. Gleichwohl enthält der Text viele interessante Details
über die Zwischenkriegszeit im Nordpfälzer Bergland.
Der Verfasser wurde
1919 in Alsenz geboren. Sein Vater war "Küfer, Winzer, Gastwirt
und Schnapsbrenner" (S.12) und betrieb eine Gaststätte im
Bahnhofsviertel, wo Alfred Schrick zusammen mit seinen fünf Geschwistern
aufwuchs (S. 19). Seine Erzählungen beginnen mit den frühesten
Erinnerungen an das Elternhaus und die nähere Umgebung. Sehr anschaulich
sind die detailreichen Schilderungen über den einstigen Zugverkehr,
der über Alsenz führte und bei dem heranwachsenden Jungen
offensichtlich einen unauslöschlichen Eindruck hinterließ.
Viel ist noch vom kindlichen Staunen über die alten Dampflokomotiven
zu spüren, manches über die vielfältigen Aufgaben der
Eisenbahner sowie das Reisen in jenen Tagen nachzulesen. Sehr schön
zeigt der Text in den folgenden Abschnitten, wie sich mit dem Heranwachsen
des Kindes sein Aktionsradius allmählich vergrößerte
und damit auch der Schatz seiner Eindrücke aus der weiteren Umgebung
wuchs.
Zusammengenommen
vermitteln die Ausführungen nicht das Bild von einer guten, alten
Zeit, die dem Leser als verlorengegangenes Paradies präsentiert
wird, sondern sie zeigen durchaus die Beschwernisse des Alltagslebens
in jenen Jahren. Mangel und Not waren nach dem Ersten Weltkrieg vielerorts
zu spüren und prägten nicht nur die Alltagserfahrungen in
den untersten sozialen Schichten. Die Kindheitserinnerungen von Alfred
Schrick legen davon beredt Zeugnis ab, wiewohl sie ihre Nachdrücklichkeit
unseren heutigen Erfahrungen vom Leben in einer Konsum- und Überflußgesellschaft
verdanken.
Der Text endet 1933
mit der Machtübernahme Adolf Hitlers - leider, muß man sagen,
denn der Verfasser, der seit 1930 die Staatliche Oberschule für
Jungen in Bad Kreuznach besuchte (S. 188), blendet damit genau jene
historischen Ereignisse aus, die für die Angehörigen seiner
Generation die prägendsten gewesen sein dürften (vgl. die
Arbeiten von Albrecht Lehmann) und für die man ihm aufgrund seines
Lebensalters am ehesten eine eigenständige Kompetenz zubilligen
würde, jedenfalls eher als für die Darstellung der Inflation
von 1923 (S. 21) und den wirtschaftlichen Aufschwung im folgenden Jahr
(S. 22), in dem Alfred Schrick fünf Jahre alt wurde!
Was bleibt zu sagen?
Äußerst hilfreich ist das ausführliche Register am Ende
des Buches. Ähnliches findet man tatsächlich nur selten im
Anhang von Autobiographien. Hinzu kommen 59 Anmerkungen in Fußnoten,
die allerdings keine wissenschaftliche Erschließung des Textes
bieten (eher Querverweise). Manches davon erscheint entbehrlich, z.B.
Fußnote 47, einzelnes sogar falsch, z.B. Fußnote 45. Wenn
der Verfasser sich auf S. 190 an die Jugendorganisationen Ende der Zwanziger
Jahre in Alsenz erinnert und schreibt, daß die "Adler und
Falken" der SPD nahestanden, verwechselt er die Namen. Gemeint
sind an dieser Stelle sicherlich "Die Falken", wie die Sozialistische
Jugend Deutschlands bis heute heißt. Dagegen repräsentierten
"Adler und Falken" den völkischen Flügel des Wandervogels
und standen äußerst rechts. "Braune" NS-Volkskundler
wie Matthes Ziegler und Hans Strobel gehörten dieser Organisation
an. Wer sich für solche Fragen interessiert, wird freilich nicht
in den Kindheits- und Jugenderinnerungen von Alfred Schrick nachschlagen.
Ihr Charme und ihre Gültigkeit erschließen sich auf einer
anderen, subjektiven Ebene, die nichtsdestoweniger Ausgangspunkt wissenschaftlicher
Betrachtungen sein kann.
Diese Rezension
ist in Heft 17/2 2002, Seite 157-158, abgedruckt. Das Heft kann per
Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.
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