Ausgabe 17/2 2002
Simon, Michael /
Kania-Schütz, Monika / Löden, Sönke (Hg.):
Zur
Geschichte der Volkskunde.
Personen - Programme - Positionen.
Thelem Universitätsverlag, Dresden 2002, 419 Seiten mit zahlreiche
Abbildungen
Volkskunde in Sachsen; H. 13/14
ISBN 3-935712-05-7
Eine Rezension von
Natalie Voges
Diese umfangreiche
Publikation entstand im Anschluß an eine Tagung des Instituts
für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. im November
2000. Thema der Veranstaltung war die Geschichte der volkskundlichen
Forschung in und um Sachsen, basierend auf einem Forschungsschwerpunkt
des Instituts. Der vorliegende Band dokumentiert die 23 Referate dieser
Tagung von Autoren und Autorinnen verschiedener geistes- und kulturwissenschaftlicher
Fachrichtungen. Zur Einteilung der einzelnen Artikel wurde eine chronologische
Ordnung angelegt, die sich in drei große Kapitel gliedert: I.
Anfänge der Forschung im 18. und 19. Jahrhundert; II. Die Ausbildung
des Faches in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; III. Wege
der Forschung nach dem Zweiten Weltkrieg. Der erklärte Schwerpunkt
liegt auf der Diskussion regional relevanter Themen des sächsischen
Raumes, wobei auch überregionale Vergleichsbeispiele einbezogen
wurden.
Die möglichen
Kritikpunkte und Schwächen der Publikation werden im Editorial
selbst angedeutet und zum Teil überzeugend erläutert. So sollen
zum Beispiel keine endgültigen Resultate, sondern lediglich Zwischenergebnisse
präsentiert werden, die nach Angaben des Herausgebers "[
]
der weiteren Überprüfung bedürfen." Der Band ist
also in erster Linie ein vorläufiges Resümee der volkskundlichen
Forschung in Sachsen von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Die
Mehrheit der Beiträge beschäftigt sich mit spezifischen fachrelevanten
Themenbereichen und Persönlichkeiten und beschreibt ihre Entwicklung
und historische Bedeutung. Die überregionalen, sowie die fachtheoretischen
Themen fügen sich daher jedoch eher schwerfällig in diesen
Band ein und lassen somit ein homogenes Gesamtkonzept vermissen
Ebenfalls nachvollziehbar
ist die Entscheidung für eine chronologische Einteilung der Beiträge,
obwohl sie in einigen Punkten verwirrend erscheinen mag. Grund hierfür
sind nicht nur die vom Herausgeber erwähnten Überschneidungen,
sondern der diachronische Charakter mancher Artikel, wobei sich hier
die Frage stellt, ob eine themenorientierte Strukturierung dem Leser
vielleicht einen besseren Zugang ermöglicht hätte
Bezüglich der
einzelnen Artikel wäre anzumerken, daß manche Beiträge
keine weitergehenden Analysen liefern. So vermittelt Wolfgang Rudolphs
Annäherung an den "Vater der evangelischen Kirchenkunde und
der religiösen Volkskunde", Paul Drews, Ansätze, die
den Leser nicht immer zufriedenstellen, sondern lediglich weitere Fragen
hinterlassen. Die Bedeutung des Theologen für die Volkskunde bzw.
seine spezifischen Forschungsgebiete und -erkenntnisse werden nicht
ausreichend erörtert.
Ähnlich verhält
es sich mit Götz Altmanns Beitrag über den Altertums- und
Montanethnographen Dr. Helmut Wilsdorf. Zwar gibt Altmann einen umfassenden
Überblick über Leben und Werk des Dresdener Wissenschaftlers,
doch scheint der Artikel in manchen Teilen nicht hinreichend sorgsam
aufgebaut. Der Abschnitt über den Bergmannsberuf, einem Forschungsschwerpunkt
Wilsdorfs, beispielsweise wirkt deplatziert in dieser doch eher biographischen
Abhandlung. Obwohl die Darstellung einen interessanten Einblick in dieses
Berufsfeld gibt, ist sie viel zu knapp gefaßt, als daß sie
- im Rahmen des gesamten Textes gesehen - einem konkreten Zweck dienen
könnte.
Es muß jedoch
hervorgehoben werden, daß die Mehrheit der Beiträge diesen
kritischen Anmerkungen in keiner Weise entspricht. Vielmehr sind einige
der Artikel besonders positiv hervorzuheben, da sie mehr als nur einen
geschichtlichen Abriß oder ein vorläufiges Ergebnis bieten.
Dazu gehören nach Ansicht der Rezensentin unter anderem die Beiträge
von John Eidson, Monika Kania-Schütz, Walter Schmitz und Johannes
Just. Eidsons Untersuchung über die Rolle der Geschichtsschreibung
bei der Herausbildung regionaler Identitäten ist durchgehend schlüssig
und fesselnd. Die zahlreichen Quellenbeispiele werden kritisch in einen
historischen und kulturellen Kontext gesetzt und verglichen. Auf dieser
Basis leitet Eidson allgemeine Erkenntnisse ab, die dem Leser eine tiefgehende
Analyse der Thematik eröffnen. Gleiches gilt für den Beitrag
von Just über die Geschichte des Heimatschutzes als praktische
Seite der Volkskunde am Beispiel Sachsens. Just zitiert nicht nur diverse
Quellen, sondern zieht auch aussagekräftige und kritische Schlüsse
und setzt seine Erkenntnisse in einen Gesamtzusammenhang.
Als abschließende
Bemerkung soll noch einmal auf den positiven Gesamteindruck des Bandes
hingewiesen werden. Trotz der oben erwähnten Mängel verleiht
der überwiegende Teil der Texte dieser Publikation ein durchweg
hohes Niveau - ein gelungenes Resümee und eine umfassende Zwischenbilanz
der volkskundlichen Forschung in Sachsen. Vielleicht kann dieser Band
anderen Regionen als Anregung dienen, eine ähnlich kompakte Darstellung
ihrer Wissenschaftsgeschichte zu präsentieren.
Diese Rezension
ist in Heft 17/2 2002, Seite 159-160, abgedruckt. Das Heft kann per
Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.
Seitenanfang